Kommentar zu den Oscars 2019: Die größte Fehlentscheidung gab's am Ende

Bei der Auszeichnung für den besten Film hat die Academy eine fragwürdige Entscheidung getroffen. (Bild: Danny Moloshok/Invision/AP)

In den vergangenen Jahren hat die Academy immer wieder guten Geschmack bewiesen. Bei den Oscars 2019 hatte man am Ende aber allen Grund sich zu ärgern – als der Preis für den besten Film vergeben wurde.

Ein Kommentar von Carlos Corbelle

Es hätte alles so schön werden können – und dann wurde am Ende doch noch “Green Book” als bester Film ausgezeichnet. Der Film um einen Road Trip durch die rassistischen Südstaaten der 1960er ist ein seichtes, auf Buddy-Komödie getrimmtes Gute-Laune-Rührstück, dessen vermeintlich gleichwertigen Protagonisten nie auf Augenhöhe sind. Im Grunde ist es nämlich die Geschichte des weißen, vorurteilsbeladenen Proleten Tony Lip, der seinen Alltagsrassismus arglos vor sich her trägt – aber irgendwie ja doch das Herz am rechten Fleck hat, Familienmensch und so, und daher als Sidekick den kultivierten, afroamerikanischen Musiker Don Shirley braucht, um dem gerührten Zuschauer zeigen zu können, dass er ja doch kein schlechter Kerl ist. Dem schwarzen Künstler bleibt da nur die Rolle des stolzen, aber letztlich doch immer auf die Hilfe Tonys angewiesenen Opfers, der erst durch Tonys beherzte Art zu erkennen vermag, wer er wirklich ist. Ein Feel-Good-Movie, der auf einer wahren Geschichte beruht, in Wirklichkeit aber nichts Wahres, sondern bloß Verkitschtes erzählt.

Bezeichnend ist übrigens, dass der großartige Mahershala Ali, der ebenfalls für seine Rolle in dem Film mit dem Oscar prämiert wurde, in der Kategorie “Bester Nebendarsteller” zu finden war – während Viggo Mortensen, der dagegen leer ausging, als bester Hauptdarsteller im Rennen war. Besser hätte die Academy das Missverhältnis innerhalb des Films nicht auf den Punkt bringen können.

Mahershala Ali nahm nach “Moonlight” seinen zweiten Oscar entgegen. (Bild: Getty Images).

Klischeebeladenes Biopic gewinnt die meisten Oscars

Insgesamt erhielt “Green Book” 3 Oscars und damit einen weniger als “Bohemian Rhapsody”, der mit 4 Trophäen der Spitzenreiter des Abends war, wenn es darum geht, wer die meisten Oscars gewonnen hat. Warum auch das klischeebeladene Biopic über Freddy Mercury um den Oscar als bester Film konkurrierte, ist nur schwer nachzuvollziehen. Letztlich gewann er aber vorrangig in technischen Kategorien und wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn nicht auch Rami Malek als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet worden wäre. Der Film ist mittelmäßig, Maleks Performance als legendärer Queen-Sänger aber beachtlich und Oscar-würdig – wenn auch nicht ganz so unwiderstehlich wie Bradley Coopers ebenfalls nominierte Verkörperung eines Musikers in “A Star Is Born”.

Zu den Gewinnern des Abends gehört definitiv auch “Roma”, auch wenn es für die Auszeichnung als bester Film nicht gereicht hat. Dafür gab es aber den Oscar als bester fremdsprachiger Film, der damit glücklicherweise nicht an den prätentiösen “Werk ohne Autor” aus Deutschland ging, sowie den Preis für die beste Regie und die beste Kamera. Aus künstlerischer Sicht kann man die Auszeichnungen nur begrüßen. Das Schwarz-Weiß-Porträt einer Familie im Mexiko der 1970er ist ein virtuos inszeniertes Drama, mit dem Alfonso Cuarón seine Kindheit verarbeitet und seiner einstigen Nanny ein cineastisches Denkmal setzt. Es ist ein Film, der sich gängigen Erzählkonventionen verweigert, weil er sich aus den Erinnerungen des Regisseurs speist und diesem Umstand auch seine traumhaft anmutende, gleichermaßen intime wie distanzierte Ästhetik verdankt – so als hätte man die Träume einer längst vergangenen Kindheit ungefiltert auf die Leinwand projiziert.

“Roma”-Regisseur Alfonso Cuarón gewann unter anderem den Oscar für die beste Regie. (Bild: Getty Images)

Nur, dass es kaum Leinwände gab, auf die man “Roma” hätte projizieren können. Da “Roma” eine Netflix-Produktion ist, lief sie nur kurz in wenigen ausgewählten Kinos – auf diese Weise wurden die Kriterien erfüllt, die für eine Oscar-Nominierung nötig sind – um anschließend weltweit als Stream auf Netflix zu erscheinen. Dass mit der zweifellos verdienten Auszeichnung für die beste Regie – ein Oscar, der ähnlich wichtig wie der für den besten Film ist – nun ausgerechnet ein Streaming-Service geadelt wird, der sich herzlich wenig um den Fortbestand des Kinos schert, sondern vielmehr auf dem besten schlimmsten Wege ist, ihm eines Tages den Rang abzulaufen, dürfte jedem Cineasten ein wenig das Herz brechen.

Starke Filme über Rassismus

Schade ist auch, dass “BlackKkKlansman” allein für das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde. Spike Lees Film um einen afroamerikanischen Undercover-Cop, der den Ku Klux Klan unterwandert, spielt zwar in den 1970ern, lässt aber immer wieder durchblicken, dass er im Grunde genauso sehr von den heutigen Verhältnissen, vom strukturellen Rassismus und den Angry White Men unserer Tage erzählt. “BlackKkKlansman” ist ein wütender Film, ein unmissverständlicher Mittelfinger an Trumps Amerika, der trotz seiner Dringlichkeit federleicht wirkt, weil er der Borniertheit der beschränkten Klan-Mitglieder etwas entgegensetzt, das hasserfüllten Rassisten fremd ist: eine humorvolle Distanz.

Spike Lee wurde für das Drehbuch zu “BlackKkKlansman” mit dem Oscar ausgezeichnet. (Bild: Jordan Strauss/Invision/AP)

Der Preis für den besten Film und die beste Regie hätte auch “BlackKkKlansman” gut zu Gesicht gestanden – er ist, wie übrigens auch Marvels afrofuturistisch angehauchter Superhelden-Film “Black Panther”, der 3 Oscars erhielt (Kostümdesign, Filmmusik, Szenenbild), der weitaus stärkere und ehrlichere Film über schwarze Helden und Rassismus. Das gilt auch für den ebenso schönen wie traurigen Liebesfilm “If Beale Street could talk”, der ebenfalls vor dem Hintergrund des strukturellen Rassismus in den USA spielt, doch von der Academy schon bei den Nominierungen völlig zu Unrecht weitgehend ignoriert wurde. Umso erfreulicher, dass Regina King nun wenigstens den Preis für die beste Nebendarstellerin in dem Film einheimsen konnte.

Lady Gaga kann es kaum fassen: Sie hat einen Oscar gewonnen. (Bild: Chris Pizzello/Invision/AP)

Und was ist mit Lady Gaga?

Letztlich darf auch “A Star is born” nicht unerwähnt bleiben. Aus dem von vielen erhofften Preisregen wurde ebenso wenig wie aus dem Oscar für Lady Gagas Hauptrolle – Olivia Colman, an die der Award in der Kategorie ging, war als launenhafte Queen Anne in “The Favourite” einfach zu gut. Aber: Lady Gagas “A Star is born”-Lied “Shallow” hat natürlich den Oscar als bester Song gewonnen. Womit die Academy in meinen Augen auch einen der schönsten Kinomomente des Jahres geehrt hat, die Szene nämlich, in der die von Lady Gaga gespielte Musikerin in spe der Welt eine erste Kostprobe dessen gibt, was tatsächlich in ihr steckt. Was uns der Filmtitel “A Star is born” weismachen will – die Geburt eines Stars, den Beginn einer großen Musikkarriere – bleibt bei der Performance dieses Songs nicht bloße Behauptung. Man kann förmlich spüren, wie sich hier etwas seinen Weg bahnt, das wahrhaftiger, zwingender und nachhaltiger ist, als das, was man vom nunmehr dritten Aufguss eines alten Hollywood-Musikfilms erwarten würde. Selten zuvor war der Oscar für den besten Song verdienter als hier.

Hier die Liste aller Oscar-Gewinner 2019 im Überblick:

Bester Film

“Green Book – Eine besondere Freundschaft”

Beste Hauptdarstellerin

Olivia Colman “The Favourite – Intrigen und Irrsinn”

Bester Hauptdarsteller

Rami Malek “Bohemian Rhapsody”

Beste Nebendarstellerin

Regina King “If Beale Street Could Talk”

Bester Nebendarsteller

Mahershala Ali für “Green Book”

Beste Regie

Alfonso Cuarón für “Roma”

Bester fremdsprachiger Film

“Roma” (Mexiko)

Bester Animationsfilm

“Spider-Man: A New Universe”

Beste Kamera

“Roma”

Bestes Kostümdesign

“Black Panther”

Bester Dokumentarfilm

“Free Solo”

Bester Dokumentar-Kurzfilm

“Period. End of Sentence.”

Bester Schnitt

“Bohemian Rhapsody”

Bestes Make-up/Frisuren

“Vice – Der zweite Mann”

Beste Filmmusik

“Black Panther”

Bester Song

“Shallow” aus “A Star Is Born”

Bestes Szenenbild

“Black Panther”

Bester animierter Kurzfilm

“Bao”

Bester Kurzfilm

“Skin”

Bester Tonschnitt

“Bohemian Rhapsody”

Bester Ton

“Bohemian Rhapsody”

Beste visuelle Effekte

“Aufbruch zum Mond”

Bestes adaptiertes Drehbuch

“BlackKkKlansman”

Bestes Originaldrehbuch

“Green Book – Eine besondere Freundschaft”