Ex-Finanzminister Varoufakis plant Gründung einer neue Partei


Die meisten Griechen haben das Frühjahr 2015 nicht in guter Erinnerung. Nach dem Wahlsieg des radikalen Linksbündnisses Syriza Ende Januar versank das Land immer tiefer ins Chaos. Geschlossene Banken, lange Schlangen vor den wenigen noch funktionierenden Geldautomaten, Hamsterkäufe, leere Regale in den Supermärkten: Im Juni stand Griechenland kurz vor dem Kollaps.

Aber wie unterschiedlich die Wahrnehmungen sein können: Yanis Varoufakis, damals griechischer Finanzminister und einer der engsten Berater des Ministerpräsidenten Alexis Tsipras, hat die Krise als „griechischen Frühling“ erlebt. Und für dessen Rückkehr kämpft er nun.

Über Twitter wirbt Varoufakis jetzt bei seinen Landsleuten um Spenden. Das Geld soll in die Gründung einer neuen Partei fließen, die er am 26. März aus der Taufe heben will. Die Partei stehe im Kontext der von ihm 2016 gegründeten Bewegung Demokratie in Europa 2025 (DiEM25), sagte Varoufakis dem Handelsblatt. Antreten werde die Partei sowohl bei der Europawahl 2019, als auch bei der spätestens im September nächsten Jahres fälligen griechischen Parlamentswahl.


Damit bereitet einer der umstrittensten Akteure der griechischen Krise seine Rückkehr auf die politische Bühne vor. Damals holte der Syriza-Chef Alexis Tsipras den Ökonomie-Professor Varoufakis – Spezialgebiet: Spieltheorie – als Oppositionsführer in sein Beraterteam und berief ihn nach dem Wahlsieg im Januar 2015 zum Finanzminister.

Aber Varoufakis hatte es von Anfang an schwer im Kreis seiner europäischen Kollegen, nicht zuletzt wegen seines exzentrischen Auftretens. Anfang Februar 2015 kam Varoufakis nach London. Vor der Tür von Downing Street 11 erwartete ihn der britische Schatzkanzler George Osborne in einem dunkelgrauen Maßanzug. Varoufakis trug Schnürstiefel, ein knallblaues Hemd, das über die Hose hing, und eine knielange Lederjacke. Eine britische Zeitung fühlte sich bei diesem Aufzug an einen „Drogendealer aus Manchester“ erinnert. Teilnehmer der Euro-Gruppe beschrieben den Griechen als „Spieler“, „Amateur“ und „Zeitverschwender“. Der Athener Minister habe die Geduld seiner Kollegen mit endlosen, belehrenden Vorträgen strapaziert, sei „gereizt“ und „streitsüchtig“ aufgetreten.

Am Dialog nicht interessiert

Thomas Wieser, der frühere Chef der Euro-Arbeitsgruppe EWG, wurde jüngst in einem Interview der „Neuen Zürcher Zeitung“ gefragt, welche Erinnerungen er mit Varoufakis verbinde. „Dass er stark monologisiert hat und an einem Dialog nicht interessiert war“, antwortete Wieser. Varoufakis habe von Anfang an „darauf hingearbeitet, zu keiner Einigung mit den europäischen Partnern zu kommen“ sondern „viel Geld ohne Auflagen zu erhalten“. Das, so Wieser, sei eine taktische Fehleinschätzung gewesen, die Griechenland „viel Geld, Wachstum und Beschäftigung gekostet hat“.

Varoufakis, den ein Analyst einmal als einen „John Maynard Keynes mit einem Hauch von Karl Marx“ beschrieb, galt in Kreisen der griechischen Linken als Starökonom. Mitunter irritierte er aber auch die eigenen Fans. Zum Beispiel mit jener denkwürdigen Homestory, die im März 2015 in „Paris Match“ erschien und ihm international Spott und Häme eintrug. Das Lifestyle-Magazin präsentierte in aufwendig inszenierten Posen Varoufakis und seine Frau Danae in ihrem Penthouse an der Akropolis. Ein Foto zeigte Varoufakis im körperbetonten schwarzen T-Shirt beim Klavierspiel, ein anderes bei der Lektüre eines Buches – etwas peinlich: Es war sein eigenes. Mal posierte das Paar eng umschlungen auf der Dachterrasse, mal prostete es sich an einem opulent gedeckten Mittagstisch mit Weißwein zu. „So sieht die humanitäre Krise in Griechenland aus“, spotteten Twitter-Nutzer. Varoufakis hatte bei seinem Amtsantritt die Griechen zu einem „einfachen Leben“ angehalten.


Während viele Varoufakis-Kritiker diese Veröffentlichung als eitle Entgleisung belächelten, sorgte eine andere Affäre für erheblichen politischen Wirbel. In einem Interview mit der „New York Times“ enthüllte Varoufakis im Mai 2015, dass er mit seinem Handy heimlich Tonaufnahmen von den Sitzungen der Euro-Gruppe mache. Das war der Anfang vom Ende seiner Ministerkarriere. Auf massiven Druck der Gläubiger zog Premier Tsipras seinen Finanzminister aus der ersten Reihe zurück und übertrug die Verhandlungsführung mit den Geldgebern dem verbindlicher auftretenden Vizeaußenminister Euklid Tsakalotos. Später übernahm Tsakalotos die Nachfolge von Varoufakis im Finanzressort.

„Schon fünf Minuten, nachdem Tsakalotos den Raum betreten hatte, fühlte jeder den Unterschied“, erinnerte sich der damalige EWG-Chef Wieser. Er habe darin bestanden, „dass man mit Euklid eine Lösung finden konnte – er suchte nicht nach einer Bühne, um sich zu produzieren“. Mit dem Ausscheiden von Varoufakis sei „fast alles viel leichter geworden“, sagte auch der scheidende Euro-Gruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem. Was Varoufakis mit der verächtlichen Bemerkung quittierte, Dijsselbloem sei ja in der Euro-Gruppe nur so etwas wie der Lakai des deutschen Finanzministers Wolfgang Schäuble gewesen.

Varoufakis hat noch immer viele Fans

Kein gutes Haar lässt Varoufakis auch an seinem Nachfolger Tsakalotos: Der sei ein „Yes-Man“, ein Jasager. Von Vizefinanzminister Giorgos Chouliarakis hält er ebenfalls nichts: „Ein Befehlsempfänger der Troika.“ Dass Griechenland „gerettet“ sei,  hält er für „ein Märchen“. In Wirklichkeit werde alles immer schlimmer.


Nach einer mehr als zweijährigen Auszeit kehrte Varoufakis im vergangenen Jahr als Professor an die Athener Uni zurück. Seine Veranstaltungen sind gut besucht, ja überlaufen. Für viele hat der 56-Jährige nichts von seiner Faszination eingebüßt. Jetzt zieht es ihn wieder in die Politik.

In Europa breite sich „der Winter des Nationalismus, des Brexits, der Fremdenangst und der politischen Lähmung“ aus, heißt es in dem Gründungsaufruf. „Aber der Geist des griechischen Frühlings lebt“, so Varoufakis. Seine neue Partei gehöre „allen radikalen Europäern, Patrioten und Demokraten“. Den Namen der Partei will er diese Woche bekanntgeben.

Manche bringen den Ex-Finanzminister bereits für ein europäisches Spitzenamt ins Gespräch: Die Europäische Linke (EL) wolle Varoufakis für die Wahl des Präsidenten der EU-Kommission nominieren, berichtete jetzt Griechenlands größte Zeitung „Ta Nea“. Varoufakis dementiert gegenüber dem Handelsblatt solche Pläne kategorisch: „Niemals“ werde er sich der Europäischen Linken anschließen oder für sie kandidieren, denn die habe „keine kohärente europäische Agenda“. Varoufakis: Man müsse sich doch nur ansehen, „wer alles zu dieser Gruppierung gehört: Jean-Luc Melenchon, Oskar Lafontaine, Alexis Tsipras ...“