Zockend weiterbilden – ein Startup will mit Spielen digitale Nachhilfe leisten

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Schulungen und Weiterbildungen können dröge sein – das Startup Talent::digital will das Thema durch Spiele zugänglicher machen
Schulungen und Weiterbildungen können dröge sein – das Startup Talent::digital will das Thema durch Spiele zugänglicher machen

Der Unternehmer und Philanthrop Edward York wird die Welt mit neuen Erfindungen verbessern. Dafür benötigt er kundige Unterstützung, Patente gehören recherchiert, Termine koordiniert und neue Mitstreiter müssen gewonnen werden. York beginnt, online zu recherchieren, lädt sich Software herunter.

Doch York ist nur eine Kunstfigur, ein sogenannter Avatar in einem Computer-Spiel der Firma Talent::digital. Wenn York Fehler macht und mit seinen Online-Aktionen die Sicherheit des Unternehmes gefährdet, wird der Spieler darauf hingewiesen.

Das 2019 von Roman R. Rüdiger in Düsseldorf gegründete Startup bietet solche Spiele Firmen und Behörden an, um deren Mitarbeitern digitale Kompetenzen zu vermitteln. Diese als Serious Games bezeichneten Lernspiele bestehen wie eine TV-Serie je Staffel aus einzelnen Episoden, die in maximal 20 Minuten durchgespielt werden können. Gerne am Arbeitsplatz, aber auch zu Hause oder auf dem Weg zwischen beiden Orten in der Bahn.

Rüdiger arbeitet schon seit einigen Jahren am Thema digitale Kompetenzentwicklung. Mittlerweile beschäftigt er 20 Mitarbeiter in Düsseldorf und weitere Programmierer in Polen und Portugal, das Team ist multikulturell. „Wir leben in einer ungewöhnlichen Zeit“, sagt er – und führt als Beispiel die erfolgreiche Digitalbank Revolut aus Großbritannien an.

Digitale Kompetenzen spielend beigebracht

„Ein sechsjähriges Startup, das mehr wert ist als viele große Traditionsbanken.“ Zu Zeiten industrieller Gründer wie Werner von Siemens oder Robert Bosch seien Lesen, Rechnen und Schreiben die wichtigsten Kompetenzen gewesen, um erfolgreich zu sein, sagt der 55-Jährige. „Heute muss man digital denken und Daten erheben können.“

Dass es in vielen Unternehmen und auch Behörden bei den digitalen Kompetenzen noch mangelt, hatte schon 2016 eine Untersuchung der Europäischen Kommission beschrieben. Demnach fehlten 43 Prozent der Arbeitnehmer in der EU die notwendigen digitalen Fähigkeiten, um am Arbeitsmarkt zu bestehen.

Zugleich kämen mindestens 90 Prozent aller Berufe bis zum Jahr 2030 nicht mehr ohne digitale Kompetenzen aus. Dass laut einer Untersuchung der TU München (aus dem Jahr 2017) 84 Prozent der Unternehmen keine eigenen Fachkräfte haben, um ihre Mitarbeiter auf den digitalen Umbruch einzustellen, hat sich Rüdiger zunutze gemacht.

Seine Kunden könnten ihren Angestellten anhand der Spielergebnisse über die Online-Plattform von Talent::digital gezielt Fortbildungen und Schulungen anbieten. Für Unternehmen ist dieser Service ab sieben Euro pro Monat und User nutzbar.

Rüdiger zufolge ist die Sicherheit von Daten, auch Cyber Security genannt, mittlerweile ein besonders wichtiges Thema. In vielen Firmen und Verwaltungen fehlten aber Mitarbeiter, die sich damit auskennen würden und auf sichere Abläufe in der Organisation achten könnten.

„Vor allem Bereiche wie die Buchhaltung oder Verwaltung sind im Hinblick auf Cyberangriffe gefährdet.“ Und das vermehrte Arbeiten im Homeoffice und die virtuellen Begegnungen anstelle realer Meetings hätten den Prozess hier weiter beschleunigt.

Seit Februar ist das Produkt von Talent::digital zu haben und wurde Rüdiger zufolge bereits von etwa 3500 Personen bei 17 Kunden genutzt. Das Spektrum reiche vom Kleingewerbe über Jobcenter bis hin zu Konzernen. „Die Unternehmen müssen uns sagen, was ihr Problem in der digitalen Transformation ist“, so Rüdiger. „Dann kümmern wir uns um konkrete Lösungen.“

Auch Mitarbeiter der Arbeiterwohlfahrt (AWO) setzen auf das Angebot der Düsseldorfer – in NRW etwa in Oberhausen oder Mettmann. „Auf das Tool haben Manager oder Personaler einer Firma oder Behörde jederzeit Zugriff – ob im Büro, zu Hause oder in der Bahn“, so Rüdiger. Dabei würden aber alle Bedingungen der Datenschutzverordnung berücksichtigt, auch im Sinne der Betriebsräte.

Privatsphäre der Mitarbeiter soll geschützt werden

Der Arbeitgeber könne keine Rückschlüsse auf einzelne Angestellte ziehen, sagt Rüdiger, sondern nur auf die gesamte Belegschaft. Zugleich werde deutlich, wo Verbesserungs- oder Entwicklungspotenziale bei den Mitarbeitern liegen, auch für solche Schulungen hat Talent::digital Angebote.

Noch macht Rüdigers Firma keine Gewinne und kann noch nicht alle Kosten decken. Doch Mitinvestoren, die an die Zukunft des Startups glauben, unterstützen das Geschäftsmodell.

Etwa Bernd Gross, Chief Technology Officer der Software AG in Darmstadt, einem der größten deutschen Softwareunternehmen. Oder die S-UBG, eine Beteiligungsgesellschaft von Sparkassen der Regionen Aachen, Krefeld und Mönchengladbach. Die AG hatte sich vor eineinhalb Jahren über einen Fonds an Talent::digital beteiligt. Und nun denkt man offenbar über ein weitergehendes Investment nach, wie zu hören ist.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Welt.de.

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