Wie zwei Intimfeinde sich für Gold zusammenrauften

Boris Becker schäumte vor Wut, er schrie, er tobte, er rastete völlig aus.

"Leck mich am Arsch", brüllte er, so laut, dass die Gluthitze über dem Centre Court von Barcelona noch ein bisschen mehr ins Flirren geriet.

Die gefühlt tausendste Breakchance hatten Boris Becker und Michael Stich im olympischen Herrendoppel-Finale 1992 gegen die Südafrikaner Wayne Ferreira und Piet Norval vergeben, und wieder war es Becker gewesen, der einen leichten Ball ins Netz getrümmert hatte.

Pilic gibt den Übermittler

Der Mann an seiner Seite, der "Spieler Stich", wie Becker seinen Intimfeind gerne nannte, blieb cool.

Natürlich, das tat er ja meistens, für die großen Emotionen war der "rote Baron" zuständig. Die beiden besten Tennisspieler, die Deutschland jemals hatte, waren einander in fast schon verächtlicher Abneigung verbunden. Bundestrainer Niki Pilic hatte in Barcelona jedenfalls alle Hände voll zu tun, um den Goldkurs zu halten.

Spätabends, wenn es darum ging, die Taktik für den nächsten Tag zu besprechen, lief Pilic zwischen den Zimmern der beiden hin und her, dem einen die Botschaft des anderen überbringend.

Schweigen beim Seitenwechsel

"Das hat mich Jahre meines Lebens gekostet", erzählte er: "Ich musste viel lügen." An einem Tisch saßen Becker und Stich in Barcelona nicht ein einziges Mal, beim Seitenwechsel sprachen sie kein Wort miteinander. Dennoch hatten sie nach ihrem Aus im Einzel dasselbe Ziel, und sie erreichten es auch: Gold im Doppel.


Die Rollen waren stets klar verteilt, wenn Becker und Stich irgendwo zur selben Zeit auf demselben Tennisplatz standen. Becker war stets der Held des Publikums, immer der Sieger der Herzen, einer, von dem sein langjähriger Manager Ion Tiriac einst sagte, er sei das Kapital des deutschen Tennis.

Niemand litt und jubelte so schön wie der ewige Leimener, der mit seinem sensationellen Wimbledonsieg 1985 eine ganz neue Zählweise in die deutschen Wohnzimmer trug: 15, 30, 40, Spiel.

Und dann war da Michael Stich. Hochintelligent, distanziert, bisweilen sogar arrogant. Niemand liebte ihn, er wurde respektiert für sein an guten Tagen perfektes Spiel. Stich hatte ein "Händchen", er hatte diesen ganz speziellen Touch, der in den Jahren zuvor unter anderem auch John McEnroe ausgezeichnet hatte.

"Wenn alle ihr bestes Tennis zeigen, ist Michael Stich der Beste", sagte Pete Sampras, lange Jahre die Nummer eins, über den Mann, der es 1991 gewagt hatte, Becker im Wimbledonfinale zu schlagen.

Feier ohne Stich

Und nun hatten sie also doch gemeinsam etwas erreicht, aber es einte sie nicht. Dass sie sich nach dem Matchball von Barcelona sekundenlang in den Armen lagen, blieb eine Momentaufnahme.

Als Becker abends mit dem deutschen Team feierte, saß Stich schon im Flieger nach Hause. Er hatte "keine Lust" auf heitere Stunden geselligen Miteinanders. Der "Spieler Stich" blieb sich treu. Becker auch: "Wir mögen uns eben nicht."

Bis heute hat sich daran nichts Wesentliches geändert.