Zensur, Überwachung, aber auch Riesen-Gewinne: Apples hartes Geschäft in China

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Entgegen aller Datenschutz- und Privatsphäreversprechen riskiert Apple, um in China produzieren und handeln zu dürfen, den Zugriff auf die Daten seiner chinesischen Kunden und unterstützt die staatliche Zensur in der chinesischen Version seines App-Stores. Das berichtet die „New York Times“ (NYT) unter Berufung auf Mitarbeiter, Sicherheitsexperten und interner Dokumente. So würden Datenzentren in Guiyang sowie der inneren Mongolei, auf deren Computerservern die Daten der chinesischen Apple-Kunden liegen, physisch von chinesischen Staatsbediensteten bedient. Apple verwende in China außerdem eine andere Verschlüsselungstechnik und bewahre die digitalen Schlüssel zum Dekodieren in eben jenen Datenzentren auf, deren Inhalte durch sie eigentlich geschützt werden sollen.

All das seien Kompromisse, die Apple mit der Zeit für die Produktions- und Vertriebsmöglichkeiten in China eingegangen sei, so die NYT weiter. Chinesische Arbeiter würden fast jedes iPhone, jedes iPad sowie jeden Mac zusammenbauen und Apple erwirtschafte in der Region 55 Milliarden Dollar im Jahr — weit mehr als jedes andere amerikanische Unternehmen. Ein Fünftel der Gewinne werde in China gemacht. Apples chinesische Lieferketten umfassen der NYT zufolge Millionen Arbeiter, tausende Fabriken und hunderte Zulieferer und die Regierung habe dieses ganze Unterfangen mit Milliardenzuschüssen für die nötige Infrastruktur ermöglicht.

iCloud-Daten chinesischer Nutzer auf Servern in China gespeichert

Diese starke Abhängigkeit von der Volksrepublik hat laut NYT Folgen für den kalifornischen Tech-Riesen. Im November 2016 trat in der Volksrepublik ein Gesetz in Kraft, demzufolge alle persönlichen Informationen und wichtigen Daten, die in China gesammelt werden, auch in China verbleiben müssten — ein Problem für Apples iCloud-Service, bei dem sensible Daten wie Kontakte, Fotos und E-Mails verschlüsselt in den Datenzentren des Unternehmens gespeichert werden. Apple sah sich gezwungen, Folge zu leisten, und die Daten seiner chinesischen Nutzer nicht mehr auf den eigenen Servern, sondern auf denen einer staatlichen Firma in China zu lagern. Anfang 2018 gingen dann auch die digitalen Schlüssel, die Zugang zu den verschlüsselten iCloud-Daten erlauben, nach China. Der NYT zufolge hätten die Dokumente bisher nicht gezeigt, dass die chinesische Regierung damit Zugriff auf die Daten erlangt hat. Apple habe es ihnen durch seine Zugeständnisse aber erleichtert.

Im Zuge der Vereinbarung habe Apple in China seine Eigentumsrechte an den Daten der Nutzer an das staatliche Unternehmen Guizhou-Cloud Big Data, kurz GCBD, abgegeben. Damit solle ein US-amerikanisches Gesetz umgangen werden, demzufolge es dort ansässigen Unternehmen verboten ist, Daten an chinesische Strafverfolgungsbehörden herauszugeben. In Apples Fall würden chinesische Behörden allerdings auf GCBD zugehen, nicht direkt auf den iPhone-Hersteller.

Schlüssel lagern in den Datenzentren, deren Inhalte sie schützen sollen

In den drei Jahren nach Inkrafttreten dieser Regelung habe Apple in neun Fällen die Inhalte einer nicht-genannten Zahl von iCloud-Accounts an die chinesische Regierung weitergegeben und nur drei Fälle angefochten. Das sei zwar eine verschwindend geringe Zahl im Vergleich zu den 10.781 Fällen in den USA zwischen 2013 und 2020. Aber die Dokumente würden zeigen, dass GCBD-Angestellte physisch die Server mit den iCloud-Daten kontrollieren und Apple-Mitarbeiter das lediglich von außerhalb des Landes überwachen — ein Sicherheitsrisiko jenseits jeglicher Softwarefrage, so die NYT.

Apple verfüge zwar über die digitalen Schlüssel zur Dekodierung der iCloud-Daten. Aber die Dokumente hätten auch gezeigt, dass das Unternehmen — entgegen früherer Angaben von CEO Tim Cook — in China eine andere Verschlüsselungstechnologie nutze. Die Speichergeräte für die Schlüssel würden auf älteren Versionen des Betriebssystems iOS und kostengünstigerer Hardware basieren, da die chinesische Regierung Apples übliche Hardware-Sicherheitsmodule nicht zugelassen habe. Apple habe diese Informationen allerdings für veraltet erklärt. Man verwende in den Datenzentren „den neusten und ausgeklügeltesten Schutz“, zitiert die NYT.

Apple unterstützt proaktiv die chinesische Zensur

Wie die NYT weiter berichtet, unterstützt der US-Konzern proaktiv die Zensur seines App-Stores. Apple habe bürokratische Mechanismen entwickelt, um Apps in China zu zensieren oder zu blockieren und so die Regierung der Volksrepublik zu beschwichtigen. Es gebe eine Liste unerwünschter Themen — seien es das Tian'anmen-Massaker, Tibet, Taiwan oder der Dalai Lama — nach der Inhalte von Apple schon vor Veröffentlichung in China blockiert würden. Apps paramilitärischer Gruppen, denen die Inhaftierung und Misshandlung von Uiguren, einer muslimischen Minderheit, vorgeworfen wird, würden hingegen nicht blockiert.

In den zwei Jahren bis Juni 2020 habe Apple 1.217 Apps auf Anfrage der chinesischen Regierung entfernt und sei damit 91 Prozent der Anfragen nachgekommen. In allen anderen Ländern zusammen seien im selben Zeitraum 40 Prozent der Anfragen erfüllt und 253 Apps entfernt worden. Apple zufolge habe es sich in China hauptsächlich um Apps mit Glücksspiel-bezogenen oder pornografischen Inhalten gehandelt sowie um Apps ohne offizielle Lizenz, so die NYT.

Nachforschungen der Zeitung würden jedoch zeigen, dass unter Einbezug der von Apple proaktiv blockierten — und damit gar nicht erst im chinesischen App-Store erschienenen — Apps seit 2017 etwa 55.000 Anwendung im chinesischen App-Store verschwunden seien. Darunter befänden sich Apps unterschiedlicher Kategorien — von der Sexualerziehung über private Messenger bis hin zu Browsern, die von der Zensur blockierte Websites ansteuern können. Apple bestreite das, listet allerdings proaktiv entfernte Apps nicht in seiner Statistik.

sb