Mit zehn Pfund „für ein wildes Wochenende“ fing es an


Es war die Verzweiflung seines Sohnes, die ihn auf die Idee brachte. John Shepherd-Barron brauchte an einem Samstag Bargeld. „Das war wichtig, um mir mein Taschengeld auszuzahlen, das ich mir mit Rasenmähen verdient hatte“, wird sein Sohn Jahrzehnte später der britischen Wirtschaftszeitung „Financial Times“ erzählen. „Doch die Bank machte uns die Tür direkt vor der Nase zu.“ Shepherd-Barron und sein Sohn waren eine Minute zu spät dran. Die Idee, ein Gerät zu entwickeln, an dem man sich jederzeit Bargeld holen kann, war geboren.

Am 27. Juni 1967 war es soweit. Die britische Großbank Barclays nahm den ersten Geldautomaten in Betrieb, die so genannte Automated Teller Machine (ATM), in einer Filiale im Londoner Vorort Enfield. Eine Plakette erinnert bis heute an die Erfindung des inzwischen verstorbenen John Shepherd-Barron. Der Brite arbeitete eigentlich bei dem Traditionsunternehmen De La Rue, das Banknoten und Sicherheitsdokumente druckte.

Der einstige Chef der US-Notenbank Fed, Paul Volcker, bezeichnete den Geldautomaten kurz nach Ausbruch der Finanzkrise 2009 als „die einzige nützliche Innovation, die die Finanzbranche über Jahrzehnte zustande gebracht hat“. Dass sie ausgerechnet von einem Briten stammt, macht einigen in der Branche heute Mut: Neue Produkte zu erfinden, werde London helfen, schädliche Folgen des britischen EU-Austritts zu kompensieren, ist Sushil Saluja, Finanzexperte bei der Beratungsgesellschaft Accenture, überzeugt.


Geldautomaten können inzwischen deutlich mehr, als die Bargeldversorgung außerhalb der Banköffnungszeiten sicherzustellen. „In Spanien kann man sich am ATM Tickets für Fußballspiele besorgen, in den USA Briefmarken“, sagt Salujas Kollege Jeremy Light. Obwohl die Geräte in Großbritannien, dem Heimatland ihres Erfinders, auf solche Services nicht eingestellt seien, hätten sie noch lange nicht ausgedient.

Sie würden zumindest einen Teil der Bankdienstleistungen in Regionen sicherstellen, in denen Filialen geschlossen worden seien, so Light von Accenture. Und obwohl bargeldloses Zahlen kontinuierlich zunimmt, Bargeld bleibt den Briten wichtig. So werden im Durchschnitt 192 Milliarden Pfund pro Jahr an Geldautomaten auf der Insel abgehoben – und diese Zahl hat sich seit etwa zehn Jahren nicht verändert. Das geht aus Statistiken von Payments UK hervor, einer britischen Branchenorganisation für den Zahlungsverkehr.

Zugenommen hat dagegen die durchschnittliche Summe, die Kunden an einem Geldautomaten abheben. Diese ist auf etwa 70 Pfund gestiegen. Als der allererste Kunden vor 50 Jahren die Maschine nutzte, konnte er gerade mal zehn Pfund ziehen. Barclays ließ damals den britischen Schauspieler Reg Varney den Automaten zum ersten Mal ausprobieren. Damals hätten die zehn Pfund durchaus „für ein wildes Wochenende“ gereicht, erklärte Erfinder Shepherd-Barron später in einem BBC-Interview.


In Deutschland war es die Kreissparkasse Tübingen, die am 27. Mai 1968 den bundesweit ersten Geldautomaten aufstellte. 1000 ausgewählte Kunden konnten ihn nutzen. Sie durften bis zu 400 D-Mark abheben, brauchten dafür aber ein ganzes Bündel an Ausrüstung: einen Spezialschlüssel für den Tresor, eine Identifikationskarte aus Plastik und Auszahlungsbelege in Form von Lochkarten.

EC-Karten mit Magnetstreifen gab es noch nicht. In Shepherd-Barrons Automaten mussten Kunden einen mit einer leicht radioaktiven Substanz imprägnierten Scheck schieben. War das nicht gefährlich? Nein, meinte der Erfinder: Er habe berechnet, dass man 136.000 dieser Schecks essen müsse, bevor deren Radioaktivität krank mache.

Eigentlich sollten die Schecks eine sechsstellige Geheimnummer (PIN) zur Identifizierung haben, erinnerte sich Shepherd-Barron: „Aber meine Frau sagte über den Küchentisch hinweg, sie könne sich nur vier Ziffern merken. Ihretwegen wurden also die vier Ziffern der Weltstandard.“ Und sind es bis heute.

KONTEXT

Die EU-Länder mit den wenigsten Geldautomaten

Tschechien

Im Schnitt gibt es im Euroraum 940 Geldautomaten pro eine Million Einwohner. In Tschechien gibt es dagegen nur 431 pro eine Million Einwohner. Damit landet das Land auf Platz 5 der Länder mit den wenigsten Automaten.

Litauen

Noch weniger Geldautomaten befinden sich in Litauen. Hier gibt es nur 418 pro eine Millionen Einwohner.

Niederlande

In den Niederlanden gibt es 414 Geldautomaten pro eine Million Einwohner.

Finnland

Auf dem zweiten Platz landet Finnland mit 372 Geldautomaten pro eine Million Einwohner.

Schweden

Für eine Million Einwohner gibt es in Schweden 335 Geldautomaten.

KONTEXT

Die EU-Länder mit den meisten Geldautomaten

Bargeld immer verfügbar

Früher musste man am Wochenende warten, bis montags die Bankschalter wieder geöffnet haben, bevor man sich wieder Bargeld besorgen konnte. Seit 50 Jahren ist das aber passé. Der Geldautomat feiert Geburtstag, doch die Anzahl der verfügbaren Geldautomaten variiert in Europa.

Italien

In Italien gibt es je eine Million Einwohner 832 Geldautomaten. Damit landet Italien auf dem zehnten Platz in Europa.

Quelle: statista.com

Frankreich

Mit 910 Geldautomaten pro 1 Millionster Einwohner landet Frankreich europaweit auf dem neunten Platz.

Luxemburg

Nur minimal mehr Geldautomaten hat Luxembourg vorzuweisen: 911 pro eine Millionen Einwohner.

Kroatien

Kroatien kann deutlich mehr vorweisen. 1049 Geldautomaten je eine Million Einwohner.

Deutschland

Auf dem sechsten Platz befindet sich Deutschland mit 1052 Geldautomaten pro eine Million Einwohner.

Spanien

Spanien kann 1074 Geldautomaten pro eine Million Einwohner vorweisen.

Großbritannien

Die Briten können bei 1079 Geldautomaten pro eine Million Einwohner Geld abheben.

Belgien

Platz drei belegt Belgien mit 1397 Geldautomaten pro eine Million Einwohner.

Portugal

Mit 1501 Geldautomaten je eine Million Einwohner befindet sich Portugal knapp auf dem zweiten Platz europaweit.

Österreich

Die meisten Geldautomaten hat Österreich: 1600 Stück pro eine Million Einwohner.