Was hinter dem Zoff im Daimler-Stammwerk steckt

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Was hinter dem Zoff im Daimler-Stammwerk steckt

Die Arbeitnehmer der deutschen Autowerke kämpfen um Zusagen für die Produktion von Elektroautos. Bei Daimler konnten sich Betriebsrat und Management nicht einigen – anderenorts ist die Entscheidung bereits gefallen.


Im Daimler-Stammwerk Stuttgart-Untertürkheim verschärft sich der Streit zwischen Betriebsrat und Management um die Zukunft der Elektro-Produktion immer mehr. Nachdem Gespräche beider Seiten am Montagabend erneut ohne Ergebnis geblieben waren, sagte die Mitarbeitervertretung nun für kommenden Samstag (8. Juli) die Genehmigung sämtlicher Überstunden an dem zentralen Standort ab. Damit drohen – wie schon in der vorigen Woche – Ausfälle in der Autofertigung. Anders als zuletzt will der Daimler-Betriebsrat diesmal auch „produktionsbegleitende Bereiche“ einschließen.

„Da das Unternehmen keine Zusagen macht, werden wir den Druck weiter erhöhen“, erklärte der örtliche Betriebsratschef Wolfgang Nieke. Kernpunkt der Konflikts ist die Frage, für welche elektrischen Bauteile Untertürkheim künftig innerhalb des Daimler-Konzerns zuständig sein soll – und ob sich die Beschäftigten teils auch außerhalb ihrer Arbeitszeit dafür fortbilden sollen.

Die für 2019 angekündigten Elektroautos von Daimler, die unter dem Namen EQ auf den Markt kommen sollen, werden im Werk Bremen montiert. Einige Teile des Elektroantriebs sollen aus dem Werk Hamburg-Harburg kommen. Im April 2016 hatte Daimler angekündigt, 500 Millionen Euro in das Hamburger Werk zu investieren, um dort neben der bekannten Produktion (Achsen- und Achsenkomponenten, Leichtbaustrukturteile, Lenksäulen und Komponenten für die Abgastechnologie) eine Einheit für Elektroantriebe aufzubauen. In Bremen wird bereits heute das Kompakt-SUV GLC gefertigt, das mit dem kommenden Elektroauto technisch eng verwandt ist. Die süddeutschen Werke hatten bei den Elektro-Projekten bislang das Nachsehen.




Der Streit zwischen Betriebsrat und Management schwelt schon länger, ist aber seit der vergangenen Woche akut. Die Daimler-Fahrzeugwerke in Sindelfingen, Bremen und Rastatt sind auf die Komponenten aus Stuttgart angewiesen. Im Stammwerk Untertürkheim montieren die Arbeiter Achsen, nebenan in Bad Cannstatt werden Motoren gefertigt, in Hedelfingen Getriebe zusammengesetzt.




Da die Nachfrage nach den Mercedes-Autos derzeit so hoch ist, kann die Produktion nur mit Überstunden aufrecht erhalten werden. Im vergangenen Jahr sollen alleine in Untertürkheim bis zu einer Million Überstunden angefallen sein. Als der Betriebsrat im Elektro-Streit die Zustimmung zu weiteren Überstunden verweigerte, musste am vergangenen Wochenende im Werk Sindelfingen die Produktion der E-Klasse gedrosselt werden – weil aus Stuttgart nicht genügend Motoren geliefert wurden. Die Komponentenfertigung wird so zum Flaschenhals, ein andauernder Streit hätte auch die Produktion in weiteren Fahrzeugwerken stilllegen können.


So sieht es bei den anderen Autobauern aus

Nicht nur bei Daimler ringt die Belegschaft um die Produktion der Elektroautos. BMW fertigt die aufwändigen Kohlefaser-Elektroautos i3 und den Plug-in-Hybrid-Sportwagen i8 derzeit in Leipzig. Über den Produktionsstandort eines vollelektrischen Minis und eines elektrisch angetriebenen Ablegers der 3er-Baureihe wollen die Münchner bis September entscheiden. Das Mini-Werk in Oxford wird seit dem Brexit für die Elektro-Produktion infrage gestellt, möglich sind die Werke in Regensburg oder Leipzig.

Bei Audi ist bereits eine Entscheidung gefallen – gegen die deutschen Standorte. Bereits bekannt war, dass der Audi e-tron, ein Elektro-SUV, im Werk Brüssel gebaut werden soll. Die dort bislang ansässige Produktion des Kleinwagens A1 wandert zu Seat ins nordspanische Martorell. So ist das betriebswirtschaftliche Risiko für Audi geringer, wenn die Elektro-Produktion in einem kleinen, separaten Werk erprobt werden kann und nicht am offenen Herzen in Ingolstadt oder Neckarsulm operiert werden muss – und die Fertigung der Gewinnbringer wie A4, A5 oder A6 nicht gefährdet werden soll. Folgerichtig hat das Management entschieden, auch das zweite Elektro-Modell in Brüssel bauen zu lassen. Das noch namenslose SUV-Coupé ist technisch eng mit dem Audi e-tron verwandt.




Doch der Unmut ist groß. "Wenn die Unternehmensleitung keine Perspektiven für gefüllte Produktionslinien in Deutschland aufzeigt, sondern nur für unsere ausländischen Standorte, ist der Unmut verständlich und mehr als gerechtfertigt", fasst Audi-Betriebsratschef Peter Mosch die Stimmung zusammen. Die Arbeitnehmer fordern auch für die Stammwerke feste Zusagen für künftige Elektro-Modelle – bislang vergeblich.

Einen Schritt weiter ist Porsche. Hier hat das Stammwerk in Zuffenhausen den Zuschlag für das Elektroauto Mission E erhalten, das bis Ende des Jahrzehnts auf den Markt kommen soll. Damit hat sich Zuffenhausen gegen das Porsche-Werk Leipzig und andere europäische Standorte des Volkswagen-Konzerns durchgesetzt. Um die Investitionen in den teuren und aufwändigen Umbau des räumlich begrenzten Werks zu ermöglichen, verzichten die Beschäftigten in den kommenden Jahren auf einen Teil der zugesagten Lohnerhöhungen.




Zünden die Premium-Elektroautos der deutschen Hersteller, dürfte sich der Schachzug der Stuttgarter Porsche-Mitarbeiter mehr als auszahlen. Einige Kilometer Weiter in Stuttgart-Untertürkheim müssen die Angestellten noch weiter um das Elektroauto kämpfen.