Wie zwei Deutsche in Brasilien das „Amazon für Immobilien“ aufbauten

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In Brasilien haben Florian Hagenbuch und Mate Pencz ein Immobilien-Unicorn aufgebaut. In Deutschland hätten sie es schwer gehabt.

Die Loft-Gründer Mate Pencz und Florian Hagenbuch in Brasilien.
Die Loft-Gründer Mate Pencz und Florian Hagenbuch in Brasilien.

Zuckerhut, Fußball, Samba – denkt man an Brasilien, fallen zuerst diese Begriffe. Doch die größte Volkswirtschaft Südamerikas mausert sich zum Startup-Paradies. Das haben zwei deutsche Gründer erkannt. Mit ihrem 2018 gegründeten Proptech Loft erobern Florian Hagenbuch und Mate Pencz die große, bisweilen undurchsichtige Immobilienbranche im Amazonas-Land. Die „Loft“-Plattform für digitalisierten Immobilienhandel zog nicht nur finanzstarke Investoren an, sondern strebt auch mittelfristig an die Börse.

Gründerszene erreichte einen der beiden Loft-Gründer, Mate Pencz, telefonisch im schwäbischen Böblingen auf Familienbesuch. Aus Baden-Württemberg stammt auch Mitgründer Florian Hagenbuch. Dieser wuchs in São Paolo auf. Eine gute Erfahrung für Hagenbuchs spätere Startup-Karriere. In São Paolo wurde 2018 auch Loft gegründet. Wenn Mate Pencz heute die Chancen für Startups in Brasilien erklärt, greift er zu Fußballtermini: „Hier läuft gerade die 1. Minute in der ersten Spielhälfte. Und das Spiel läuft immer schneller“.

Immobilien sind keine Jacke oder Tasche

Auf ihrer Website bezeichnen sich die Loft-Chefs als „Revolutionäre in einem traditionellen Markt“. Schon 2012 gründeten sie in Brasilien eine Online-Druckerei (2014 Teilverkauf an Weltmarktführer Vistaprint) und landeten erstmals auf der Forbes-Liste. Nun starten sie mit erneut durch. Loft sei „eine digitale Plattform, die mithilfe von Technologie den Verkauf und Kauf von Immobilien vereinfacht“, heißt es. Zu Gründerszene sagte Pencz: „Das kann man sich vorstellen wie den E-Commerce-Handel von Amazon oder Modehändler Zalando.“ Doch dass Immobilien keine Jacke oder Tasche sind und deren Handel ein komplexer Prozess, weiß natürlich auch Pencz. 

Alle Vorgänge rund um den Immobilien-Handel vom Kauf, über Eintrag ins Grundbuch, Versicherung und Finanzierung können gegen Kommission online abgewickelt werden. Dazu habe Loft eine Bezahlfunktion. Besucher der Plattform können sich ihre Wunschimmobilie beispielsweise per 3D-Führung ansehen. Dazu arbeite Loft mit allen großen brasilianischen Banken und Versicherungen zusammen und liefere Kunden die passgenaue Konditionen einer Finanzierung zu jedem Kauf, Verkauf oder Tausch, so Pencz.

In Amerika, wo die Loft-Gründer studierten, betreibt unter anderem die Immobilien-Firma Zillow aus Seattle einen vergleichbaren Online-Immobilienmarktplatz, über den User Immobilien kaufen, mieten und verkaufen. So etwas gab es in Brasilien bisher nicht. Stattdessen regierten Geldwäsche, Korruption und Regel-Dschungel. Das schreckte die Loft-Gründer aber nicht ab. „Die regulatorische Infrastruktur erlaubt es uns, die Transaktionen zu 100 Prozent online abzuwickeln. In den USA dagegen müssen immer noch Unterschriften auf Papier geleistet werden, um eine Immobilie zu kaufen. In Brasilien ist das nicht länger ein Problem“, so Pencz. Auf Nachfrage ergänzt er einen weiteren Vorteil am Amazonas: Anders als in Deutschland, wo Einsichtnahmen ins Grundbuch beim Amtsgericht an strenge Auflagen gekoppelt sind, seien in Brasilien Grundbücher frei zugänglich. Dazu lichtet sich der regulatorische Dschungel am Zuckerhut. Im Vorjahr trat die brasilianische Datenschutzverordnung LGPD in Kraft, die sich an der strengen EU-Datenschutzverordnung DSGVO zum Schutz personenbezogener Nutzerdaten orientiert.

Firma schon 2,9 Milliarden Dollar wert

Doch bis zum Ziel, das Amazon des Immobilienhandels zu werden, ist es für Loft noch ein weiter Weg. Laut Handelsblatt befanden sich im Frühjahr 15.000 Immobilien auf der Handelsplattform. Sechs Mal so viele wie im Vorjahr. Da ist Luft nach oben – allein im Vorjahr seien laut Handelsblatt im Bundesstaat São Paolo 340.000 Immobilien verkauft worden Zum Vergleich: Große US-Player der Proptech-Szene wie Zillow haben nach eigenen Angaben 100 Millionen Immobilien in ihrer Datenbank. Doch hochklassige Investoren setzen schon jetzt auf Loft, das ausschließlich mit Wohnimmobilien handelt. Im Frühjahr stieg das Unternehmen nach einer Series-D-Finanzierung zum Mehrfach-Unicorn auf. Die Bewertung soll bei 2,9 Milliarden US-Dollar liegen. 

Zu Lofts mittlerweile großer Runde an Investoren gehören unter anderem D1 Capital Partners (SpaceX), Andreessen Horowitz (Twitter, Pinterest, Roblox), der Proptech-VC Fifth Wall sowie Thrive Capital, QED Investors und Monashees. Mit dem Kapital will Loft weiter expandieren. So übernahm man eine große brasilianische Versicherung mit mehreren 100 Angestellten, was die Zahl der Loft-Mitarbeiter auf über 1.000 ansteigen ließ. „Aktuell arbeiten wir noch ausschließlich in Brasilien. Als nächstes wollen wir in andere lateinamerikanische Länder expandieren“, betont Pencz. Ein Börsengang sei „mittelfristig“ geplant. Ein konkretes Datum nennt der Gründer aber nicht.

Dafür zeichnet Pencz ein optimistisches Bild über die Lage der Firma nach der Corona-Pandemie, die auch Brasilien stark zusetzte. „Der Wert an Wohnimmobilien, mit denen wir handeln, ist durch die Pandemie sogar angestiegen. Anders als bei Büroflächen und anderen Gewerbeimmobilien. Auch in Brasilien wechselten viele Angestellte ins Homeoffice. Manche suchen eine größere Bleibe mit Arbeitszimmer. Allgemein wird Wohnen mehr geschätzt.“

Längst sind die Loft-Gründer auch selbst als Investoren aktiv. Florian Hagenbuch bezeichnete einmal die Berliner Startup-Szene als „cool“ und investierte mit Mate Pencz etwa in das Immobilienkredite-Vermittler Bambus.io Dessen Chef lobt die Gründer gegenüber Gründerszene: „Loft ist ein sehr spannendes Unternehmen, das großen Erfolg in Brasilien hat. Wir freuen uns, dass die Loft-Gründer zu unseren Investoren gehören“. 

Und möglicherweise bleibt die Erfolgsstory der deutschen Loft-Gründer nicht die einzige am Zuckerhut. Pencz macht im Gespräch mit Gründerszene deutschen Startups Mut für den Sprung nach Brasilien: „Hier geht noch was. Nicht nur für Gründer. Der Bedarf an guten Tech-Spezialisten ist in Brasilien und ganz Lateinamerika hoch.“

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