Zeitreise: Unterwegs im alten Fiat 500

feedback@motor1.com (Roland Hildebrandt)
Zeitreise im alten Fiat 500

Italienisch für Anfänger

Ach du lieber Himmel: Wer als 1,88 Meter großer Ikonen-Tester erstmals in den ab 1957 gebauten Fiat 500 steigt, lernt spontan seine erste Lektion der italienischen Sprache: „Merda, ist das Teil winzig!“ Wobei „Merda“ das klassische Sch-Wort ist. Aber einmal hineingefaltet, bin ich gleich bei Lektion zwei: „Molto bene!“ Denn der Fahrer und sein Co-Pilot sitzen überraschend gut. Die Entscheidung, vor meiner Begegnung schmale Slipper anzuziehen, erwies sich als goldrichtig. Nur so sind die Pedale halbwegs einzeln bedienbar, der Radkasten schränkt den Fußraum nämlich ganz schön ein. Aber wo sollen sie auch sonst hin in einem Auto, dessen Enkel daneben fast wie ein Range Rover wirkt? Um das mal in Zahlen zu veranschaulichen: 2,97 Meter gegen 3,57 Meter bei der Länge und 1,32 Meter versus 1,49 Meter in der Höhe. Man möchte den alten 500 glatt unter den Arm nehmen und immer mit sich tragen. Eine Parallele zum ähnlich knuffigen VW Käfer.

Weitere Klassiker im Fahrbericht:

Tatsächlich sind beide Autos auf ihre Art und Weise zu „Volkswagen“ geworden. Fun Fact: Zum 60. Geburtstag ehrte die italienische Post den „Cinquecento“ mit einer eigenen Briefmarke. Das 95-Cent-Wertzeichen war auf eine Million Exemplare limitiert.

Als der Fiat 500 im Jahr 1957 mit viel Brimborium (inklusive Sitzprobe des Staatspräsidenten) vorgestellt wurde, schrieb man „Nuova 500“ auf sein Heck. Denn schon 1936 hatte der Konzern einen 500 auf den Markt gebracht, der aufgrund seiner Micky-Maus-artigen Scheinwerfer liebevoll „Topolino“ (Mäuschen) genannt wurde. Um Italien nach dem Krieg mobil zu machen, hatte sich Fiat 1955 den 600 ausgedacht, einen patenten, wenngleich auch schon nicht gerade riesigen Viersitzer mit Heckmotor. Quasi dessen verkleinerte Version war der „neue 500“: Zwei statt vier Zylinder und sagenhafte 13,5 PS stark.

Zeitreise im alten Fiat 500

Aber nach einer Produktionsdauer von 18 Jahren sah es zu Beginn nicht aus. Zu spartanisch war der 500er geraten, „La Povera“, „die Arme“ unkte der Volksmund. So gab es keine richtige Rückbank und lediglich ein großes Rolldach mit Heckfenster aus Plastik. Fiat-Chefingenieur Dante Giacosa hatte auf ein zu minimalistisches Konzept gesetzt, wenngleich die Raumausnutzung bestens durchdacht war. Doch im wirtschaftlichen Aufschwung wollten selbst die Italiener nicht derart viel Purismus. Und so wurde nachgebessert: Das Faltdach reichte ab 1958 nur noch bis zur B-Säule, eine Rückbank kam (Idealbesetzung: zwei Kinder) und schließlich 15 PS. Der Fiat 500 Sport mit feschem Seitenstreifen schaffte dank 21,5 PS sogar 105 km/h. Daran beteiligt: Ein gewisser Carlo Abarth, der aus dem niedlichen Kleinen böse Giftzwerge mit bis zu 140 Spitze züchtete.

Zeitreise im alten Fiat 500

So schnell will ich es gar nicht angehen. Und könnte es ohne Einweisung auch nicht. Erst den Zündschlüssel im Armaturenbrett drehen, dann an einem Hebel zwischen den Sitzen ziehen. Lautstark poltert der Reihen-Zweizylinder im Heck los. Unter der vorderen Haube lauert der Tank. Kofferraum? Fragt lieber nicht. Mehr als 18 PS gab es in der Normalversion nie. Doch sie bekommen es mit nur gut 500 Kilogramm Leergewicht zu tun. Zum Glück habe ich lediglich einen Espresso gefrühstückt, weshalb der Fiat und ich gar nicht mal so lahm durch die Stadt quirlen. Hier ist der Cinquecento in seinem Element, sofern der Hebel der Viergang-Schaltung mit Gefühl geführt wird. Irgendwann setzt Regen ein, einer der kleinen Kippschalter im maximal spartanischen Cockpit überredet die Scheibenwischer zur Arbeit. Trocken an sein Ziel zu kommen: Das war 1957 die Hauptsache. Und nicht wann.

Guckt euch nur mal die deutschen Ergebnisse zum Thema Minimalmobilität jener Zeit an. BMW Isetta? Maximal 13 PS. Goggomobil? Höchstens 400er-Big-Block mit 18,5 PS. Noch die meisten Parallelen zum Fiat 500 weist der 20 PS starke NSU Prinz I auf. Und vergesst bitte eins nicht: Zu jener Zeit tuckerte auch der deutlich größere VW Käfer mit bescheidenen 30 PS über den Brenner. Aber ob er in Italien so viele Sympathien sammelte wie der Fiat in „Bella Germania“? Auf meinem Weg hält neben mir ein Linienbus, gefühltes Format irgendwo bei 40 Tonnen. Im hinteren Bereich drücken sich kleine Schülernasen an die Fenster und winken mir fröhlich zu. Zeit für Lektion drei: „Piccolo Beniamino“ – kleiner Liebling. Merke: Besser „500“ am Heck als 500 PS unter der Haube.