"Zusammen sein, mal wieder raus in die Natur": Warum Survival-Kurse plötzlich boomen

·Lesedauer: 10 Min.
Was passiert, wenn in Europa wochenlang der Strom ausfällt, davon erzählt die Joyn-Serie "Blackout", basierend auf Marc Elsbergs Bestseller. Wie kann man sich auf so etwas vorbereiten? Und warum erleben Survival-Kurse eigentlich gerade einen regelrechten Boom? - Die wichtigsten Fragen und Antworten liefert Benjamin Arlet, Geschäftsführer und Trainer der Berliner Firma "SurviCamp", die Outdoor-Kurse und Survival-Trainings anbietet, im Interview. (Bild: Vadym Terelyuk)
Was passiert, wenn in Europa wochenlang der Strom ausfällt, davon erzählt die Joyn-Serie "Blackout", basierend auf Marc Elsbergs Bestseller. Wie kann man sich auf so etwas vorbereiten? Und warum erleben Survival-Kurse eigentlich gerade einen regelrechten Boom? - Die wichtigsten Fragen und Antworten liefert Benjamin Arlet, Geschäftsführer und Trainer der Berliner Firma "SurviCamp", die Outdoor-Kurse und Survival-Trainings anbietet, im Interview. (Bild: Vadym Terelyuk)

Die Serie nach Marc Elsbergs Thriller "Blackout" ist derzeit beim Streaminganbieter Joyn PLUS+ zu sehen. Sie erzählt davon, wie ein Stromausfall ganz Europa in den Ausnahmezustand versetzt. Wie realistisch ist das Szenario, und kann man für einen solchen Fall Vorsorge treffen? - Ein Survival-Experte gibt Auskunft.

"Lieber gut vorbereitet ohne Krise, als ohne Vorbereitung in die Krise!" - So steht es, gewissermaßen als Leitsatz, in einem über 200 Seiten starken Werk mit dem programmatischen Titel "Das Überlebenshandbuch". In dem soeben beim be.bra Verlag erschienen Sachbuch erklären die Survival-Experten Benjamin Arlet und Daniel Schäfer anschaulich, wie man im Alltag sinnvoll und mit überschaubarem Aufwand für den Krisenfall vorsorgen kann. Nicht nur Corona hat vor Augen geführt, dass ein Szenario, in dem es darauf ankommt, vorbereitet zu sein, näher liegen könnte, als man glauben will. Auch die Flutkatastrophe im Ahrtal oder der gigantische Stromausfall im Juli in Frankreich und Spanien dürften viele Menschen sensibilisiert haben. Was passiert, wenn in ganz Europa wochenlang der Strom ausfällt, davon erzählt aktuell die Joyn-Serie "Blackout" (verfügbar bei JoynPLUS+, 2022 bei SAT.1), basierend auf Marc Elsbergs Bestseller. Wie kann man sich auf so etwas vorbereiten? Und warum erleben Survival-Kurse eigentlich gerade einen regelrechten Boom? - Benjamin Arlet, Geschäftsführer und Trainer der Berliner Firma "SurviCamp", die Outdoor-Kurse und Survival-Trainings anbietet, liefert die Antworten im Interview.

teleschau: Herr Arlet, was haben Sie sich gedacht, als im März 2020 der erste Lockdown kam und plötzlich Hamsterkäufe zum großen Thema wurden?

Benjamin Arlet: Dass ich mich sehr glücklich schätzen darf, gerade genug Klopapier zu haben (lacht)! Spaß beiseite: Als Veranstalter von Prepping-Kursen rate ich natürlich zur Vorsorge und zur Bevorratung. Aber Hamsterkäufe haben damit nichts zu tun. Das passiert ohne Plan und ist ein furchtbarer Auswuchs, wie er leider oft in beginnenden Krisensituationen zu beobachten ist. Dass diejenigen, die schneller, gieriger, vielleicht auch stärker oder reicher sind, den anderen lebenswichtige Dinge vor der Nase wegschnappen, finde ich unerträglich. Was mir diese Situation einmal mehr gezeigt hat, war, wie wichtig es ist, planvoll Vorsorge für etwaige Krisen zu treffen.

teleschau: Hamsterkäufe einerseits, leere Innenstädte andererseits, dazu die Angst vor einem unbekannten Virus ... - vieles wirkte seinerzeit ziemlich gespenstisch. Waren Sie nervös?

Arlet: Sagen wir es so: Ich war gespannt, was kommt. Angst hatte ich nicht. Wir lehren unseren Kursteilnehmern ja gerade, dass Angst kein guter Ratgeber ist und es in einer Krise auf einen kühlen Kopf ankommt.

teleschau: Wie ging es bei Ihnen weiter?

Arlet: Wir haben bei "SurviCamp" noch ein paar mehr oder weniger digitale Seminare anbieten können, dann haben wir erst mal alles auf Null runtergefahren. Es ging während der Lockdowns auch bei uns für einige Monate nichts mehr. Seit dem Sommer läuft es wieder richtig gut - die Zahl der Anfragen ist signifikant gestiegen.

teleschau: Weil sich alle auf die nächste Krise vorbereiten wollen?

Arlet: Könnte man meinen - aber das ist es eigentlich weniger. Vielmehr geht es um Teambuildingmaßnahmen: Firmen, die ihre Leute wieder aus dem Homeoffice holen, nutzen unser Event-Angebot gerne, um alle wieder aneinander zu gewöhnen. Man merkt: Alle wollen einfach zusammen sein und mal wieder raus in die Natur - ein bisschen Abenteuer, vielleicht auch mal wieder unter freiem Himmel schlafen. Dass man dabei Kenntnisse in Krisenprävention vermittelt bekommt, wird wohl eher als Nebeneffekt angesehen. Von der Krise und von Corona, das ist mein Eindruck, haben die meisten erst mal die Nase voll.

Benjamin Arlet, der sich nicht so gerne als "Prepper", sondern lieber als "Vorsorger" bezeichnet, weiß, wie man sich für den "Ernstfall" wappnet. Im Interview zur Joyn-Serie "Blackout" verrät der Survival-Experte, welche Strategien in extremen Krisensituationen das Überleben sichern. (Bild: Privat / RTL II)
Benjamin Arlet, der sich nicht so gerne als "Prepper", sondern lieber als "Vorsorger" bezeichnet, weiß, wie man sich für den "Ernstfall" wappnet. Im Interview zur Joyn-Serie "Blackout" verrät der Survival-Experte, welche Strategien in extremen Krisensituationen das Überleben sichern. (Bild: Privat / RTL II)

"Ich rede nie von Apokalypse und irgendwelchen Weltuntergangsszenarien"

teleschau: In Literatur, Film und Fernsehen hat die Apokalypse hingegen Konjunktur wie nie zuvor. Ein Widerspruch?

Benjamin Arlet: : Solche Bücher, Filme und Serien haben schon eine große Faszination und sind meistens extrem spannend. Ich denke aber auch, dass es für die Psyche auf Dauer nicht gesund wäre, so etwas pausenlos zu konsumieren. Auch ich beschäftige mich ja keineswegs ständig mit dem Ende aller Tage. Das ist ein großes Missverständnis: Mein Thema sind Krisensituationen, aber ich rede nie von Apokalypse und irgendwelchen Weltuntergangsszenarien. Dass die sprichwörtliche "Uhr tickt" und der "Tag X" bald naht, wie es einige immer wieder prophezeien, halte ich für überhaupt nicht offensichtlich.

teleschau: Marc Elsbergs Thriller "Blackout - Morgen ist es zu spät" erzählt davon, wie ein Stromausfall binnen zwei Wochen ganz Europa in den Ausnahmezustand versetzt. Realistisch?

Arlet: Stromausfälle an sich sind natürlich Realität. Die gesellschaftlichen Folgen eines solchen europaweiten Stromausfalls sind in "Blackout" wahrscheinlich recht akkurat dargestellt. Aber wir müssen bedenken: Umso größer die Katastrophe, desto geringer auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie eintritt. So eine gigantische Störung gehört schon zu den gewaltigsten Szenarien, die man sich ausmalen kann. Für wahrscheinlicher halte ich kleinere, zeitlich und regional begrenzte Ernstfälle: dass wichtige Infrastrukturen nicht mehr funktionieren - also Strom, öffentliche Verkehrsmittel, die Wasserversorgung ausfallen. Dass ich aufgrund einer Evakuierung meine Wohnung Hals über Kopf verlassen muss. Dass wir es mit einem heftigen Hochwasser zu tun bekommen, sodass weite Gebiete geräumt werden müssen. So wie wir es im Sommer im Ahrtal ja leider auch erlebt haben. Oder denken Sie an einen gewaltigen Waldbrand oder auch an einen Zwischenfall in einem der älteren Atomkraftwerke eines unserer Nachbarländer. Um solche Dinge geht es. Jeder sollte sich fragen: Was mache ich, wenn eines Tages jemand an meine Tür klopft und sagt: "Guten Tag, wir müssen Ihre Straße oder Ihr Dorf evakuieren - packen Sie das Nötigste ein, Sie haben zehn Minuten Zeit!" Es ist absolut angebracht, für solche Fälle vorzusorgen.

teleschau: Was soll man tun?

Arlet: Im Grunde sagt uns das der gesunde Menschenverstand - und auch das Bundesamt für Katastrophenschutz im Rahmen des Konzepts der zivilen Verteidigung: Jeder soll für den Fall der Fälle seine wichtigsten Papiere griffbereit halten und zu Hause Vorräte und Ausrüstung, vom Schlafsack bis zur Wechselkleidung, fertig gepackt in einem Rucksack bereitliegen haben. Es geht darum, sich notfalls für einige Tage selbst helfen und schützen zu können, so lange, bis irgendwann fremde oder öffentlich organisierte Hilfe kommt. Diese sogenannte "Selbsthilfefähigkeit" ist als Grundpfeiler im deutschen Katastrophenschutz verankert. Das ist sehr vielen Leuten nur nicht bewusst. Wahrscheinlich, weil in unserem Alltagsleben immer alles im Überfluss verfügbar ist. Da vergisst man wohl die Notwendigkeit zur Vorsorge.

teleschau: Sind Vorsorger wie Sie also einfach ängstlicher als andere?

Arlet: Ich bin ängstlich, ja: so ängstlich wie ein Pilot, der in sein Flugzeug steigt und einen Fallschirm dabei hat. Oder wie ein Autofahrer, der regelmäßig Fahrsicherheitstrainings absolviert. Oder ein Hausbesitzer, der sich gegen Elementarschäden versichert. Ich betreibe Krisenvorsorge, will mir im Fall der Fälle selbst helfen können. Manche betreiben das als Hobby und Subkultur - das ist natürlich in Ordnung und jedem selbst überlassen, aber nichts für mich. Wer möchte, kann ja auch selbst im Katastrophenschutz tätig werden, beispielsweise beim Technischen Hilfswerk (THW), dem ich auch seit einigen Jahren angehöre.

teleschau: Und Sie haben einen Beruf daraus gemacht. Worum geht es dabei konkret?

Arlet: Wir bringen den Leuten bei, wie sie in Krisensituationen improvisieren können - im urbanen Umfeld genauso wie auf dem Land und in der freien Natur, im Sommer wie im Winter. Unsere Kundschaft kommt aus allen möglichen Altersgruppen und Milieus: ein Drittel sind Frauen, zwei Drittel Männer. Wir haben Handwerker, Anwälte, Ärzte. Die einen wollen wirklich Anleitung, um für Eventualitäten gewappnet zu sein, andere suchen eher ein bisschen Abenteuer. Manche fürchten sich in der Tat vor Naturkatastrophen oder ähnlichen Szenarien. Es kommen aber beispielsweise auch Leute, die einfach eine Weltreise planen und wissen wollen, wie sie sich für bestimmte Bedingungen und Regionen vorbereiten und ausrüsten sollen.

teleschau: Worauf präparieren Sie sich persönlich?

Arlet: Grob gesagt - für zwei Szenarien: einen längeren Stromausfall, der ja sehr bald den Verzicht von allen möglichen Annehmlichkeiten unseres Alltags nach sich ziehen würde, und für eine kurzfristige Evakuierung aus meiner Wohnung - durch welche Ursachen auch immer. Also habe ich lange haltbare Lebensmittel und Wasservorräte zu Hause. Auch solche Dinge wie eine Camping-Toilette, einen kleinen Brenner, ein Kurbelradio und eine Erste-Hilfe-Ausrüstung sowie vermeintliche Banalitäten wie Feuerzeuge, Müllsäcke, Batterien, Toilettenpapier und andere Hygieneartikel sind bei mir umfangreich vorrätig. Außerdem habe ich eine komplette Trekkingausrüstung griffbereit - da ist neben Dokumenten und Bargeld alles drin, um außerhalb meiner vier Wände mindestens zwei Wochen lang zurechtzukommen. Nach dieser Zeit würde es kritisch werden. Bis dahin sollte ich irgendwo hingekommen sein, wo ein gewisses Maß an Versorgung gewährleistet ist.

Die Serie "Blackout" spielt bei Joyn und (im kommenden Jahr) bei SAT.1 das Szenario eines wochenlangen Stromausfalls in Europa durch. Die Hauptrolle spielt Moritz Bleibtreu. (Bild: obs/Joyn/Gordon Timpen)
Die Serie "Blackout" spielt bei Joyn und (im kommenden Jahr) bei SAT.1 das Szenario eines wochenlangen Stromausfalls in Europa durch. Die Hauptrolle spielt Moritz Bleibtreu. (Bild: obs/Joyn/Gordon Timpen)

"Im Vorteil ist, wer sich von der Krise nicht komplett überwältigen lässt"

teleschau: Wo hätte man im Krisenfall grundsätzlich bessere Chancen: auf dem Land oder in der Großstadt?

Arlet: Auf dem Land! In den Dörfern ist nach meiner Erfahrung das Thema Krisenvorsorge deutlich weiter verbreitet. Es dürfte dort viel mehr Menschen geben, die sich Vorräte angelegt haben als in der Stadt - und vermutlich ist auch die Hilfsbereitschaft etwas stärker ausgeprägt. In der Stadt träfen Sie zwar vermutlich auf viele andere betroffene Menschen - aber bedenken Sie, dass da auch einige dabei sein könnten, die Ihnen nichts Gutes wollen. Da ist in den meisten Serien, Filmen und Büchern nach meiner Einschätzung sehr realistisch aufgebaut. Dass etwa nach den schweren Hurricans in den USA die Ladenbesitzer in den Städten mit der Schrotflinte in der Hand vor ihren Geschäften sitzen, um ihr Hab und Gut zu verteidigen, hat ja Gründe ... Das hängt natürlich alles von der Gewalt des Szenarios ab, mit dem Sie es zu tun haben.

teleschau: Wäre der Besitz einer Schusswaffe ratsam?

Arlet: Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich denke, wer sich eine Schusswaffe anschafft, sollte vorher sehr genau darüber nachdenken, was das alles mit sich bringt. Damit meine ich zum einen den hohen bürokratische und finanziellen Aufwand. Zum anderen bedeutet es auch, dass ich regelmäßig - also mindestens jeden Monat - üben muss, damit umzugehen, sonst kann ich die Waffe in einer Stresssituation gar nicht einsetzen oder verletze mich selbst. Und ich muss mir ganz klar bewusst sein, dass diese Waffe im Zweifelsfall jemanden töten wird, wenn ich sie zum berechtigten Selbstschutz einsetze. Wer nicht bereit ist, alle diese Dinge auf sich zu nehmen, sollte das mit der Schusswaffe lieber bleiben lassen.

teleschau: Gibt es Typen, die in einem Krisenszenario besser zurechtkommen als andere?

Arlet: Auf jeden Fall: Die besten Chancen habe ich, wenn ich gesund, körperlich belastbar und in der Lage bin, mit anderen Menschen zu agieren und kommunizieren. Wer gruppenfähig ist, hat bessere Karten als ein Eigenbrötler. Auch eine gewisse Stressresistenz wäre hilfreich. Genauso Erfahrungen im Outdoor-Sport sowie die innere Bereitschaft, für einige Tage auf jeglichen gewohnten Komfort zu verzichten. Darum geht es auch in unseren Trainings.

teleschau: Nicht zuletzt ist so ein Szenario eine psychische Herausforderung.

Arlet: Klar im Vorteil ist, wer sich von der Krise nicht komplett überwältigen lässt: wer lösungsorientiert bleibt, nach vorne denkt und eine positive Einstellung zu den Dingen findet - sei die Lage auch noch so schwer. Natürlich könnte sehr schnell auch die Einsamkeit zu einem großen Problem werden. Also geht es darum, sich Gruppen anzuschließen oder an Sammelpunkte und öffentliche Einrichtungen zu gelangen. Es ist grundsätzlich geboten, im Ernstfall schnellstmöglich in eine gewisse Infrastruktur zurückzufinden.

teleschau: In Deutschland wird derzeit viel über die Spaltung der Gesellschaft geredet. Könnte das in einem größeren Krisenfall zum Problem werden?

Arlet: Das kann passieren. Sicherlich geht man zunächst davon aus, dass das eintreten wird, was man mit dem Begriff "Burgfrieden" umschreibt: Dass im Ernstfall alle eng zusammenrücken und kooperieren. Das sehen wir ja bei praktisch jeder Naturkatastrophe auf der ganzen Welt. Problematisch wird es vor allem dann, wenn entweder der Krisenzustand sehr lange anhält, oder die staatliche Ordnung zusammenbricht. Von Vorteil ist in schweren Krisen sicher, wenn eine Gesellschaft eine feste gemeinsame Basis hat: eine Identität, Grundsätze und Werte, an die alle glauben.

Wie wahrscheinlich ist ein landesweiter Blackout in Deutschland? Und was ist zu tun, wenn es wirklich zu einem solche Ernstfall kommt? (Bild: istock / Svetlosila)
Wie wahrscheinlich ist ein landesweiter Blackout in Deutschland? Und was ist zu tun, wenn es wirklich zu einem solche Ernstfall kommt? (Bild: istock / Svetlosila)
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