Zahlen Airlines und Passagiere zu viel?

In der Luftfahrtbranche schwelt ein Streit über Flughafen-Gebühren. Mit einer Studie untermauern die Airlines nun ihre Vorwürfe. Die Airports würden bei der Kostenrechnung Erlöse aus Geschäften oder Parken ausklammern.


Kann der gordische Knoten noch durchtrennt werden? Seit Monaten streiten sich der Flughafenbetreiber Fraport und sein größter Kunde, die Lufthansa, auch in der Öffentlichkeit über Gebühren. Die Lufthansa fühlt sich benachteiligt, weil Fraport die irische Billig-Airline Ryanair mit massiven Rabatten an das größte deutsche Drehkreuz gelockt hat. Nun, so ist im Umfeld beider Unternehmen zu hören, nähert man sich an. Ob aber in der kommenden Woche eine Teileinigung verkündet werden, da wagen Insider keine Prognose. „Noch gibt es einige offene Fragen“, heißt es.

Der Streit ist bislang der Höhepunkt einer Auseinandersetzung um eine Frage, die die ganze europäische Luftfahrt seit Jahren schon umtreibt: Wie sollen wettbewerbsfähige Gebühren an Flughäfen aussehen? Nun legt der Airline-Verband Airlines for Europe (A4E) nach. In Brüssel präsentierte er am Donnerstag eine neue Studie, die vor allem zwei Ergebnisse hat. Erstens: Die Gebührenberechnung ist intransparent. Zweitens: Die meisten Flughäfen lassen bei der Berechnung ihrer Kosten und der daraus abgeleiteten Gebühren die Erlöse aus Einzelhandel, Gastronomie, Parkhäusern sowie Vermietungen außen vor.

Konkret fanden die Experten von York Aviation, einem britischen Luftfahrt-Beratungsunternehmen, heraus, dass Flughäfen, die die flugfernen Erlöse nicht berücksichtigen, im Schnitt fünf Mal höhere Gewinne ausweisen als jene, die bei der Gebührenrechnungen sämtliche Erlöse als Basis nehmen. Gleichzeitig hätten sie bis zu acht Prozent höhere operative Kosten.


„Flughäfen machen hohe Gewinne, während Fluggesellschaften das nicht tun. Diese Gleichung ist nicht hinnehmbar", sagte Willie Walsh, Chef von IAG (British Airways, Iberia, Vueling und Aer Lingus) in Brüssel. In den meisten europäischen Ländern werden die Flughafengebühren staatlich reguliert. Entscheidend sind dabei die zugrunde gelegten Kosten.

Dabei gibt es zwei Modelle: Im Fachjargon ist die Rede von „Dual Till“ (flugferne Erlöse bleiben außen vor) gegenüber „Single Till“ (alle Erlöse werden berücksichtigt). Die Fluggesellschaften plädieren für den „Single Till“-Ansatz, der sinkende Gebühren und damit auch niedrigere Ticketpreise ermögliche. „Wir sind fest davon überzeugt, dass Single Till das Modell ist, von dem europäische Passagiere profitieren und das deshalb auf dem Kontinent eingeführt werden sollte“, sagte Thomas Reynaert, Managing Director von A4E, in Brüssel.

Zwar legen nach letzten verfügbaren Daten bereits 51 Prozent der europäischen Flughäfen die Gesamterlöse bei der Gebührenberechnung zugrunde. Doch bei den für die Airlines wichtigen Großflughäfen mit jährlich mehr als 20 Millionen Passagieren sind es nur 17 Prozent, die dem „Single Till“-Modell folgen. Einer davon ist London-Heathrow.


Die Flughäfen kontern die Kritik ihrer Kunden. So verweist der deutsche Flughafenverband ADV seit Jahren darauf, es könne ja wohl nicht sein, dass die Kosten für den Flugbetrieb durch Einnahmen an anderer Stelle subventioniert werden. Zudem hätten die Airports hohe Investitionen in ihre Infrastruktur stemmen müssen. Der europäische Flughafenverband ACI etwa präsentiert bei dem Thema gerne die Daten von 21 Flughäfen, darunter etwa Amsterdam-Schiphol, Frankfurt, Berlin-Tegel, Düsseldorf, München, Oslo oder Rom, nach denen diese Airports in den zurückliegenden Jahren mehr als 53 Milliarden Euro für Infrastruktur ausgegeben hätten.

IAG-Chef Walsh mag solche Argumente nicht gelten lassen. „Menschen kommen nicht zu Flughäfen, weil sie dort einkaufen wollen. Sie wollen fliegen.“ Befürchtungen, sinkende Gebühren würden die Fluggesellschaften am Ende gar nicht an die Kunden weitereichen, kontert er: „Airlines arbeiten unter einem scharfen Wettbewerb. Unter diesen Bedingungen werden niedrigere Gebühren immer auch die durchschnittlichen Reisekosten drücken.“

Dass die Airlines gerade jetzt ihren Druck verstärken, hat gute Gründe. Die EU-Kommission hat eine Expertenrunde einberufen, die sich um die Umsetzungen der sogenannten „Airport Charge Directive“, kurz ACD, kümmern soll. Verbände wie der A4E hoffen, dass sie die Inhalte der ACD beim Thema Gebühren noch entsprechend beeinflussen können. „Die aktuelle ACD ist nicht passend für den Einsatz und bedarf dringend einer Reform“, so Walsh.