Zum "Hamilton"-Start auf Disney+: Musical Director Alex Lacamoire im Yahoo-Interview

Carlos Corbelle
·Editor
·Lesedauer: 4 Min.

Über kaum ein Musical wurde in den letzten Jahren so viel gesprochen wie über “Hamilton”. In den USA längst ein Riesenerfolg ist das mit Preisen überhäufte Broadway-Stück ab 3. Juli bei uns auf Disney+ zu sehen - als Aufzeichnung des 2016 live aufgeführten Bühnen-Musicals mit der einstigen Original-Broadway-Besetzung um Schöpfer und Hauptdarsteller Lin-Manuel Miranda. Das Besondere an dem Musical über den titelgebenden Alexander Hamilton, der einst zum ersten Finanzminister der Vereinigten Staaten wurde, ist zum einen der diverse, überwiegend aus nicht-weißen Schauspielern bestehende Cast, der in die Rollen von Hamilton und anderen weißen Gründervätern schlüpft. Zum anderen ist es der musikalische Mix aus Hip-Hop, Pop und klassischen Musical-Einlagen.

Musical Director Alex Lacamoire (links) und "Hamilton"-Schöpfer und -Hauptdarsteller Lin-Manuel Miranda freuen sich über den Grammy Award 2016. (Bild: Theo Wargo/WireImage)
Musical Director Alex Lacamoire (links) und "Hamilton"-Schöpfer und -Hauptdarsteller Lin-Manuel Miranda freuen sich über den Grammy Award 2016. (Bild: Theo Wargo/WireImage)

Für letzteres ist neben Komponist und Texter Miranda auch der kubanisch-amerikanische Musiker Alex Lacamoire zuständig, der als Musical Director von “Hamilton” maßgeblich in die musikalische Umsetzung involviert war. Im Yahoo-Interview haben wir mit Lacamoire über den enormen Erfolg von “Hamilton”, die “Black Lives Matter”-Proteste und den Umgang mit historischen Figuren der amerikanischen Geschichte gesprochen.

Wie erklären Sie sich den enormen Erfolg von “Hamilton”?

Alex Lacamoire: Das ist schwer zu erklären. Aber ich würde sagen, dass “Hamilton” etwas Besonderes ist, weil das Musical eine moderne Sprache verwendet, um von etwas zu erzählen, das bereits vor langer Zeit geschehen ist. Diese Figuren, von denen wir in der Schule gehört haben, werden greifbare menschliche Wesen - weil sie sprechen wie wir, weil sie aussehen wie wir. Plötzlich können wir uns in ihre Lage versetzen und uns vorstellen, wie es ist, von der Gründung eines Landes und einer Regierung zu träumen. Gleichzeitig erzählt das Musical eine tragische Geschichte, von der wir als Zuschauer ergriffen sind. Und nicht zuletzt erzählt es anhand von großartiger Musik und ebenso großartigen Lyrics davon, wie etwas scheinbar Unmögliches möglich wurde: die Revolution eines Landes, das sich von der britischen Großmacht loslösen konnte, um zu den unabhängigen Vereinigten Staaten von Amerika zu werden.

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“Hamilton” zeichnet sich dadurch aus, dass die historische Geschichte weißer Politiker mit einem diversen Cast aus überwiegend schwarzen und lateinamerikanischen Schauspielern erzählt wird.

Lacamoire: Als wir damals das Musical umsetzten, war es uns wichtig, die Distanz zu überwinden zwischen dem, was damals war und dem, was heute ist. Ich persönlich fand es sehr bewegend, zu sehen, wie ein diverser Cast diese Rollen spielte.

Wie beurteilen Sie das angesichts der derzeitigen “Black Lives Matter”-Proteste, in deren Zuge auch der Umgang mit historischen Figuren der amerikanischen Geschichte diskutiert wird, die an der systematischen Unterdrückung von Minderheiten beteiligt waren? Wie sollte Kunst mit solchen historischen Figuren umgehen?

Lacamoire: Durch die “Black Lives Matter”-Bewegung ist nun ein kritischer Diskurs um Sklaverei und weiße Vorherrschaft im Gange. Dadurch bietet sich uns eine Chance für Veränderung. Die Frage ist, wie wir es schaffen, diese Chance zu nutzen, uns Gehör zu verschaffen und Herz und Verstand der Menschen zu erreichen, um tatsächlich eine Veränderung zu bewirken. Was “Hamilton” angeht, bin ich froh, dass das Werk und die Ideen von Lin-Manuel Miranda so viele Leute erreichen, da das Musical die Wichtigkeit von Diversität widerspiegelt.

Wie ist es generell um Diversität und Chancengleichheit in der Musical-Branche bestellt?

Lacamoire: Mir war es schon immer wichtig, dass es dort mehr Diversität gibt und langsam, aber sicher ist das ein immer größeres Thema. Es entsteht ein Bewusstsein dafür, dass sich die Dinge ändern müssen. Das Umdenken, das wir gerade erleben, ist eine große Chance, um strukturelle Veränderungen zu bewirken, sowohl vor als auch hinter den Kulissen. Die Zeit wird zeigen, was sich ändern wird, aber die Diskussion darüber ist gerade auf eine Weise präsent, wie ich es zu meinen Lebzeiten noch nicht erlebt habe. Und ich hoffe, dass es irgendwann nicht mehr nötig sein wird, für diese Veränderungen kämpfen zu müssen, weil sie dann hoffentlich zur Normalität geworden sind.

Einen Eindruck vom “Hamilton”-Musical auf Disney+ gibt’s im Trailer:

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