Ziemlich krasse Freunde

Die beiden Staatspräsidenten Russlands und der Türkei zeigen sich gerne als Alliierte. Doch gerade im Nahen Osten gehen ihre Interessen auseinander. Es geht um Verbündete, um Öl – und um die Vorherrschaft in der Region.


Wenn Recep Tayyip Erdogan auf Staatsbesuch in ein anderes Land reist, darf meist eine ausgewählte Schar Journalisten mit dem türkischen Präsidenten im Flugzeug reisen. Das ist an sich nichts Besonderes, auch andere Regierungschefs tun das. Der Unterschied ist, dass das, was Erdogan auf 11.000 Metern Höhe von sich gibt, regelmäßig veröffentlicht werden darf. So auch auf seinem Rückflug von einem Staatsbesuch im Iran in dieser Woche.

Da machte sich Erdogan der türkischen Tageszeitung Milliyet zufolge über eine Aussage seines Moskauer Amtskollegen Wladimir Putin lustig. Dieser hätte gesagt, dass im Zuge der Krise um ein Kurdenreferendum kein Ölembargo gegen die kurdische Enklave im Nordirak verhängt werden solle, weil dies die Ölpreise in die Höhe treiben würde.

„Dabei sind hohe Ölpreise auch für Russland gut“, kommentierte Erdogan im türkisch-iranischen Luftraum. „Er hat sich wohl einen Scherz erlaubt.“ Die Journalisten lachten an Bord. Dann folgte ein ernster Zusatz: „Ob die Ölpipelines geschlossen werden, entscheiden die Türkei, der Iran und der Irak gemeinsam.“ Und offenbar nicht Russland.


Eine kleine Spitze, doch sie zeigt, auf welchen Drahtseilakt sich die beiden Machtpolitiker aus Moskau und Ankara eingelassen haben. Erdogan und Putin geben sich als Verbündete, bezeichnen sich als Freunde – und doch verfolgen sie teils gewaltig gegensätzliche Interessen.

Als die Türkei im November 2015 ein russisches Kampfflugzeug der türkisch-syrischen Grenze abgeschossen hatte, herrschte zunächst eine diplomatische Eiszeit zwischen den beiden Ländern. Russland verhängte in der Folge mehrere Embargos gegen die Türkei. Nach einer offiziellen Entschuldigung Erdogans ein dreiviertel Jahr später begannen die beiden, sich wieder einander anzunähern.


Was danach folgte, brachte einige im Westen zur Weißglut. Der Nato-Partner Türkei und Russland begannen, den Fortgang des syrischen Bürgerkriegs unter sich auszumachen. Statt der Syriengespräche in der Schweiz etablierten sie ein Forum in Kasachstan – der Westen ist dort nur als Zuschauer präsent. Darüber hinaus einigten sich Putin und Erdogan auf den Bau einer neuen Pipeline, über die russisches Gas über die Türkei nach Europa geliefert werden soll. Und nicht zuletzt bestellte Ankara ein Raketenabwehrsystem in Moskau – mehr als unüblich innerhalb der Nato.

Die beiden pflegen auch charakterlich sowie politisch einige Gemeinsamkeiten. Neben ihrer Vorliebe für eine zentralisierte Macht im Staat haben die beiden fast schon naturgemäß ein Interesse daran, westliche Institutionen zu schwächen. Dazu zählt die russische Einmischung in Wahlkämpfe etwa in den USA oder in Frankreich, oder Erdogans regelmäßige harte Rhetorik gegenüber Brüssel.


Streitfall Syrien

Doch wenn es um Syrien geht, mischen sich einige Unstimmigkeiten ein. Vordergründig wollen beide Stabilität in dem Bürgerkriegsland. So einigten sich beide vor kurzem darauf, für die Region um die Stadt Idlib im Nordwesten des Landes eine Sicherheitszone einzurichten, die von Streitkräften beider Länder überwacht werden solle. „Die Russen werden außerhalb Idlibs für Sicherheit sorgen, unsere Streitkräfte in der Stadt“, erklärte Erdogan.

Das klingt nach Einigkeit, was Syrien angeht, doch davon sind beide weit entfernt. Russland unterstützt den aktuellen syrischen Machthaber Assad, während die Türkei vor allem sunnitische Rebellen in dem Land unterstützt. Wenn syrische Krankenhäuser von Jets der Regierung oder Russlands beschossen werden, spart auch Erdogan nicht mit Kritik.

Ein weiteres Thema sind schließlich die Kurden im Nordirak, die dort seit den 1990er Jahren in einer Autonomieregion innerhalb des Iraks leben. Ende September hat sich die Volksgruppe per Referendum für eine Unabhängigkeit vom Irak ausgesprochen und wird dafür unter anderem von der Türkei heftig kritisiert. Und Russland? Blieb zunächst neutral und sagte erst im letzten Moment, dass es die aktuellen Grenzen in der Region respektiere.


Jetzt will Russland offenbar einem Embargo gegen die ölreiche Kurdenregion im Nordirak zuvorkommen und warnt vor den möglichen Folgen. Erdogan, der diesen Schachzug während seines Rückfluges aus Teheran als Witz enttarnt haben will, weiß, worauf das hinauslaufen könnte: Wenn sich Russland in den Konflikt um die Kurden einschaltet, erhält die Minderheit einen starken Verbündeten.

Deswegen bildet der türkische Staatschef eine Dreierkoalition mit Iran und Irak, um die Kurden politisch einzukesseln. Ungewöhnlich, dass sich jeweils sunnitisch und schiitisch dominierte Staaten zusammentun. Erdogans Kalkül: unbedingt verhindern, dass in der Region ein Kurdenstaat entsteht – während Russland Wert darauf legt, sich nicht zu deutlich von der Position der Kurden im Nordirak abzugrenzen.

Noch pikanter: Fast zur selben Zeit besuchte der saudi-arabische König den russischen Staatschef in Moskau. Russland und Saudi-Arabien wollen ihre Beziehungen mit Rüstungsgeschäften und einer weiteren Zusammenarbeit beim Ölpreis vertiefen. Zum Besuch von König Salman in Moskau wurden am Donnerstag Abkommen und Absichtserklärungen in Milliardenhöhe bekannt, darunter der Kauf eines russischen Flugabwehrsystems und von Raketen, berichtete etwa die Nachrichtenagentur Reuters. Auf Saudi-Arabien wiederum ist die Türkei gerade gar nicht gut zu sprechen. Der Grund hierfür liegt in der Blockade Katars – ein enger Verbündeter der Türkei – durch Saudi-Arabien.


Damit zeichnet sich ab, dass die Türkei und Russland keinen so engen Block bilden, wie es die Fernsehbilder vermuten lassen. Bei dem sich abzeichnenden Machtkampf geht es um den Zugang zu Öl aus dem Nahen Osten, um alte und neue Verbündete in der Region – und nicht zuletzt um die Vorherrschaft dort.

Was die Außenwirkung angeht, werden die beiden weiter ein Interesse daran haben, Einigkeit zu demonstrieren. Doch hinter den Kulissen sitzen Erdogan und Putin längst wieder an ihren eigenen Plänen. Wie lange sie diesen Spagat noch durchhalten können, dürfte auch die angrenzenden Länder interessieren – dazu gehört auch die EU.