ZDF-Doku: Deutschland erstickt im Müll

Straßenwärter auf der Raststätte Sindelfinger Wald an der Autobahn A 8. Foto: Screenshot ZDF

Die Deutschen trennen seit Jahren ihren Müll – länger, als jede andere Industrienation. Gleichzeitig landet immer mehr Abfall in unserer Umwelt. Eine ZDF-Doku offenbart dramatische Zustände. Die Reportage „Deutschland macht Müll” aus der Reihe „planet e” sollte uns alle aufrütteln.

Leider sendete das Zweite den Film an einem Sonntag um 16.30 Uhr, also zu einer Zeit, an der – wenn nicht gerade Skispringen oder Biathlon angesagt ist – nur die wenigsten Menschen vor der Glotze hocken. Ein Glück, dass es die Mediatheken gibt. Im Netz ist die Doku einige Wochen verfügbar. Allzu viele Menschen nutzen Mediatheken aber offenbar nicht. 2017 wurde nach ZDF-Angaben das meistgesehene Doku-Format, „Terra X”, pro Folge etwa 91.000 mal geklickt. Zum Vergleich: Selbst einen Rosamunde-Pilcher-Film schauen im klassischen TV knapp vier Millionen Menschen – und das sogar, wenn die ARD zeitgleich ein Fußballländerspiel überträgt.

Schade eigentlich, dass das Zweite seine Reportagen so stiefmütterlich behandelt. Denn das sonntägliche Umweltmagazin präsentierte alarmierende Zahlen:

Allein durch Verpackungen fallen hierzulande jährlich 17.8 Millionen Tonnen Abfall an. Jeder Bundesbürger produziert durchschnittlich mehr als 200 Kilogramm Verpackungsmüll pro Jahr. Damit ist Deutschland trauriger Spitzenreiter in Europa. Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe sagte im ZDF: „Ein Grund dafür ist der Trend zu immer kleineren Portionen und Verpackungen, das erzeugt immer mehr Verpackungsmüll.” Hinzu komme eine Tendenz zur Plastifizierung von Verpackungen. Tatsächlich steckt ein Hersteller lächerliche 13 Waschmittelpads in eine völlig überdimensionierten Hartplastikbox.

Kaffee to go belastet die Umwelt

Anderes Beispiel: Ingwer. Die Pflanze ist von Natur aus durch eine Schale geschützt ist, wird aber von manchen Anbietern zusätzlich in eine Kunststoff-Folie eingeschweißt. Das solle suggerieren, so Umweltwissenschaftler Fischer, dass dieses Produkt außergewöhnlich wertig und deshalb besonders schützenswert sei.

Ein weiteres Problem: „To go”-Getränke. Rund 2,8 Milliarden Kaffeebecher für unterwegs landen jedes Jahr in der Tonne. Bestenfalls. Nicht selten werfen gedankenlose Mitbürger die Pappgefäße einfach auf die Straße. Straßenwärter Kai Meinert, zuständig für die Reinigung von Autobahnraststätten, sagt: „Der Müll wird immer mehr.” Er kritisiert: Oft hinterlassen die Leute Verpackungen einfach neben den Abfallbehälter, obwohl es an vielen Rastplätzen Müllcontainer mit 5000 Litern Fassungsvermögen gibt.”

Millionen Tonnen Haushaltsmüll landen jedes Jahr in Müllverbrennungsanlagen. Foto: Screenshot ZDF

Das Märchen vom Recycling

Wer glaubt, ein Großteil des Verpackungsmaterials würde wiederverwendet, irrt. Gerade mal 15 Prozent werden in neue Produkte überführt. Einer der Gründe: Nicht selten bestehen Plastik-Verpackungen aus einer Kombination verschiedener Kunststoffe. Dadurch werden sie haltbarer, leichter und leistungsfähiger. Im Fall von Lebensmittelverpackungen beispielsweise übernimmt jede Kunststoff-Lage eine spezielle Funktion: darunter den Schutz vor Keimen, die Regulierung der Feuchtigkeit und den Ausschluss von Sauerstoff. Gut für das Lebensmittel, schlecht für das Recycling.

Denn die Kunststoffe sind nicht mehr voneinander zu trennen. Im Film moniert Helmut Schmidt, Experte für Abfallwirtschaft in München: „Ich nenne das Duale System auch das Recyclingmärchen. Man hat den Bürgern suggeriert, ihr könnte weiterhin Verpackungen kaufen, denn es wird ja dann recycelt, tatsächlich wird, was Kunststoffe angeht, sehr wenig recycelt.”

Und so landen am Ende mehr als die Hälfte aller Verpackungen zusammen mit dem Restmüll in der Verbrennung. Bei dieser energetischen Verwertung werden wenigstens Strom und Fernwärme gewonnen. Doch die Rohstoffe der Verpackungen, wie Erdöl, gehen für immer verloren, und die Idee von der Kreislaufwirtschaft löst sich in Rauch und Asche auf.

Öko-Tüten – schonen das Gewissen, nicht die Natur

Ebenso ernüchternd die Wahrheit über sogenannte Öko-Kunststofftüten zum Sammeln von Bio-Müll. Von den Herstellern als biologisch abbaubar und kompostierbar angeboten, beruhigen sie vielleicht das Gewissen der Verbraucher. Die Betreiber von Kompostieranlagen aber klagen darüber, dass diese Säcke dem sechswöchigen Kompostierprozess widerstehen und ihre Reste aufwändig entfernt und dem Restmüll zugeführt werden müssen.

Immerhin: Es gibt Anstrengungen, einen echten Stoffkreislauf zu erschaffen. Einer Stuttgarter Start-up-Unternehmerin ist es gelungen, ein System zu entwickeln, bei dem ein hochwertiger Blumendünger aus gebrauchten Bio-Kaffeekapseln entsteht. Aus Abfall wird also ein neues Produkt, das der Kaffeeröster wieder verkaufen kann. Die einfachste und umweltfreundlichste Variante bleibt aber: Müll vermeiden und Verpackungen wieder verwenden. (fb)