Zurückhaltung war einmal!


Nach der Party kommt die After-Party. Und die ist bekanntlich oft wilder als die eigentliche Feier. So ähnlich sieht es auch an den US-Börsen aus: Das Jahr 2017 war Party. Es hat alle Erwartungen übertroffen und den Anlegern ein Plus von rund 20 Prozent beschert. Der S & P 500 notierte kurz vor Weihnachten auf seinem absoluten Höhepunkt von knapp 2700 Punkten – und er hat sich seitdem nicht weit davon entfernt. Der Weg dahin war erfreulich, aber stetig, ohne spektakuläre Kursrutsche. Eine gute, solide Party eben.

Die After-Party könnte diesmal ein wenig anders aussehen – wilder, um genau zu sein. Beobachter bleiben zwar auch nach dem Rekordjahr weiter optimistisch in Hinblick auf den US-Aktienmarkt. Dennoch warnen sie vor mehr Volatilität, die Aktien könnten stärker ausschlagen, als zuletzt. Einige Experten mahnen auch, dass es nach neun Wachstumsjahren früher oder später wieder bergabgehen wird. Wann, das mag keiner so recht hervorsehen. Im Moment gibt es keine Anzeichen für eine bevorstehende Krise.


Die meisten Banken und Vermögensverwalter sagen für 2018 hohe einstellige Zuwachsraten für den S & P 500 Index voraus. Einige Häuser wie Oppenheimer prognostizieren sogar ein Plus von mehr als elf Prozent. Ihr Optimismus fußt auf guten, fundamentalen Argumenten. Schließlich hat die Regierung von US-Präsident Donald Trump kurz vor Weihnachten eine groß angelegte Steuerreform abgesegnet. Unter anderem sinken die Unternehmenssteuern von 35 auf 21 Prozent. Das heißt, dass die ohnehin schon hohen Gewinne der meisten US-Unternehmen im kommenden Jahr noch höher ausfallen werden.

Goldman Sachs hat dem Jahresausblick den Titel „Rationaler Überschwang“ gegeben. Die Investmentbank sieht den S & P 500-Index angesichts von Wirtschaftswachstum, steigenden Unternehmensgewinnen und langsam steigenden Zinsen am Jahresende bei 2850 Stellen – ein Plus von 6,3 Prozent. „Der Bull-Markt wird anhalten im Jahr 2018“, ist David Kostin, Chef-Aktienstratege des Hauses überzeugt.


Die US-Bank Morgan Stanley dagegen mahnt, dass die guten Nachrichten schon eingepreist sind und dass die Aktien nur um weniger als drei Prozent steigen werden. 2017 seien alle Aktien weltweit gestiegen. „Das wird sich 2018 ändern“, schreibt Chef-Aktienstratege Michael Wilson in seinem Ausblick und warnt vor turbulenten Zeiten, die den Anlegern „einige Sodbrennen“ bringen könnten. Wilson rechnet damit, dass die Unternehmensgewinne in der ersten Jahreshälfte ihren absoluten Höhepunkt erreichen werden und damit die Luft für weitere Kurssteigerungen dünn wird.


Jubelstürme auf Trump

Mit ihrer Skepsis steht Morgan Stanley recht isoliert da. Die meisten Banken gehen immer noch von sechs Prozent Kurssteigerungen und mehr aus. Nach Schätzungen von JP Morgan Chase etwa wird der S & P 500 im kommenden Jahr um mehr als zehn Prozent auf 3000 Punkte klettern. Die Steuerreform schaffe ein „Goldlocken-Umfeld“, schreibt die Bank.

Auch Steve Chiavarone, Portfolio-Manager von Federated Investors, sieht den S & P 500 im kommenden Jahr über der 3000-Marke. US-Konzerne hätten im laufenden Jahr zweistellige Wachstumsraten ganz „ohne einen Cent Anreiz“ geschafft. Die Steuerreform und die Deregulierung der Trump-Regierung kämen da „noch oben drauf“. Auch Martin Lück, Chefanlagestratege Deutschland beim US-Fondsriesen Blackrock, hatte jüngst gesagt: „Opportunistisch muss man wegen der US-Steuerreform erst mal US-Aktien kaufen.“


Bei der Auswahl einzelner Aktien sollten Anleger darauf achten, wie amerikanisch das Unternehmen ist und wie viele Steuern es bisher in den USA gezahlt hat. Denn: Wer stark in Amerika produziert und verkauft, kann sich am meisten über die jüngsten Steuersenkungen freuen. Analysten von JP Morgan haben eine Liste mit denjenigen zehn Unternehmen erstellt, die am meisten von der Steuerreform investieren. Dazu gehört der Börsenbetreiber CBOE Global Markets ebenso wie die Eisenbahngesellschaft CSX Corp, die Hotel-Kette Hilton und die auf den US-Markt fokussierte Fluggesellschaft Southwest Airlines.

Tatsächlich können amerikanische Airlines angesichts der Steuersenkungen in Jubelstürme ausbrechen. Ed Bastian, CEO von Delta Airline, rechnet im kommenden Jahr mit einem Gewinnsprung von bis zu 19 Prozent. Außerdem werden die Amerikaner mehr Geld übrig haben – und damit wahrscheinlich auch mehr reisen.


Aktien aus dem Energie-Sektor – eine Branche, die Trump eigentlich am Herzen liegt – kommt die Reform überraschenderweise nicht direkt zugute. Öl- und Gas-Konzerne zahlen zwar theoretisch hohe effektive Steuerquoten. Da viele von ihnen zuletzt kaum profitabel wirtschaften konnten, sind die Vorteile der Reform für sie überschaubar.

Bei aller Zuversicht ist bei den Prognosen jedoch Vorsicht geboten. Im vergangenen Jahr lagen alle Experten mit ihren Erwartungen hochgradig daneben. Keine einzige Bank hatte Bloomberg zufolge damit gerechnet, dass der S & P 500 um ein Fünftel zulegt. Im Schnitt lag die Erwartung bei fünf Prozent, in der Spitze bei zwölf. Man weiß eben nie, was die After-Party bringt.


Anlegen 2018 – Alle Teile der Serie

Zum Jahreswechsel gibt die Handelsblatt-Redaktion einen Ein- und Ausblick zu verschiedenen Anlageklassen und Geldanlagemöglichkeiten. Die Serie hat 15 Teile und läuft vom 21. Dezember bis 4. Januar 2018. Jeweils im Tagesverlauf geht eine weitere Folge online.

Teil 1 (21.12.): Aktien Deutschland

Teil 2 (22.12.): Wohnimmobilien

Teil 3 (23.12.):Unternehmens- und Staatsanleihen: Industrieländer

Teil 4 (24.12.): Aktien Europa

Teil 5 (25.12.): Aktien Emerging Markets

Teil 6 (26.12.): Unternehmens- und Staatsanleihen: Schwellenländer

Teil 7 (27.12.): Aktien Skandinavien

Teil 8 (28.12.): Gold

Teil 9 (29.12.): Devisen

Teil 10 (30.12.): Aktien USA

Teil 11 (31.12.): Der beste Markt der Welt

Teil 12 (1.1.2018): Die Fehler des Jahres 2017

Teil 13 (2.1.): Kreditzinsen

Teil 14 (3.1.): Leser-Erwartungen 2018

Teil 15 (4.1.): Ölpreis


KONTEXT

Risiken für die Aktienmärkte 2018

Aggressive Zinserhöhungen der US-Notenbank

Wegen des kräftigen US-Wachstums könnte die US-Notenbank die Zinsen schneller anheben als gedacht. Analysten rechnen bislang meist damit, dass die Fed den Schlüsselsatz 2018 wie von ihr signalisiert drei Mal anhebt. Eine aggressivere Straffung der Geldpolitik würde die Renditen der Staatsanleihen nach oben treiben, sagt Portfolio-Manager Paul Nolte vom Vermögensverwalter Kingsview. Dadurch würden Bonds zu einer ernstzunehmenden Anlage-Alternative zu Aktien.

Anstieg der Inflation

Als möglichen Auslöser für eine raschere Straffung der Geldpolitik sehen Experten einen kräftigen Anstieg der Inflation. "Dies könnte für die Aktien- und Anleihemärkte zu einem Wendepunkt werden", betonen die Analysten der Bank of America Merrill Lynch. In Europa könnte die anziehende Teuerung die Diskussion um einen raschen Ausstieg der Europäischen Zentralbank (EZB) aus ihrem Anleihe-Ankaufprogramm befeuern.

Wahlen

Die für März erwartete Parlamentswahl in Italien ist für Raphael Chemla, Leiter Finanz- und Hochzinsanleihen beim Vermögensverwalter Edmond de Rothschild, das größte politische Risiko in Europa. Ein Sieg der europakritischen Fünf-Sterne-Bewegung würde Anleger nervös machen. In den USA werden im Herbst Teile des Kongresses neu gewählt. "Sollten die Republikaner die Mehrheit im Repräsentantenhaus, im Senat oder in beiden Kammern verlieren, wäre das ein großer Belastungsfaktor für die Märkte", warnt John Praveen, Chef-Anleger des Vermögensberaters Prudential. Denn damit werde es für US-Präsident Donald Trump schwerer, seine Wahlversprechen umzusetzen.

Politische Spannungen

Wiederaufflammende Spannungen zwischen den USA und Nordkorea sowie im Nahen Osten sind nach Ansicht von Keith Leiner, Chef-Analyst des Vermögensverwalters SunTrust, ebenfalls große politische Risikofaktoren für die Aktienmärkte. "Außerdem schwingt das Pendel weltweit in Richtung Populismus und Nationalismus."

Überzogene Bewertungen

Viele Firmen erhoffen sich zwar durch die jüngst beschlossenen US-Steuersenkungen zusätzliche Gewinne im kommenden Jahr. Einige Experten bezweifeln jedoch, dass der Anstieg ausreicht, um die bereits hohen Aktienbewertungen zu rechtfertigen. Im US-Index S & P 500 liegt das durchschnittliche Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV) bei 18,5. Das bedeutet, dass der Aktienkurs den Gewinn je Aktie um das 18,5-fache übertrifft. Das ist der höchste Wert seit 2002. Im Dax liegt das KGV mit 16,2 ebenfalls über dem langjährigen Mittel von rund 15. Das Risikobarometer der Citigroup signalisiere eine 60-prozentige Wahrscheinlichkeit eines Rückgangs der Aktienkurse 2018, sagt Tobias Levkovich, Chef-Anlagestratege für die USA bei der Großbank.

Turbulenzen bei Bitcoin und Co.

Die große Unbekannte für die Aktienmärkte ist die Entwicklung des Bitcoin. Der Kurs der Cyber-Devise stieg in den vergangenen Monaten um rund 1500 Prozent. Diese Aufwärtsdynamik könne aber schnell verpuffen, sagt Bob Doll, Chef-Anlagestratege des Vermögensverwalters Nuveen. Wenn die Preis der ältesten und wichtigsten virtuellen Währung prozentual zweistellig verliere, könnten sich Anleger fragen, ob es ihren Aktien nicht genauso ergehen werde.