Der zweifelnde Angreifer

Der SPD-Kanzlerkandidat attackiert heftig Angela Merkel. Doch der Programm-Parteitag zeigt auch: die vergangenen Wochen haben Spuren hinterlassen.


Es dauert ungefähr fünfzig Minuten, bis Martin Schulz den Aggregatzustand erreicht hat, den er von sich selber erwartet. Der SPD-Chef hält plötzlich inne, schnauft und schaut in den Saal, dann sagt er: "Man is' dat heiß hier." Schulz greift dankbar zum Glas Wasser an seinem roten Pult. Applaus brandet auf, als er das Jackett ablegt. Man kann an seinem weißen Hemd ablesen, wie er schwitzt, selbst auf einige Entfernung. Fehlte nur noch, dass er demonstrativ die Ärmel hochkrempelt.

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, das dies hier keine normale Rede ist, er wäre spätestens jetzt erbracht. Schulz verausgabt sich. Aber das muss er auch.



Schulz und die Partei, sie liegen - wieder - weit abgeschlagen hinter der Union und Angela Merkel. Eine Wende soll her. Der Programm-Parteitag an diesem Sonntag soll den Anfang vom Ende der Kanzlerin einläuten. Hier also müsste der Herausforderer begründen, warum er das Land führen sollte. Hier müsste er einen Begriff davon geben, was sich alles ändern würde, zum Besseren. Und in was für einer Kulisse: Westfalenhalle Dortmund, erhabenes Industriepathos ausgerechnet in der Stadt, die Willy Brandt einst die "heimliche Hauptstadt der SPD" nannte

"Es ist Zeit", so lautet einer der Leitformeln des sozialdemokratischen Wahlkampfs. Es ist vor allem Zeit für Schulz, seiner Partei den Glauben an einen Wahlsieg im September wiederzugeben. Den Optimismus des Frühjahrs wiederzubeleben, damals, als eine Abwahl Merkels auf einmal kurz in der Luft lag.



Der Herausforderer redet, ruft und dröhnt ganze 80 Minuten lang. Mehr als einmal gibt er den mehr als 5000 Gästen und Genossen unter der mächtigen Hallenkuppel das, was sie hören wollen. Schulz attackiert den türkischen Präsidenten Erdogan. Er kanzelt die AfD ab. Macht die Ehe für alle, wie schon die Grünen und die FDP, zur Koalitionsbedingung. Redet sogar der politischen Utopie der "Vereinigten Staaten von Europa" das Wort. Und doch: Schulz, der frühere Parteitage als Europaeuphoriker in Ekstase versetzt hat, hält eine gute Rede, aber keine berauschende. Er greift die Kanzlerin scharf an, das ja, aber er hinterlässt keine prägenden Sätze, noch kein Leitmotiv, dass ihn in den verbleibenden drei Monaten durch diese Kampagne tragen könnte. Es fehlt das Funkelnde, das Besondere.

Immerhin: Schulz hat sich entschieden, die (bisherige) programmatische Verweigerung der Union von nun an frontal zu attackieren. Merkels Taktik, nicht konkret zu werden, Debatten zu vermeiden, sei "ein Anschlag auf die Demokratie", eine "Arroganz der Macht". Wer die Katze im Sack kaufen wolle, könne CDU wählen. Hier, in der direkten Konfrontation, mit Wahlkampf pur, hat er seine stärkstes Momente. Der Saal tobt.

Der Rest ist der Stoff, aus dem Schulz seit seiner Inthronisierung seine Politik wirkt: Gerechtigkeit, Fortschritt und Sicherheit, Respekt vor harter Arbeit, Vertrauen, Würde. Er verfehlt für die Anwesenden Genossen seine Wirkung nicht. Wobei - ein Eindruck drängt sich dann doch auf, der neu ist. Da plädiert Schulz nicht nur für den Respekt vor den Lebensleistungen anderer, sondern legt auch immer Zeugnis von sich selbst ab.

So bekommt seine Rede plötzlich Züge einer Selbstoffenbarung. Mag er da vorne noch so leidenschaftlich und souverän reden, so laut und kraftvoll sein - Schulz redet als Zweifelnder. Die vergangenen Monate, der Hype und der Abschwung, sie haben Spuren hinterlassen.



Wenn er nun von seinen Begegnungen mit Menschen erzählt, für deren Schicksal sich niemand interessiere, von Bürgern, denen die Anerkennung fehle - da wird man einfach das Gefühl nicht los, dass Schulz hier auch immer ein wenig von sich selber redet.