Zahl der Nebenjobber seit 2003 auf 3,2 Millionen mehr als verdoppelt

Supermarktkassiererin

Der boomende Arbeitsmarkt und die steuerliche Begünstigung von Zweitjobs haben laut einer Studie die Zahl der Nebenjobber deutlich ansteigen lassen. Dem Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW) zufolge übten die meisten Zweitjobber die Nebentätigkeit "keineswegs nur deshalb aus, weil sie mit ihrem Haupterwerb nicht über die Runden kommen". Linken-Fraktionsvize Klaus Ernst kritisierte hingegen, ein zusätzlicher Job sei vor allem eine "zusätzliche Belastung".

Seit 2003 hat sich die Zahl der Nebenjobber in Deutschland auf heute rund 3,2 Millionen mehr als verdoppelt. "Amerikanische Verhältnisse herrschen dennoch nicht", erklärte das arbeitgebernahe Institut am Montag. Demnach verdienten Vollzeitbeschäftigte mit Nebenjob mit ihrer Haupttätigkeit im Jahr 2015 durchschnittlich 3329 Euro brutto im Monat - und damit sogar vier Euro mehr als jene ohne Nebenjob.

Zudem hätten Vollzeitbeschäftigten, die einem Zweitjob nachgehen, in ihrem Hauptjob mit 18,12 Euro im Schnitt einen um 1,5 Prozent höheren Stundenlohn erzielt als Vollzeitbeschäftigte ohne Nebenjob, heißt es in der Studie, über die zunächst die "Rheinische Post" berichtet hatte. Erwerbstätige mit Nebenjob hätten im Durchschnitt zudem einen höheren Bildungsgrad.

"Dass Nebenjobs auch für Fachkräfte mit ordentlichem Einkommen attraktiv sind, liegt insbesondere an den Hartz-Reformen von 2003", erklärten die IW-Autoren. Demnach dürfen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte - insgesamt vier Fünftel der Zweitjobber - nebenbei bis zu 450 Euro hinzuverdienen, ohne zusätzliche Sozialversicherungsbeiträge zu zahlen. "Darüber hinaus bleibt der Nebenverdienst steuerfrei, wenn der Arbeitgeber einen Pauschalbeitrag entrichtet", erklärte das Institut.

Ein weiterer Grund für die stark gestiegene Zahl der Zweitjobs sei die gute Lage auf dem Arbeitsmarkt. "Mehr verfügbare Stellen bringen auch mehr Möglichkeiten für Nebenjobber", erklärte das IW. Zudem verbessere sich "angesichts des großen Bedarfs an Fachkräften die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer". Am besten gelänge das offenbar im Dienstleistungssektor, wo sich die meisten geringfügigen Nebenjobs fänden.

In Westdeutschland haben der Studie zufolge 9,2 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten einen Nebenjob, in Ostdeutschland sind es 4,1 Prozent. "Ob jemand mehrere Jobs hat, hängt meist stärker von für ihn passenden Stellenangeboten ab als davon, wie dringend er auf einen Nebenverdienst angewiesen ist", erklärte das IW.

Auch wenn die Zunahme von Nebenjobs zunächst einmal kein Problem darstelle, sei ihre steuerliche Begünstigung "wirtschaftspolitisch fragwürdig", resümierte das Institut. Die Politik solle deshalb die Regeln zur geringfügigen Beschäftigung, die 2003 unter schwierigen Arbeitsmarktbedingungen beschlossen worden seien, noch einmal überarbeiten, forderte das IW.

Linken-Fraktionsvize Ernst erklärte hingegen, der Grund, warum viele Beschäftigte einen Nebenjob annähmen, sei "der geringe Lohn, den sie im Hauptjob verdienen". Dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) zufolge hätten "die 40 Prozent am unteren Ende der Einkommensskala seit 1999 Reallohneinbußen hinnehmen" müssen, kritisierte Ernst. "Für die Betroffenen ist eine normale 40-Stunden-Woche meilenweit entfernt - mit entsprechenden Gefahren für ihre Gesundheit", erklärte der Linken-Politiker. Der zusätzliche Job sei deshalb eine "zusätzliche Belastung".