Zeit für ein zweites Duell


Nicht nur bei den Blitzumfragen nach dem TV-Duell war die vorherrschenden Meinung, dass Angela Merkel gegen Martin Schulz gewonnen hat. Auch die Handelsblatt-Leser sahen es so, und stellen dafür einen ganz speziellen Punkt heraus. Weil wichtige Themen gar nicht angesprochen wurden, nutzte Merkel ihr Abschlussstatement, um diese wenigstens zu nennen: Digitaler Wandel und Bildung.

Mehr als 100 Leser hatten auf Einladung des Handelsblatts in Düsseldorf gemeinsam das Duell verfolgt und anschließend über das Gesehene diskutiert. Auf dem Podium waren Karl-Erivan Haub, Gesellschafter der Tengelmann-Gruppe, Wolfgang Clement, ehemaliger Bundeswirtschaftsminister und Bert Rürup, Handelsblatt-Chefökonom und ehemaliger Wirtschaftsweiser. Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe moderierte den Abend. Auf Handelsblatt.com wurde die Veranstaltung übertragen.


Im Saal wurde es immer dann laut, wenn die Duellanten oder die Moderatoren versuchten, aus den strikten Regeln des Duells auszubrechen. Als Moderatorin Maybritt Illner Schulz dafür lobte, sich vorbereitet zu haben, ging dessen folgende Antwort im Gelächter unter. Oder als er sagte, er würde mit einem Anruf beim Justizminister eine komplexe Reform voranbringen: Was volksnah und zupackend wirken sollte, löste unter den Handelsblatt-Lesern eher Heiterkeit aus.

Angela Merkel musste auf die Frage von Peter Kloeppel zugeben, dass an gerade einmal vier Fakultäten in Deutschland Islamlehrer ausgebildet werden. Das anschließende Gelächter zielte weniger auf Merkels Antwort als auf Kloeppels hochgezogene Augenbrauen. Auch ihr Satz „Ich mach das doch nicht aus Spaß“, klang ausnahmsweise nicht nach Politiker-Sprech und führte zu Lachern.




Dann die Nachbesprechung. Rürup begann mit einem kritischen Blick auf Versprechungen beider Seiten: Merkels Beteuerung, es werde keine Rente mit 70 geben, obwohl dies in der CDU diskutiert wird, stellte Rürup infrage. Merkel kaufe sich Zeit durch das Einsetzen einer Kommission. Die Zukunftsfragen an das Rentensystem seien dadurch nicht beantwortet. Clement ergänzte, Merkel könne nur für die folgende Legislaturperiode sprechen, danach sei eine Reform unabdingbar.

Ein Fragezeichen steht auch hinter Schulz’ Vorschlag für ein Einwanderungsgesetz. Seine Beispiele, Australien und Kanada etwa, seien mit Deutschland nicht zu vergleichen – schon die geografischen Unterschiede seien enorm. Und Millionen von Europäern genießen die Arbeitnehmerfreizügigkeit. Zusätzlich dazu ein Einwanderungsgesetz zu schaffen, höre sich einfacher an, als es ist, so Rürup.






Clement stellte zwei Aspekte des Diesel-Themas heraus: Erstens sei es an der Zeit, die Grenzwerte infrage zu stellen, die zu Fahrverboten und teuren Maßnahmen führten. Zweitens stellte er sich deutlich gegen die Einführung von Sammel- oder Musterfeststellungsklagen, mit denen Verbraucher bessere Möglichkeiten bekommen sollen, ihre Rechte auch bei großen Konzernen einzuklagen. „Das ist das Gefährlichste, was man nur tun kann“, so Clement. Das Instrument sei anfällig für Missbrauch. Anwälte könnten damit ganze Branchen lahmlegen.

Haub wies vor allem auf übergangene Themen hin: „Wirtschaftsfragen wurden zu wenig besprochen“, sagte er. Allerdings: „Das mag daran liegen, dass es uns gut geht in Deutschland – was ja etwas Schönes ist.“ Ein Thema, das die Menschen aber umtreibe, sei Sicherheit: „Die Menschen fühlen sich in ihren Häusern nicht sicher“, so Haub. „Das kam nur am Rande vor. Das ist schlimm für ein Land, dem es eigentlich gut geht.“

Auch im Publikum zeigten sich viele enttäuscht: „Was passiert, wenn durch die Automatisierung viele Arbeitsplätze wegfallen?“, fragte einer – ohne bei dem Duell eine Antwort darauf gehört zu haben. „Mir ist eigentlich nur in Erinnerung, dass Martin Schulz die Maut abschaffen will“, resümierte ein anderer.

Die Schuld für den engen Fokus sah Vodafone-Marketing-Chef Gregor Gründgens bei den Moderatoren: „Die haben nur über Rentner-Themen gesprochen“, sagte er. Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart beklagte, dass auch die Kandidaten an dieser Agenda nichts geändert hätten. Merkel oder Schulz hätten den Spieß umdrehen und die Moderatoren fragen können, ob sie nicht auch über die Zukunft junger Menschen sprechen mögen. „Wer sich nicht traut, Frau Illner und Herrn Strunz zu widersprechen, wie macht er das eigentlich bei Putin oder Trump?“, so Steingart.



Aus Berlin-Adlershof übermittelte Handelsblatt-Politikchef Thomas Sigmund ein Video mit seinen Eindrücke des TV-Events. Beide Seiten waren dort mit Pressesprechern und prominenten Politikern vertreten. In keinem der Lager sei eine überschäumende Stimmung zu erkennen gewesen, so Sigmund. Schulz habe seine Punkte bei den Themen Rente, Maut und Türkei machen können. Merkel habe dagegen kompetenter gewirkt und ihre Erfahrung ausgespielt.

So ähnlich sah man es auch in Düsseldorf. Außerdem war man sich darin einig, dass zu viele wichtige Themen nicht angesprochen wurden. Insofern gaben die Handelsblatt-Leser Peter Kloeppel recht, der als letztes Schlusswort darauf hinwies, man hätte nächsten Sonntag noch Zeit für ein zweites Duell.



KONTEXT

Das TV-Duell in Zahlen

5

Fünf TV-Kanzlerduelle hat es bislang gegeben - alle wurden im Studio B in Berlin-Adlershof produziert.

8

Acht Kameras zeichnen die Bilder für das Kanzlerduell im Studio auf.

50

Ungefähr fünfzig Mitarbeiter der Fernsehsender sind im Studio vor Ort - von Regie über Maske und Licht bis zum Aufnahmeleiter.

95

Die Sender haben die Übertragung bis 21.50 Uhr angesetzt - 95 Minuten ab dem Beginn um 20.15 Uhr.

635

Die Fläche des Studios beträgt 635,56 Quadratmeter.

700

Im Pressezentrum unmittelbar neben dem Studio beobachten 700 Journalisten das Geschehen - und zahlreiche Vertreter der Parteien.

17,64

Insgesamt 17,64 Millionen Zuschauer verfolgten 2013 das TV-Duell im Fernsehen - 2005 war der Rekord mit 20,98 Millionen Zuschauern aufgestellt worden.