Zwölf Prozent der Berufstätigen können nicht richtig lesen


In Deutschland leben 7,5 Millionen funktionale Analphabeten – Menschen, die nicht richtig lesen und schreiben können. Die meisten von ihnen gehen trotz des Hindernisses arbeiten. Das ergibt sich aus neusten Berechnungen des Forschungsprojekts „LEO – Level-One-Studie“ der Universität Hamburg. Eine bildungspolitische Initiative, die „Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung“, will das Grundbildungsniveau von Erwachsenen anheben. Timm Helten arbeitet dort als wissenschaftlicher Mitarbeiter und erklärt das Projekt.

Herr Helten, was genau ist „funktionaler Analphabetismus“?
Die Betroffenen sind auf einem Lese- und Schreibniveau eines Erst- oder Zweitklässlers. Sie können kurze Sätze lesen und schreiben, aber keine zusammenhängenden Texte. Dadurch bereiten ihnen schon alltägliche Dinge Schwierigkeiten, wie Arbeitsanweisungen lesen, Maschinen bedienen, am Computer arbeiten oder auch Geld abheben und Fahrkarten kaufen.

Wie viele Menschen betrifft denn funktionaler Analphabetismus überhaupt?
Insgesamt können 7,5 Millionen Menschen nicht richtig lesen und schreiben, obwohl sie Deutsch als Muttersprache haben oder schon länger in Deutschland leben. Das ist etwa jeder siebte zwischen 18 und 64 Jahren. Geflüchtete und Zugewanderte, die kein Deutsch sprechen, wurden in der Statistik nicht berücksichtigt.


Laut der LEO-Studie sind zwölf Prozent aller Berufstätigen Betroffene. Wie kommen diese Personen im Job zurecht?

Erstaunlicherweise arbeiten fast 60 Prozent der funktionalen Analphabeten – die meisten von ihnen als Hilfskräfte. Für den Arbeitsalltag haben sie sich ein Hilfssystem aufgebaut. Kollegen wissen oft sehr gut Bescheid und decken die Betroffenen, indem sie Schriftarbeiten abnehmen und erledigen. Neue Untersuchungen haben gezeigt, dass funktionaler Analphabetismus im Betrieb gar nicht so sehr tabuisiert ist, wie bisher vermutet wurde.

Und was machen die Arbeitgeber?

Offiziell ist das Problem meistens nicht bekannt. Die Arbeitgeber wissen nicht Bescheid oder erfahren von den fehlenden Kompetenzen erst durch Zufälle. Wenn sich der Arbeitsplatz der betroffenen Kollegen verändert und sie den Computer stärker nutzen müssen, fallen die Defizite durch Fehler in Arbeitsprozessen auf. Die Digitalisierung der Arbeitswelt führt zu erhöhten Anforderungen an funktionale Analphabeten bzw. Analphabetinnen. Ohne entsprechende Qualifizierungsmaßnahmen laufen sie am ehesten Gefahr, abgehängt zu werden.


Seit 2016 gibt es die Initiative „Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung“. An welchen Stellen hilft sie?
Bis 2026 wollen Bund, Länder und gesellschaftlich relevante Partner Erwachsene besser qualifizieren. Funktionaler Analphabetismus soll verringert und das Grundbildungsniveau von Erwachsenen erhöht werden. Dazu gehören nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen, sondern auch soziale Fähigkeiten, Problemlösekompetenzen, Medienkompetenzen und Kommunikationsfähigkeit.

Aber was will die Dekade anders machen als bisherige Hilfsprogramme?
Klassische Alphabetisierungskurse werden leider sehr schlecht besucht. Man erreicht mit diesen Kursen weniger als ein Prozent der Betroffenen. Durch die gemeinsamen Anstrengungen von Bund, Ländern und Partnern werden Unterstützungsmaßnahmen gebündelt und weiterentwickelt. Beispielsweise fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung Transferprojekte, die Alphabetisierung und Grundbildung in Betrieben anbieten. Arbeitnehmer und Arbeitgeber werden für das Thema sensibilisiert. Die Vermittlung von Grundbildungskompetenzen über den Arbeitsplatz ist ein vielversprechender Ansatz. Ein großer Teil der Bundesländer hat regionale Grundbildungszentren eingerichtet, um mehr Menschen mit Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben Unterstützung anbieten zu können.