Zitter-Pole für Heimheld Hamilton: "Stark unter Druck wie nie"

Norman Fischer

Mit zitternden Händen hockt Lewis Hamilton neben seinem Mercedes, in dem er gerade die Pole-Position bei seinem Heimspiel in Silverstone geholt hat. Es ist, als ob sich der Brite bei seinem Dienstgefährt bedanken möchte, dass es ihn vor den britischen Fans wieder einmal auf Position eins geführt hat. Doch war es am Ende auch die Leistung des viermaligen Weltmeisters selbst, an der es heute keine Zweifel gibt.

Als der Druck von Ferrari am größten war - und das war er nach der Bestzeit von Sebastian Vettel im ersten Q3-Versuch -, konnte Hamilton noch einmal entscheidend zulegen und sich in 1:25.892 Minuten die Bestzeit sichern. Passenderweise auch mit 0,044 Sekunden Vorsprung, analog zu seiner Startnummer 44. "Lewis ist einfach eine Maschine auf der Strecke", lobt Ex-Teamkollege Nico Rosberg angesichts der vierten Silverstone-Pole in Folge.

"Ich habe alles gegeben. Es war so eng", sagt Hamilton im Anschluss und wird emotional. Angesichts der ganzen Umstände habe er "einer seiner besten Runden" schaffen können. "Ich fühlte mich fast so stark unter Druck wie nie. Und danach war ich einfach ... ich kann euch nicht sagen, wie sehr ich gezittert habe. Der Adrenalinstoß, er war viel mehr über dem Limit, als ich es zuvor erlebt habe. Das ist eigentlich ziemlich verrückt, wenn man bedenkt, dass es bereits meine 76. Pole ist", so Hamilton.

Hamilton wollte das Fußball-Team pushen

Vor allem von Ferrari sei eine Menge Druck ausgegangen. "Sie haben heute etwas Besonderes ausgepackt", meint der Brite weiter. "Ich weiß nicht, was sie gestern gemacht haben, aber ihr Auto war heute so schnell. Die Runden heute zusammenzubekommen, war das Härteste, an das ich mich erinnern kann."

 

"Es hat alles von mir benötigt, um das zu schaffen", erzählt er weiter. "Aber die Fans waren da, und ich konnte sie sehen. Ich wollte es wirklich, wirklich schaffen und mit der Pole England (der Nationalmannschaft; Anm. d. Red.) einen Schub geben. Sie werden es zwar nicht sehen, aber ihr wisst, was ich meine", so Hamilton, der mit den "Three Lions" gegen Schweden mitfiebert und am liebsten die Pressekonferenz dafür geschwänzt hätte.

Doch in Q3 sah es zunächst nicht gut aus. Hamilton schnappte sich die Bestzeit, nur um festzustellen, dass er kurz darauf von Vettel auf Rang zwei verdrängt wurde. "Das sorgt natürlich für zusätzlichen Druck, weil du weißt, dass er sich noch einmal verbessern wird. Also musste auch ich mich genauso und ein bisschen mehr verbessern. Das Limit noch einmal zu verschieben ohne es wegzuschmeißen, gehört zu den schwierigsten Positionen im Auto."

Bottas hadert mit Kurve 16

Am Ende reichte es hauchdünn, allerdings muss man bei Mercedes auch sehen, dass es im Qualifying viel enger war als gedacht. Die 44 Tausendstelsekunden Vorsprung sind verschwindend gering, und Teamkollege Valtteri Bottas konnte sich sogar nur auf Rang vier stellen. "Wir haben gedacht, dass wir vielleicht etwas mehr Marge haben, aber dem war nicht so", rätselt Motorsportchef Toto Wolff. "Deswegen ist es dann am Ende noch einmal ganz knapp geworden."

Dass es Bottas mit 0,325 Sekunden Rückstand nur auf Rang vier schaffte, stellt Mercedes morgen vor ein paar Probleme. Den Rückstand handelte er sich vor allem in Kurve 16 ein. "Ich bin etwas zu tief in Kurve 16 reingekommen und habe ein paar Zehntelsekunden verloren", ärgert er sich. Allerdings: Schon nach der zweiten Zwischenzeit lag Bottas 0,154 Sekunden hinter Hamilton und damit auf Kurs zu Platz vier.

Rosberg überrascht von Hamiltons Reaktion

Und selbst Hamilton braucht einen solchen, will er morgen in Runde 1 das Rennen gegen die Ferraris anführen, glaubt Wolff: "Wir haben ihre Starts gesehen, und das wird mit ihrer Straightline-Performance unheimlich schwierig, die Position zu halten", meint der Österreicher. "Da muss schon alles Glück auf unserer Seite sein, damit wir vorne bleiben."

Zumindest heute hat Hamilton aber wieder einmal das Optimum aus sich und dem Auto herausgeholt. "Beides", sagt er auf die Frage, ob Fahrer oder Auto heute den Unterschied ausgemacht haben. Und obwohl Hamiltons Worte für Außenstehende vielleicht übertrieben und seltsam klingen mögen, so waren sie doch echt, wie sein deutlich sichtbares Zittern nach dem Qualifying zeigt. "Lewis ist emotional geladen", hat auch Nico Rosberg erkannt. "Selten habe ich ihn so gesehen."