Deutschland und USA verhandeln mit Taliban über Ausreise von Ortskräften

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Indische Staatsbürger bei der Ausreise aus Kabul

Zur Sicherstellung der Ausreise von Zivilisten aus Afghanistan verhandeln die Regierungen Deutschlands und der USA direkt mit den radikalislamischen Taliban. Die Taliban hätten zugesagt, dass Zivilisten eine "sichere Durchfahrt" zum Flughafen von Kabul gewährt werden solle, sagte der Nationale Sicherheitsberater von US-Präsident Joe Biden, Jake Sullivan, am Dienstag. Zuvor hatte Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) gesagt, dass die Taliban nur Ausländer, jedoch keine afghanischen Bürger zum Flughafen durchließen.

Neben eigenen Bürgern will die Bundesregierung jedoch auch möglichst viele afghanische Ortskräfte und deren Familien in Sicherheit bringen. Der deutsche Botschafter in Kabul, Markus Potzel, sei deshalb in die katarische Hauptstadt Doha gereist, wo US-Vertreter mit Taliban-Repräsentanten bereits im Gespräch sind, sagte Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) am Dienstagabend in Berlin.

Sullivan zufolge schien es, als würden Menschen grundsätzlich an den Flughafen kommen können. Es gebe aber in der Tat Berichte, dass die Taliban Menschen zurückgewiesen und sogar geschlagen hätten. In den Gesprächen mit den Taliban geht es nach Sullivans Angaben auch um einen Zeitplan für die Ausreise von tausenden US-Bürgern und afghanischen Helfern.

Die Taliban waren am Sonntag nach einem rasanten Eroberungsfeldzug in Kabul einmarschiert und damit knapp 20 Jahre nach dem Einmarsch westlicher Truppen in Afghanistan an die Macht zurückgekehrt. Westliche Staaten wie die USA und Deutschland haben deshalb eine militärische Luftbrücke eingerichtet, um ihre Staatsbürger und Ortskräfte in Sicherheit zu bringen.

Die ersten aus Afghanistan ausgeflogenen deutschen Staatsbürger kamen am Dienstag in Deutschland an. Nach Informationen der Nachrichtenagentur AFP handelte es sich um Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Kabul, die auf dem Hauptstadtflughafen BER landeten. Die genaue Zahl der Rückkehrer war zunächst unklar.

Laut Maas sollte die Luftwaffe in der Nacht zum Mittwoch 180 weitere Menschen aus Kabul in die usbekische Hauptstadt Taschkent bringen. Bislang hatte die Luftwaffe 132 Menschen dorthin ausgeflogen. Von dort sollen sie mit gecharterten Lufthansa-Maschinen nach Deutschland gebracht werden. Laut Lufthansa sollte in der Nacht zum Mittwoch die erste Maschine in Deutschland ankommen.

Frankreich meldete die Ankunft des ersten Evakuierungsflugs in Paris mit 45 Franzosen und Afghanen an Bord. Belgien schickte ein erstes Flugzeug mit Spezialisten los, die die Evakuierung von insgesamt 100 Bürgern und Afghanen vorbereiten sollten.

Italiens Premierminister Mario Draghi sagte der Rundfunkanstalt Rai, dass die meisten italienischen Diplomaten aus Afghanistan bereits in Rom seien. Schweden vermeldete, dass sämtliche Botschaftsmitarbeiter zurückgekehrt seien.

Unterdessen wollen die USA bald in der Lage sein, pro Stunde ein Flugzeug starten zu lassen und damit täglich 5000 bis 9000 Menschen aus dem Land zu fliegen, wie ein Pentagon-Vertreter am Dienstag sagte. Insgesamt wollen die USA allein mehr als 30.000 Menschen in Sicherheit bringen.

Zur Sicherung des Flughafens von Kabul entsendete US-Präsident Joe Biden weitere Soldaten. Die Zahl der eingesetzten Soldaten sollte von 2500 am Montag auf 4000 am Dienstag steigen. Ziel sind 6000 Soldaten.

Während Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Dienstag mit anderen europäischen Staatenlenkern eine enge Koordination bei den Evakuierungsflügen aus Afghanistan vereinbart hatte, sprach US-Präsident Joe Biden seit der Machtübernahme der Taliban laut Sullivan mit keinem anderen Staats- oder Regierungschef. Sullivan betonte allerdings, dass er selbst, US-Außenminister Antony Blinken und weitere hohe Regierungsbeamte im regen Austausch mit anderen Ländern stünden.

Zum Start der Evakuierungsflüge am Montag war es auf dem Flughafen von Kabul zu chaotischen Szenen gekommen. Tausende Menschen versuchten, an Bord von startenden Maschinen zu gelangen. Afghanische Medien berichteten, dass mehrere Menschen starben, als sie von startenden Flugzeugen herabfielen.

fml/ck

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