Zeitzeugin in Kölner Liebfrauenschule: „Ich bin ein Kind des Holocaust“

Irena Szczurek erzählt von ihrer Flucht vor den Nationalsozialisten.

Irena Szczurek blickt ernst und dennoch freundlich in die Gesichter der Klasse 9b an der Liebfrauenschule. Wenn sie spricht, wird es ruhig im Klassenzimmer. Das Gefühl, vor einer Schulklasse zu stehen, ist für die 79-Jährige nichts Neues. Früher war sie selbst Lehrerin, hat Mathematik und Physik unterrichtet. Jetzt besucht sie deutsche und polnische Schulen, um von ihren Erfahrungen aus dem Ghetto in Brody, nördlich von Lemberg in der heutigen Ukraine, zu berichten.

Sieben Zeitzeugen aus Polen sind an diesem Tag zu Besuch in der Schule – jeder mit seiner ganz eigenen Geschichte, wie er den Holocaust als Kind erlebt hat. Organisiert wurde die Begegnung vom Maximilian-Kolbe-Werk, das sich mit verschiedenen Aktionen für die deutsch-polnische Versöhnung einsetzen möchte. Das Zeitzeugenprogramm gibt es seit Anfang der 90er Jahre. Neben der Liebfrauenschule wollen die Holocaust-Überlebenden bis Ende Juni noch acht weitere Schulen in Köln besuchen.

Szczurek wird als Vierjährige gezwungen in Ghetto zu ziehen

Menschen, die selbst noch Vernichtungslager und Ghettos miterlebt haben, gibt es immer weniger. Mit ihnen in persönlichen Kontakt zu treten, so lange es noch möglich ist, hält Christa Teiner vom Maximilian-Kolbe-Werk für umso wichtiger: „Die Begegnung mit Zeitzeugen ist etwas, was in Erinnerung bleibt“, so Teiner. Die Opfer des Nationalsozialismus bekommen ein Gesicht.

„Ich bin ein Kind des Holocaust“, sagt Irena Szczurek. Sie wird in einer wohlhabenden jüdischen Familie in Radomsko, einer Stadt im Zentrum Polens, geboren. Als Vierjährige wird sie gezwungen, mit ihrer Familie in das Ghetto in Brody umzuziehen. Die Versorgung dort ist miserabel. Eine Schlüsselrolle nimmt dabei das Kindermädchen ein: Sie bringt täglich Lebensmittel sowie warme Kleidung in das Sperrgebiet.

Familie der Zeitzeugin wird ermordet

„Neben meinen Eltern war sie die wichtigste Person in meinem Leben“, sagt die 79-Jährige. Irenas Eltern beschließen schließlich, ihr Kind aus dem Ghetto zu schmuggeln – mit Schmiergeld für die Wachposten. Die Unternehmung ist erfolgreich: Irena wohnt fortan bei ihrem Kindermädchen als deren Tochter – die Familie bleibt im Ghetto zurück. Wenig später wird die Mutter bei einer „Liquidation“ in das Konzentrationslager nach Sobibor deportiert und ermordet.

Vater und Bruder gelingt die Flucht. Sie finden in den Strohgarben bei einem nahe gelegenen Bauern ein Versteck. „Das war kein menschlicher Akt der Güte; er wurde von uns gut bezahlt“, so Irena. Als sie eines Tages mit ihrem Kindermädchen dort hinfährt, um die Rate zu überbringen, sind Vater und Bruder nicht mehr auffindbar. „Die wirklichen Umstände des Verschwindens kenne ich nicht“, so Irena. Ob der Bauer sie an deutsche Behörden ausgeliefert hat, ist nicht sicher, nur so viel ist klar: Beide wurden ermordet.

Irena wird katholisch getauft – wie es sich die Eltern noch gewünscht hatten – um ihre jüdische Herkunft zu verschleiern. „Von diesem Augenblick an wurde ich zur Tochter meines Kindermädchens“, so die Zeitzeugin. Sie pflegt ein inniges Verhältnis zu ihrer „neuen“ Mutter: „Mit ihr war ich fast noch mehr verbunden, als mit meiner leiblichen Mutter.“ Nach einer zweimonatigen Fahrt im Viehwaggon siedelten sie nach Kriegsende gemeinsam nach Oppeln in Ostoberschlesien um.

Szczurek erlebt weiter Judenfeindlichkeit

Doch nach wie vor erlebt Irina Judenfeindlichkeit in ihrer neuen polnischen Heimat – mit schweren Folgen für ihre Entwicklung: „Ich hatte keine Erklärung dafür, warum ich schlechter sein soll als die anderen.“ Im Alter von sieben Jahren sei ihr allmählich klar geworden, dass es wohl nicht ist, Jüdin zu sein. Gewissenhaft habe sie ihre Herkunft verschwiegen. Erst viele Jahre später, als sie ihrem späteren Mann begegnet, schöpft sie neues Selbstvertrauen.

Trotz aller Beschwerlichkeiten blickt Irena heute mit Zufriedenheit auf ihr Leben zurück: „Jetzt, nach all dem, was ich erfahren musste, kann ich sagen, dass auch ein Leben, wie ich es geführt habe, ein glückliches sein kann.“...Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta