Yamaha erklärt die Ventilaffäre: "Äußerst unglückliche Situation"

Mario Fritzsche
·Lesedauer: 4 Min.

Neben dem WM-Kampf, dem Comeback von Valentino Rossi nach 24 Tagen Isolation aufgrund seiner Infektion mit dem Coronavirus und dem erneuten Coronafall im Yamaha-Team beschäftigt am laufenden MotoGP-Wochenende des Grand Prix von Europa in Valencia allen voran die Yamaha-Ventilaffäre die Schlagzeilen.

Vom Grand Prix von Spanien in Jerez wurden Yamaha am Donnerstag in der Herstellerwertung und in der Teamwertung (Werksteam und Petronas-Team) rückwirkend Punkte abgezogen. In der Fahrerwertung hingegen gab es für Maverick Vinales, Fabio Quartararo und Franco Morbidelli keinen Punktabzug, was allen voran die bei Honda unter Vertrag stehenden Brüder Alex und Marc Marquez auf die Palme brachte.

Am Freitag nun erklärt sich Yamaha ausführlich. "Dass die Fahrer nicht bestraft wurden, finde ich fair", sagt Yamaha-Rennleiter Lin Jarvis im Gespräch mit Simon Crafar, dem Boxenreporter für 'MotoGP.com'.

Warum es Jarvis fair findet, dass zwar Hersteller und Teams bestraft wurden, die Fahrer aber nicht? "Es gab keinerlei Performance-Vorteil. Sie sind definitiv die unschuldige Partei in dieser ganzen Affäre", argumentiert der Rennleiter und erklärt, wie sich die ganze Affäre seit Juli zugetragen hat.

Jarvis: Problem begann mit der Planung für 2020

"Das fundamentale Problem begann während der Planung für die Saison 2020", so Jarvis und weiter: "Unser normaler Zulieferer für Ventile, auf den wir im vergangenen Jahr zurückgegriffen haben, teilte uns mit, dass man nicht in der Lage sei, die Produktion bestimmter Ventiltypen fortzusetzen."

"Aus diesem Grund bezog Yamaha Japan von einem anderen Zulieferer Ventile mit identischem Design, mit identischen Spezifikationen. Bei Yamaha vertrat man die Sichtweise, dass diese Ventile als gleichwertige dem Reglement entsprachen", so Jarvis.

Für die Jerez-Resultate von Vinales, Quartararo, Morbidelli gab es Abzug

Für die Jerez-Resultate von Vinales, Quartararo, Morbidelli gab es Abzug<span class="copyright">Motorsport Images</span>
Für die Jerez-Resultate von Vinales, Quartararo, Morbidelli gab es AbzugMotorsport Images

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Der Rennleiter räumt ein: "In Wahrheit findet man natürlich immer einen minimalen Unterschied, wenn es sich um zwei Zulieferer handelt." Diese Unterschiede hätten aber "nichts mit Performance" zu tun gehabt. Und so traten die beiden Yamaha-Teams beim Saisonauftakt am dritten Juli-Wochenende in Jerez mit Motoren an, in denen ausnahmslos die Ventile des einen Zulieferers verbaut waren.

Die zur Homologation für das Jahr hinterlegte Motorenspezifikation aber hatte die Ventile des anderen Zulieferers verbaut. "Es war nie die Absicht von Yamaha, einen Performance-Vorteil zu erlangen. Wir wollten einfach das Kontingent des einen Zulieferers aufbrauchen und in der zweiten Jahreshälfte das des anderen Zulieferers einsetzen", erklärt der Rennleiter.

Schäden führten dazu, dass die MSMA hellhörig wurde

"Dann aber gab es Schäden mit den Ventilen", erinnert sich Jarvis weiter an des Auftaktwochenende in Jerez und spricht davon, dass es "mit dem Zulieferer der Ventile, die wir in den ersten acht Motoren (je zwei pro Fahrer; Anm. d. Red.) verbaut hatten, ein technisches Problem gab". Daraufhin stellte Yamaha bei der Herstellervereinigung MSMA den Antrag zum Austausch der Ventile, sprich zur Umrüstung auf jene des anderen Zulieferers.

"In diesem Moment ging das erste rote Licht an", erinnert sich Jarvis mit Blick auf die MSMA. Warum? "Ihr habt Ventile von unterschiedlichen Zulieferern? Wie ist das möglich? Und so weiter", wiederholt der Yamaha-Rennleiter das, was ihm im August am Wochenende des Grand Prix der Steiermark in Spielberg entgegnet wurde.

Rossis Jerez-Resultat unbetroffen, weil er im Gegensatz zu den Kollegen ausfiel

Rossis Jerez-Resultat unbetroffen, weil er im Gegensatz zu den Kollegen ausfiel<span class="copyright">Motorsport Images</span>
Rossis Jerez-Resultat unbetroffen, weil er im Gegensatz zu den Kollegen ausfielMotorsport Images

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"Was für das Verständnis wichtig ist, ist das", so Jarvis, "dass wir in der ersten Charge Motoren die Ventile nie getauscht haben. Stattdessen haben wir diese Motoren nicht mehr eingesetzt." Im Freien Training zum Steiermark-Grand-Prix aber kamen diese Motoren doch zum Einsatz. Warum? "Weil wir zu diesem Zeitpunkt davon ausgingen, dass die Ventile als identisch angesehen werden."

Dem war nicht so, weshalb Yamaha seitdem versucht hat, "die Probleme aus der Welt zu schaffen", wie es Jarvis ausdrückt. Er führt an: "Yamaha hat sich sogar von sich aus stark gemacht für eine unabhängige Analyse, die belegt, dass die Ventile identisch waren."

Die diesbezügliche Rückmeldung kam in der vergangenen Woche. Ergebnis? "Während es für alle klar ist, dass die Performance der Ventile identisch ist und das Design der Ventile identisch ist, können wir trotzdem nicht sagen, dass die Ventile zu 100 Prozent identisch sind, denn sie kommen von unterschiedlichen Zulieferern. Somit gibt es Nuancen bezüglich des Materials", weiß Jarvis heute.

"Das bedeutet leider, dass wir die betroffenen Motoren nicht verwenden können. Und es bedeutet auch, dass die Rennen, in denen wir diese Motoren verwendet haben, als Verstoß gegen die technischen Regeln eingestuft werden", bezieht sich der Yamaha-Rennleiter auf das Urteil vom Donnerstag und erkennt: "Wir hätten verstehen müssen, dass die Ventile unterschiedlich sind und hätten daher die MSMA um Erlaubnis bitten müssen."

"Alles in allem ist es eine äußerst unglückliche Situation. Es war einfach ein Missverständnis innerhalb von Yamaha Japan und dafür haben wir die Konsequenzen bekommen", so Jarvis abschließend.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.