„Zutiefst asozial“: Steueroasen, Schlupflöcher und multinationale Konzerne bei „Markus Lanz“

Zu Gast im Studio waren der Reporter und Autor Christoph Lütgert, Journalist Bastian Obermayer, Komiker Bodo Bach und der Filmemacher Matto Barfuss (v.l.n.r.) (Bild: Screenshot ZDF)

Ganz im Zeichen des Steuerskandals rund um die „Paradise Papers“ stand die Sendung von Markus Lanz am 8. November.

Der Name „Paradise Papers“ mag paradiesisch klingen, in Wirklichkeit deutet er aber auf ein ganzes Konstrukt von finanziellen Schlupflöchern hin, die Superreiche und multinationale Konzerne nutzen, um Milliarden an Steuern zu sparen. Nach den „Panama Papers“ handelt es sich hierbei um den nächsten großen Finanzskandal. Um das zu thematisieren, lud Moderator Markus Lanz unter anderem den Journalisten Bastian Obermayer („Süddeutsche Zeitung“) ins Studio.

Die „Süddeutsche Zeitung“ war es auch, deren Recherche dafür verantwortlich war, dass die „Paradise Papers“ eine internationale Öffentlichkeit erreichten. „Wir haben fast ein Jahr lang daran gesessen. Es haben am Schluss 380 Kollegen aus 67 Ländern von – ich glaube – 96 Medien mitgemacht. Darunter die New York Times, der Guardian, Le Monde, die BBC und so weiter“, erzählte Obermayer und erklärt, wie es überhaupt zum Namen „Paradise Papers“ kam: „Wir hatten nicht wieder ein Land wie bei Panama […] Diesmal haben wir Daten aus sehr, sehr vielen Steueroasen. Aus 19 Firmenregistern und von zwei Offshore-Providern. Was die alle eint ist, dass sie in Steuerparadiesen sitzen. Deshalb haben wir uns gedacht, Paradise Papers trifft es“.

Großes Lob für seinen Kollegen gab es von Christoph Lütgert: Man müsse sich bei der „SZ“ bedanken. Diese habe einen Riesencoup gelandet, die Informationen aber nicht für sich behalten, um sie exklusiv zu verbreiten, sondern Medienkollegen in die Arbeit miteinbezogen. Damit erreichte das Thema das Maximum an Aufmerksamkeit. „Das ist die einzige Möglichkeit, dass sich an diesen Missständen, die durch diese Papiere aufgezeigt werden, etwas ändert – indem sie diesen internationalen Druck aufbauen. Das wäre ohne die Selbstlosigkeit der Süddeutschen nicht möglich gewesen.“

Bastian Obermayer war einer der federführenden Journalisten bei der Veröffentlichung des Skandals um die „Paradise Papers“ (Bild: ddp images/BUG)

„Wir haben 120 Politiker aus fast 50 Ländern, wir haben wieder Sportler und Superreiche, die Geld bunkern. Was neu ist, ist, dass wir auch große, multinationale Firmen haben wie Apple, wie Nike, die Milliarden sparen, in dem sie irgendwelche absurden Konstrukte in Steueroasen nutzen“, erzählt Obermayer. Neben Konzernen sind auch Prominente involviert – darunter Bono. Dieser behauptete, von den Investitionen nichts gewusst zu haben – was Obermayer als teilweise glaubwürdig bezeichnet.

Lütgert entgegnete: „In den Fällen, denen ich nachgegangen bin: Die wussten sehr wohl, was sie da machen. Das möchte ich noch einmal betonen: Der eigentliche Skandal ist, dass die Fälle, die wir rekonstruiert haben, denen wir nachgegangen sind, legal waren. Das, finde ich, ist der Skandal. Und das wirft die Frage auf: Ist die Politik machtlos? Oder ist die Politik verschlafen? Oder muss man sie sogar der Kumpanei bezichtigen? Ich glaube, alle drei Elemente kommen da zusammen.“

Einer der wichtigsten Orte für die „Paradise Papers“ ist die Isle of Man. Diese gehört nicht zu England, untersteht aber der britischen Krone und wird außenpolitisch von Großbritannien vertreten. Lütgert erklärte: „Und vor allem, sie haben ihre eigene Steuergesetzgebung. Und nun stellen sie dieses Niedrigsteuersystem als eine Art Notwehr dar. Denn die Isle of Man war in der Tat mal ein Ferienparadies für England. Da konnte man relativ billig hinkommen und dann kamen die Billigflüge auf einmal. Und dann konnte man für dasselbe Geld in den Süden fliegen […] Also verlor die Isle of Man den Fremdenverkehr. Dann haben sie sich überlegt, was können wir machen? Dann sind sie auf die grandiose Idee gekommen; wir bieten den Reichen die Möglichkeit an, Steuern zu sparen.“

„Warum machen die das, was verdienen die daran?“, hinterfragte Lanz die Motivation der als Steueroasen fungierenden Länder. Lütgers: „Die beschäftigen Leute mit diesem System, und diese Leute kriegen natürlich Geld […] Es gibt natürlich Leute, die mit diesem Steuerersparungssektor Geld verdienen. Und bei der Isle of Man müssen ja nicht furchtbar viele Leute ernährt werden bei 80.000 – da macht Kleinvieh auch Mist.“

Obermayers Fazit: „Letztlich macht jede Steueroase das Gleiche: Sie sagt, es ist mir lieber, wenn ein kleiner Haufen bei mir landet, als der große Haufen, der irgendwo anders gezahlt werden müsste. Und das ist eigentlich zutiefst asozial.“

Dann forderte Markus Lanz seine Gäste zu einem Gedankenexperiment auf. Angenommen, man wäre Student mit geringem Einkommen und hätte die Möglichkeit, ein Auto in einem anderen Land günstiger zu kaufen, da dort die Steuern wegfielen. Würde man es tun? Lütgert wollte diese Frage so genau nicht beantworten, Obermayer gab nach etwas Zögern zu: „Ich glaube, ich würde es tun.“ Auch im Publikum gab mehr als die Hälfte an, dass sie dieses Schlupfloch wohl nutzen würden.

Auch Holland – das Steuerparadies für multinationale Großkonzerne wie Apple und Nike – wurde thematisiert. Hier trickst Nike mit Konstrukten aus Mutterfirmen und Tochterfirmen. Obermayer: „Nike ist wahnsinnig faszinierend. Wenn ich in Deutschland in einen Nike-Store gehe, denke ich eigentlich, dass ich in Deutschland einen Schuh kaufe. Ich kaufe aber in Wirklichkeit bei Nike Holland.“ Lütgert summierte: „Man schätzt, dass in Holland 500 Milliarden an unversteuerten Gewinnen von amerikanischen Firmen liegen“.

Auch zu Gast war Komiker Bodo Bach, der anlässlich seines 60. Geburtstags, den er vor Kurzem feierte, Resümee über sein bisheriges Leben zog. „Bist du tendenziell eher ein Pechvogel oder ein Glückspilz“, fragte ihn Lanz. „Ich bin schon jemand, der es annimmt, wie es kommt. Ich hab nicht das ganz große Pech“, antwortete der Komiker.

Am Ende der Sendung erzählte der Naturfilmemacher Matto Barfuss von seiner Arbeit mit Raubtieren. Barfuss neuer Film „Maleika“ kam im Oktober in die Kinos und ist eine Dokumentation über eine Leopardenfamilie. Barfuss begleitete Leopardendame Maleika über vier Jahre lang und dokumentierte, wie sie sechs Kinder großzog und sich von einer potenziell lebensbedrohenden Verletzung erholte. „Das Besondere an dem Film: Es ist wie ein Spielfilm passiert“, erzählt der Filmemacher, der die Hälfe des Jahres in Afrika verbringt.