Die Zweiklassen-Krypto-Gesellschaft: Telegram sammelt „versehentlich“ 500 Millionen US-Dollar zu viel ein

Sven Wagenknecht

Wer kennt das nicht? Man möchte bloß 1,2 Milliarden US-Dollar im Private Sale für sein Blockchain-Projekt einsammeln, bekommt aber 500 Millionen US-Dollar zu viel und beschließt kurzer Hand den anschließend geplanten Public Sale abzusagen, da 1,7 Milliarden US-Dollar mehr als ausreichend sind. Diese absurde Situation ist beim Messenger-Dienst Telegram eingetreten. Telegram plant eine alternative Paymentlösung zu VISA und MasterCard – mit angeblich minimaler Transaktionsdauer, höchster Sicherheit und super geringen Kosten (BTC-ECHO hat berichtet). So schön sich diese Versprechen auch anhören mögen, stellt sich zwangsläufig die Frage: Braucht es dafür wirklich so viel Geld? Besteht eine Verhältnismäßigkeit zwischen Investitionssumme und Projektziel?

Fundamental ist die Frage – wie bei den meisten Token Sales – kaum sinnvoll zu beantworten. Außer 200 Millionen Nutzern kann Telegram nichts vorlegen, das eine seriöse Bewertung des Projektvorhabens zulässt. Wie also kommt so eine hohe Summe zustande? Eine Antwort könnte in der Herkunft der Gelder liegen: Es haben nur knapp 200 Investoren am Private Sale partizipiert. Wer diese Personen sind, die mindestens eine Million US-Dollar investiert haben, ist nur in wenigen Fällen bekannt. Auch kann vermutet werden, dass manche Investoren weniger aus Überzeugung als aus der Motivation, Privatvermögen diskret zur Seite zu schaffen, in Telegram investiert haben. Wie sehr das Blockchain-Projekt von Telegram ausschlaggebend für die hohe Investitionsbereitschaft war oder aber eben andere Gründe dahinter stehen, lässt sich nicht sicher sagen.

Adé Blockchain Égalité

Der Grundgedanke von Token Sales wird damit ad absurdum geführt, besticht doch das ursprüngliche Konzept von Token Sales dadurch, dass jeder Mensch auf der Welt bereits mit kleinen Summen an innovativen Blockchain-Projekten teilhaben kann. Die Exklusivität des Finanzsystems und die daraus resultierende Benachteiligung nicht vermögender Personen aufzubrechen, war eines der großen Blockchain-Versprechen, die maßgeblich zur Faszination von Bitcoin & Co. beigetragen haben. Mit den Private Sales, zu denen nur ausgewählte Investoren Zugang haben, wird genau dieses Versprechen immer weiter pervertiert. Die Elite bleibt unter sich. Die hochgehaltene Blockchain-Transparenz verkümmert zum Lippenbekenntnis und aus öffentlich wird privat – Willkommen in der Zwei-Klassen-Krypto-Gesellschaft.

Es bringt allerdings nichts, Telegram dafür die Verantwortung in die Schuhe zu schieben. Vielmehr muss den Gründen nachgegangen werden, die erklären, warum kein Public Sale stattgefunden hat. Einer liegt in der Regulierung bzw. den Restriktionen der SEC, also der amerikanischen Wertpapieraufsichtsbehörde. So besteht die Befürchtung, dass die SEC bei einem Public Sale den zugrundeliegenden Token als Wertpapier einstufen könnte. Eine Einstufung, die aufgrund der regulatorischen Umstände möglichst vermieden wird. Entsprechend wäre es hier ein wünschenswerter Schritt, einen klaren Rechtsrahmen zu schaffen, der es auch nicht-institutionellen Investoren erleichtert, an Token Sales zu partizipieren.

Neuer Polit-Krimi im Anmarsch?

Ebenfalls sorgt die Rolle des russischen Staates für Verunsicherung. Da Telegram keine Nutzerdaten an die Behörden weitergeben möchte, wird der Messenger-Dienst in Russland blockiert. Es ist also vollkommen unklar, wie sich das politische Risiko in Zukunft auf Telegram auswirken wird. Ein Warnschuss für Investoren. Schließlich ist ein Blockchain-Investment ohnehin mit großen Risiken behaftet. Zusätzliche Risiken wie etwa staatlicher Gegenwind sind da alles andere als beruhigend. Grundsätzlich gilt in der Causa Telegram, dass die genauen Hintergründe und Motive der beteiligten Akteure nicht eindeutig sind – das letzte Wort ist hier noch nicht gesprochen.

BTC-ECHO

 

Source: BTC-ECHO

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