Warum die Zeitumstellung Unsinn ist – und wir ab Sonntag bei der Winterzeit bleiben sollten

Disclaimer: Dieser Artikel ist die Meinung der Autorin und vermittelt ihre Sicht. Hier findet ihr andere Informationen zum Thema.

Seitdem ich denken kann, werden am letzten Märzsonntag die Uhren eine Stunde vor- und an jedem letzten Oktobersonntag eine Stunde zurückgestellt. Dieser stete Wechsel zwischen Sommer- und Winterzeit soll Energie sparen und stößt aufgrund langer Sommerabende bei vielen auf Begeisterung.

(Symbolbild) Schluss mit der Zeitumstellung. Warum unsere Redakteurin für die dauerhafte Winterzeit plädiert. - Copyright: Getty Images/ nikkimeel
(Symbolbild) Schluss mit der Zeitumstellung. Warum unsere Redakteurin für die dauerhafte Winterzeit plädiert. - Copyright: Getty Images/ nikkimeel

Doch: Die Energieeinsparungen sind kaum relevant. Und auch die langen Abende wecken so meine Zweifel in Hinblick auf die Schlafqualität der Menschen. Ich wünsche mir daher, dass wir am Sonntag zum letzten Mal die Uhren eine Stunde zurückstellen – und fortan für immer in der Winterzeit leben.

Warum gibt es die Zeitumstellung?

Bereits im Ersten und im Zweiten Weltkrieg kam es vereinzelt zur Umstellung der Zeit. Damals wollte man so das Tageslicht optimal für die Rüstungsindustrie ausnutzen. Im Jahr 1980 wurde die Zeitumstellung dann fest in Deutschland eingeführt. Ein kleiner Aha-Moment für mich: Anders als ich sind meine Eltern (68er-Jahrgang) also in einer Zeit vor der Zeitumstellung aufgewachsen.

Ziel nach der Ölkrise der 70er-Jahre war es, Energie zu sparen. Der Grundgedanke: Indem es im Sommer länger hell ist, würden die Menschen seltener das Licht anknipsen. Seit 1996 stellten auch alle anderen EU-Länder ihre Uhren um. Fortan gab es übergreifend nicht mehr nur die Winter-, sondern auch die Sommerzeit.

Energie sparen? Dieses Argument greift nicht mehr

Heute ist der Energiespareffekt für private Haushalte und Unternehmen stark umstritten. So sagt das Umweltbundesamt: „Zwar wird durch die Zeitumstellung im Sommer tatsächlich abends weniger häufig das Licht angeknipst – im Frühjahr und Herbst jedoch wird in den Morgenstunden auch mehr geheizt. Das hebt sich gegenseitig auf.“ Studien aus verschiedenen Ländern zeigen, dass Energieeinsparungen gerade einmal im Bereich von unter einem Prozent vorliegen.

Die Wirtschaftswissenschaftler Korbinian von Blanckenburg und Julian Strauch haben zum Beispiel analysiert, dass die Zeitumstellung nur zu einer Einsparung von 0,78 Prozent beim Stromverbrauch privater Haushalte führt. Weiter stellten sie fest, dass am meisten Strom eingespart würde, wenn permanent die Sommerzeit vorherrschte.

Warum wurde die Zeitumstellung noch nicht abgeschafft?

Ich frage mich: Wenn die Zeitumstellung ihr ursprüngliches Ziel, Energie zu sparen, also verfehlt, warum behalten wir sie dann bei? Tatsächlich ließ das EU-Parlament bereits darüber abstimmen, ob die Zeitumstellung abgeschafft werden soll. Das Ergebnis: 84 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sprachen sich für ein Ende der Zeitumstellung aus. Die Mehrheit möchte dauerhaft die Sommerzeit beibehalten.

2019 stimmte das EU-Parlament dem Vorschlag der EU-Kommission letztlich zu, die Zeitumstellung 2021 abzuschaffen. Ich stelle fest: Heute schreiben wir das Jahr 2022 und am Sonntag soll ich erneut all meine Uhren umstellen. Der Grund dafür: Die einzelnen EU-Länder sind sich uneins darüber, welche Zeit abgeschafft werden soll. Manche präferieren die Sommerzeit, andere die Winterzeit und andere wollen, dass alles so bleibt, wie es ist. Weil die EU einen Flickenteppich an Zeitzonen vermeiden möchte, zieht sich die Entscheidung weiter hin. Aber: Bis 2026 soll es eine Einigung geben. Es bleibt spannend.

Warum es Zeit ist, die Zeitumstellung abzuschaffen

Mal davon abgesehen, dass wir keine Energie durch die Zeitumstellung einsparen, schadet sie zu allem Überfluss auch noch unserer Gesundheit. So zeigte eine Umfrage der DAK aus dem Jahr 2018, dass etwa ein Viertel der Menschen schon einmal Probleme mit der Zeitumstellung hatte. Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten, Gereiztheit und depressive Verstimmungen wurden hierbei als häufigste Nebenwirkungen genannt.

Der Vorsitzende der rheinland-pfälzischen Gesellschaft für Schlafmedizin und Schlafforschung, Hans Günther Wees, sieht die regelmäßige Zeitumstellung genau aus diesen Gründen kritisch. In einem Interview mit dem SWR sagt er: „Der Wechsel zwischen der Winter- und der Sommerzeit beschert uns allen jeweils einen Mini-Jetlag. Im Frühjahr ist es belastender für den Organismus, weil uns eine Stunde geklaut wird.“ Letzteres bestätigt auch eine Studie der Universität Bologna.

Tatsächlich komme es in der Woche nach der Zeitumstellung nachgewiesen zu mehr Arztbesuchen, zu einem höheren Konsum von Schlafmitteln – und Lustlosigkeit sowie die Depressionsraten steigen. Auch die Zahl der Herzinfarkte nimmt in dieser Zeit zu. Eine Studie des Karolinka Instituts in Schweden zeigt zum Beispiel, dass es ein um fünf Prozent höheres Risiko für einen Herzinfarkt durch die Zeitumstellung gibt. Und eine weitere Studie ergab, dass der „Mini-Jetleg“ den Body Mass Index (BMI) erhöhen und somit zu Übergewicht beitragen kann. Kurzum: Die Zeitumstellung ist ungesund.

Welche Zeit ist die beste?

Für mich stellt sich demnach nicht die Frage, ob man die Zeitumstellung abschaffen sollte. Einzig entscheidend ist die Frage: Welche Zeit sollte bestehen bleiben? Und dabei möchte ich mich ungern auf den Gusto einzelner EU-Länder verlassen. Wichtig ist mir vor allem, dass wir in Deutschland die für uns gesündeste Variante wählen. Sollten wir also in der Normalzeit, also der Winterzeit verweilen? Oder doch in der künstlichen Zeit, also der Sommerzeit?

Stellen wir uns einmal vor, Deutschland würde die Sommerzeit beibehalten. Laut der EU-Umfrage, die im Übrigen nicht repräsentativ war, wünschte sich die Mehrheit der Menschen diese Variante. Dazu gesagt sei an dieser Stelle, dass nachfolgende repräsentative Umfragen einen deutlich geringeren Zuspruch für die Sommerzeit feststellten. Und noch interessanter ist, was die Wissenschaftssendung Quarks betont: Als man in einer anderen Umfrage die Worte „Sommerzeit“ und „Winterzeit“ in „Normalzeit plus eine Stunde“ und „Normalzeit“ änderte, war die Mehrheit plötzlich für die Normalzeit, also die Winterzeit. Laut Quarks könne also auch der positive Klang des Wortes „Sommerzeit“ einen Einfluss auf die EU-Umfrageergebnisse gehabt haben.

Würde nun permanent die Sommerzeit vorherrschen, wäre es im Sommer zwar lange hell. Zugleich würde im Winter mancherorts aber erst um neun Uhr morgens die Sonne aufgehen. Wir alle müssten so im Dunkeln zur Arbeit fahren. Das erhöht nicht nur nachweislich die Unfallquote, sondern würde uns auch erschweren, aus dem Bett zu kommen. Einziger Vorteil: Es wäre im Winter bis 18 Uhr hell.

Warum wir auf die Winterzeit umstellen sollten

Experten sind sich jedoch sicher, dass diese Zeiten fatal für den menschlichen Körper wären. Denn dieser orientiert sich am Stand der Sonne. Spezielle Rezeptoren im menschlichen Auge nehmen das Sonnenlicht auf und bringen den Mechanismus in Gang, der uns wach werden lässt. Im Winter verschiebt sich dieses Wachwerden nach hinten, da es später hell wird. Wird es dunkel, produziert unser Körper Melatonin und wir werden müde.

Heißt bezogen auf die Sommerzeit, dass wir erst spät am Tag in Schwung kommen würden, dafür aber lange wach wären. Dauerhaft würde die Sommerzeit so zu Schlafmangel führen, weil wir gegen unsere innere Uhr leben. Übergewicht, ein steigender Alkohol- und Tabakkonsum, Herzkreislauf-Probleme, Krebs und psychische Probleme können die Folge sein.

Stellen wir uns dagegen vor, dass für immer die Winterzeit vorherrschen würde, also die Zeit, die auch vor 1980 „normal“ war, sieht die Zukunft rosiger aus. Zwar ginge die Sonne hier mancherorts im Sommer schon um vier Uhr morgens auf und an Sommerabenden ginge sie bereits um 21 Uhr unter. Aber: Immerhin würden wir dann alle mehr nach unserer inneren Uhr leben. Experten von der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin sind sich sicher, dass diese Variante gesünder wäre.

Eine permanente Wahl der Winterzeit bedeutet natürlich einen Einschnitt in das Leben der Menschen und verlangt nach einer Anpassung. Was aber macht das schon, wenn wir so nicht nur gesünder, sondern auch glücklicher leben könnten? Ich für meinen Teil wäre daher froh, würde die Zeitumstellung am Sonntag die letzte sein.

VIDEO: Wann wird endlich die Zeitumstellung abgeschafft?