Mindestens zwölf Tote und 1200 Verletzte bei Zusammenstößen im Gazastreifen

Nach den tödlichen Zusammenstößen zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften am Gazastreifen wird neue Gewalt befürchtet. Der UN-Sicherheitsrat in New York befasste sich in einer Dringlichkeitssitzung mit der Lage

Bei Massenprotesten im Gazastreifen ist es am Freitag zu schweren Zusammenstößen zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften gekommen. Nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums wurden über den Tag verteilt mindestens zwölf Palästinenser getötet. Mehr als 1200 Demonstranten wurden bei den Zusammenstößen in der Nähe des Grenzzauns verletzt, wie der palästinensische Rote Halbmond mitteilte.

Israels Sicherheitskräfte reagierten nach eigenen Angaben mit dem Einsatz scharfer Munition und Tränengas auf brennende Reifen, Steinwürfe und Brandbomben von palästinensischer Seite.

Nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums erschossen die Soldaten unter anderem einen 16-jährigen Jugendlichen. Elf der Getöteten waren demnach Demonstranten. Ein Bauer war bereits kurz vor Beginn der Proteste am Freitagmorgen in der Nähe von Chan Junis im Süden des Palästinensergebiets durch israelischen Artilleriebeschuss getötet worden.

Anlass für die Massenkundgebungen war der so genannte Tag des Bodens, der an die gewaltsame Niederschlagung von Protesten arabischer Bauern gegen die Enteignung ihres Landes im Norden Israels am 30. März 1976 erinnert. An den Protesten beteiligten sich tausende Palästinenser, unter ihnen auch Frauen und Kinder.

Die Demonstranten zogen von fünf Orten im Gazastreifen aus zur israelischen Grenze, wie Korrespondenten der Nachrichtenagentur AFP berichteten. Einige Demonstranten liefen bis auf wenige hundert Meter an den schwer bewachten Grenzzaun heran.

Das israelische Militär sprach von Ausschreitungen an fünf Orten entlang des "Sicherheitszauns" zwischen Israel und dem Gazastreifen. Die Armee schätzte die Teilnehmerzahl auf 30.000. Die israelischen Sicherheitskräfte setzten nach eigenen Angaben auch eine Drohne ein, um Tränengas über den Demonstranten zu versprühen.

Zudem griff die Armee nach eigenen Angaben drei Stellungen der radikalislamischen Hamas im Gazastreifen mit Panzerfeuer und Luftschlägen an. Zuvor hätten palästinensische Demonstranten versucht, israelische Soldaten mit einer Schusswaffe an der Grenze anzugreifen.

Israel hatte das Grenzgebiet im Vorfeld der Proteste zur militärischen Sperrzone erklärt. Aus Sorge vor einem Massenausbruch über die Grenze beorderte die Regierung zusätzliche Soldaten in das Gebiet, darunter auch hundert Scharfschützen.

An den Kundgebungen im Gazastreifen beteiligte sich auch der Hamas-Chef Ismail Hanija. Die israelische Regierung warf ihm und anderen führenden Vertretern der radikalislamischen Bewegung vor, das Leben von Zivilisten aufs Spiel zu setzen, um "Terror" zu verbreiten.

Israels Verteidigungsminister Avigdor Liebermann warnte die Palästinenser in einer auch auf Arabisch verbreiteten Mitteilung auf dem Kurzbotschaftendienst Twitter, die Hamas-Führung "spielt mit euren Leben". Wer sich dem Grenzzaun nähere, sei in Gefahr.

Die türkische Regierung warf Israel "unangemessenen Einsatz von Gewalt" vor. Israel müsse seinen Einsatz stoppen, teilte das Außenministerium in Ankara mit.

Der Marsch am Freitag war der Auftakt für Proteste, die sich bis Mitte Mai hinziehen sollen und an denen ausnahmsweise ganze Familien teilnehmen wollten. Die Palästinenser errichteten an fünf Orten entlang der Grenze Zeltlager, um für ein Rückkehrrecht für hunderttausende palästinensische Flüchtlinge und ihre Nachkommen nach Israel zu demonstrieren.

Die Zelte sollen bis zum 70. Jahrestag der "Nakba" am 15. Mai stehen bleiben. Mit "Nakba" (Katastrophe) bezeichnen die Palästinenser die Flucht und Vertreibung von mehr als 700.000 Palästinensern im Zuge der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948.