Crash-Risiko Zollkrieg – Wie die Eskalation des Handelsstreits die Börse treffen würde


Es ist ein Vorgeschmack auf das, was Anlegern bei einer fortgesetzten Eskalation der US-Handelskonflikte blüht: Die Aktien des Aluminiumriesen Alcoa brachen Ende vergangener Woche zweistellig ein. Donnerstag und Freitag sackte ihr Kurs an der Wall Street um insgesamt 16 Prozent ab.

Alcoa-Chef Roy Harvey sieht sich wegen der Mehrkosten auf Metallimporte gezwungen, die Gewinnprognosen für 2018 zu senken, und schickte damit die Anteilsscheine auf Talfahrt. Als eines der ersten Börsenschwergewichte bekommt der Industriekonzern aus Pittsburgh damit die Folgen der immer aggressiveren US-Zollpolitik zu spüren.

Nach Einschätzung von Experten dürfte sich der Kursschock bei Alcoa als Startschuss für noch viel größeres Ungemach an den Börsen herausstellen, sollten sich die von US-Präsident Donald Trump angezettelten Handelsstreitigkeiten mit China, der EU und anderen Ländern weiter verschärfen. „Vor allem für die Aktienmärkte auf beiden Seiten des Atlantiks wäre ein Handelskrieg ein Worst-Case-Szenario“, warnt etwa IKB-Chefvolkswirt Klaus Bauknecht.

Doch genau darauf steuert die in Gang gesetzte Protektionismusspirale zu. Jüngster Paukenschlag aus dem Weißen Haus: Trump ist bereit, Zölle auf chinesische Waren sogar bis zu einem Gesamtwert von einer halben Billion Dollar zu verhängen, falls die Regierung in Peking ihr Verhalten im Umgang mit geistigem Eigentum und mit Subventionen für die Hightech-Industrie nicht ändert. Das sagte Trump am Freitag dem TV-Sender CNBC.

Die neue Summe würde sämtliche Ausfuhren Chinas in die Vereinigten Staaten einschließen. Bisher haben die USA chinesische Importe im Wert von „nur“ 34 Milliarden Dollar mit neuen Abgaben belegt. China hat im Gegenzug Strafzölle auf US-Importe in gleicher Höhe erhoben.


Doch damit nicht genug: Erst am Donnerstag hat die EU Vergeltungsschritte für den Fall angekündigt, dass die US-Regierung wie angedroht höhere Zölle auf Autos aus der EU verhängt. Gleichzeitig traten die bereits beschlossenen EU-Schutzzölle auf Stahlprodukte in Kraft.

Ein Analystenteam der Schweizer Großbank UBS beziffert die bei einem handfesten Handelskrieg absehbaren Verluste an der Wall Street und an Europas Börsen auf mindestens 20 Prozent. Damit würde die seit mehr als neun Jahren laufende Aktienhausse in einen Bärenmarkt münden. Auf den Dax bezogen hieße das: Abwärtspotenzial bis auf weniger als 9.500 Punkte.

Der deutsche Leitindex könnte somit unter sein Niveau von Anfang 2014 einbrechen.

Turbulente Börsen in Sicht

Ähnlich alarmiert zeigt sich Michael Cembalest: Sollte Trump die erwogenen Strafmaßnahmen tatsächlich umsetzen, entspräche dies laut dem Chefstrategen der US-Großbank JP Morgan den größten Zollerhöhungen seit den 1930er-Jahren. Dann sei „Handelskrieg“ auch der angemessene Begriff dafür, sagt er.


Damit würde auch der nahezu kontinuierliche Rückgang der durchschnittlichen US-Zollquote, die sich auf den Wert aller Importe bezieht, gestoppt. Die Quote ist, ausgelöst durch die Globalisierung, seit Ende des Zweiten Weltkriegs zuletzt auf 1,5 Prozent gefallen (siehe Grafik). Steigt sie wieder an, hätte das gravierende Auswirkungen auf die Wall Street.

Cembalest rechnet mit heftigen Marktreaktionen. Er mahnt Anleger, sich vorsichtiger zu positionieren.

Denn ausgerechnet für die Wirtschaft und die Börsen in den USA dürfte eine handelspolitische Eskalation besonders dramatische Folgen nach sich ziehen. Maßgeblicher Grund ist das enorme US-Handelsbilanzdefizit, das 2017 ein Allzeithoch von 566 Milliarden Dollar erreicht hat. „Für die USA wäre bei einem Handelskrieg in Anbetracht der überschüssigen Nachfrage mit steigender Inflation zu rechnen“, sagt IKB-Ökonom Bauknecht.

Denn obwohl auch die US-Konjunktur im Zuge einer weltwirtschaftlichen Abschwächung unter Druck käme, wäre die Zentralbank Fed laut Bauknecht gezwungen, ihre Leitzinsen stärker als bisher anzuheben, um die Teuerung im Zaum zu halten.

Deutsche Branchen sind abhängig von globaler Konjunktur

Erahnen lässt sich das Inflationspotenzial in den USA am Beispiel der Preise für Waschmaschinen, die wegen neuer US-Zölle seit März dieses Jahres um ein Fünftel nach oben geschnellt sind. Neben der Geldpolitik würde eine Anlegerflucht aus Aktien und in US-Staatsanleihen den Dollar aufwerten lassen und so den Gegenwind für die US-Wirtschaft verstärken. Insgesamt ein Horrorszenario für die Wall Street.

„In der Euro-Zone und insbesondere in Deutschland würde dagegen eine Umkehr des positiven Handelsbilanzsaldos zu massiven Überkapazitäten führen und zu einer Deflation“, sagt Bauknecht. Zunehmende Firmeninsolvenzen und mehr notleidende Kredite würden die Zinsen drücken. Die Europäische Zentralbank bliebe dauerhaft im Krisenmodus.


Die sinkenden Zinsen würden Dax und Co. zwar stützen, gleichwohl dürften Aktien wegen der zunehmenden Risikoaversion auch hierzulande in den Baissemodus schalten. Da die deutschen Industriebranchen extrem abhängig sind von der globalen Konjunktur, ist Experten zufolge absehbar, dass deren Aktien besonders unter Druck gerieten.

Die Finger lassen sollten Anleger auch von Titeln aus dem Energiesektor, der nach Berechnungen der UBS wegen rückläufiger Rohölnachfrage weltweit am stärksten unter einem Handelskrieg leiden würde.

Besser als der Gesamtmarkt schlagen sollten sich laut der Schweizer Bank dagegen defensive Aktien aus dem Pharmasektor und der Lebensmittelbranche. Aussichtsreich wären Experten zufolge auch die klassischen Krisenanlagen am Anleihemarkt: Sowohl Bundespapiere als auch US-Treasuries dürften als sichere Häfen von einem Handelskrieg profitieren – in den USA insbesondere „inflationsgeschützte“ Varianten, die den absehbaren Aufwärtsschub der Teuerung in Depotrendite ummünzen können.