Zwei junge Männer wegen Blutrachemord von Visselhövede vor Gericht

Knapp elf Monate nach einem mutmaßlichen Blutrachemord im niedersächsischen Visselhövede hat der Prozess gegen zwei junge Männer begonnen. Die Staatsanwaltschaft wirft den Angeklagten vor, einen Albaner auf offener Straße niedergeschossen zu haben

Knapp elf Monate nach einem mutmaßlichen Blutrachemord im niedersächsischen Visselhövede hat am Donnerstag vor dem Landgericht Verden der Prozess gegen zwei junge Männer begonnen. Die Staatsanwaltschaft wirft den 23 und 24 Jahre alten Angeklagten vor, im Januar einen 46-jährigen Albaner von einem Motorrad aus auf offener Straße niedergeschossen zu haben.

Nach Angaben einer Gerichtssprecherin wurde das Verfahren kurz nach Beginn unterbrochen, weil der Verteidigung die Besetzung des Gerichts nicht korrekt mitgeteilt worden war. Der Prozess wird am 16. November fortgesetzt. Zur Verlesung der Anklage kam es nicht.

Das Verbrechen in der Kleinstadt zwischen Hannover und Hamburg hatte im Januar großes Aufsehen erregt. Der Angriff erfolgte direkt vor einer Schule mit einer Pistole samt Schalldämpfer, die Täter gaben insgesamt zwölf Schüsse auf ihr Opfer ab. Der Mann verstarb einige Tage später an schweren Kopfverletzungen.

Laut Anklage handelte es sich um einen heimtückischen Mord aus niedrigen Beweggründen. Die Täter hätten die Wehr- und Arglosigkeit ihres eine Straße entlanggehenden Opfers ausgenutzt, "um diesen ohne jede Gegenwehr öffentlich hinzurichten". Die Schüsse erfolgten aus maximal einem Meter.

Hintergrund der Tat war der Staatsanwaltschaft zufolge eine Blutrachefehde zwischen den in Albanien lebenden Familien des Opfers und der Täter. Blutrache wird demnach dort in einigen Regionen trotz Verbots noch praktiziert. Der Getötete war deshalb in Deutschland untergetaucht und hier als Flüchtling anerkannt.

Laut Ermittlern hatte der 46-Jährige 2011 ein Familienmitglied der Angeklagten in einer "notwehrnahen" Situation getötet und dafür in Albanien bis Ende 2016 im Gefängnis gesessen. Die im sehr ländlich geprägten Nordalbanien lebenden Angehörigen des damals Getöteten forderten nach den Regeln der Blutrache drei Leben von dessen Familie zur Herstellung der Familienehre ein.

Die Angeklagten waren viereinhalb Monate nach der Tat im April in Seelze bei Hannover sowie im niederländischen Amsterdam gefasst worden und sitzen seitdem in Untersuchungshaft. Bei den internationalen Ermittlungen gab es auch Durchsuchungen in Albanien.