Undertaker-Doku: WWE-Boss emotional wie nie

Martin Hoffmann

Es war vorbei.

Anders waren diese Szenen nicht zu deuten für die rund 75.000 Fans in Orlando. Für die Kolleginnen und Kollegen bei der Wrestling-Liga WWE. Für die Journalisten in der Pressebox des Citrus Bowl, SPORT1 inklusive.

Der Undertaker hatte nach seinem Match gegen Roman Reigns bei WrestleMania 33 seine Handschuhe, seinen Mantel und seinen Hut im Ring zurückgelassen. Hatte seine in der ersten Reihe sitzende Ehefrau Michelle McCool geküsst. Und war - sichtlich bewegt - unter lauten Sprechchören "Thank you, Taker" aus der Arena gezogen.


Die WWE-Karriere des "Dead Man" war nach über 26 Jahren beendet. Der damals 52-Jährige hatte es nicht offiziell verkündet, aber der symbolische Auszug schien alles zu sagen. Und wie in der ersten Folge der neuen WWE-Doku "Undertaker: The Last Ride" deutlich wurde, war es auch genau so geplant.

Warum kam dann doch alles anders? In Episode 2 der Doku wird die Frage beantwortet - indem der Weg des "Phenom" zum Comeback-Kampf gegen Superstar John Cena bei WrestleMania 34 erstmals vollständig nachgezeichnet wird. Zudem wird deutlicher denn je, wie tief die Freundschaft des Takers zu seinem Boss Vince McMahon ist.

Undertaker wollte nach Match gegen Roman Reigns aufhören

Die zweite Folge der auf dem WWE Network ausgestrahlten Serie (Titel: "The Redemption" - Die Wiedergutmachung, Erlösung) blickt zunächst auf die Szenen nach dem in Episode 1 thematisierten Reigns-Match zurück - und eine anschließende Operation einen Monat später in einer Spezialklinik in New York City.


Der Taker bekam dort eine künstliche Hüfte eingesetzt - seine zweite, wie mittlerweile bekannt ist. Der Eingriff (vor dem er mit seinem eigenen Entrance Theme in den Betäubungsschlaf gelullt wurde) sollte die heftigen Gehprobleme beheben, die ihn im Match gegen Reigns sichtbar plagten. Und ihm nach jahrelangen Schmerzen den Start ins zweite Leben mit seiner Familie erleichtern.

Zu diesem Zeitpunkt war das auch immer noch der Plan. Er entwickelte sich im Lauf der kommenden Monate dann jedoch in eine andere Richtung.


Vince McMahon reizte Taker bei Vertragsgespräch

Am 19. August 2017 - dem Tag vor der zweitwichtigsten WWE-Großveranstaltung SummerSlam - hatte der Taker einen Termin bei WWE-Boss Vince McMahon in dessen Firmenzentrale in Stamford.

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Der Vertrag des Takers war ausgelaufen, ein neuer Deal sollte verhandelt, eine neue Rolle definiert werden. McMahon empfing den Taker, Gattin Michelle und das Kamerateam nach einem Fitness-Workout im orangen Freizeitshirt - und säte beim "Dead Man" den Gedanken, vom unausgesprochenen Rücktritt zurückzutreten. Mit einem Kommentar, den dieser im Nachhinein als raffinierten Verhandlungsschachzug auffasste.


"Normalerweise gibt er immer Vollgas, sagt mir: Ich kann für immer weitermachen", berichtet der Taker. Das sei an dem Tag anders gewesen, McMahon hätte nicht widersprochen, als der Taker ihm übermittelte, "dass mein Tank leer war". Um ihn anzustacheln, doch das Gegenteil zu beweisen?

Innige Freundschaft zwischen Taker und Vince

Dass McMahon weiß, wie er den Undertaker anpackt, wird in der Doku jedenfalls offensichtlich: Die tiefe, über Jahrzehnte gewachsene Männerfreundschaft zu seinem "loyalsten Angestellten" (O-Ton McMahon) nimmt in der Episode breiten Raum ein.

Weggefährten beschrieben die beiden als "Kriegskumpanen", McCool als Duo, in dem beide "für den anderen eine Kugel einfangen würden". Herausgestrichen wird vor allem, dass McMahon seinem langjährigen Star nie vergessen hat, dass er nie zur Konkurrenzliga WCW wechselt war. Der Taker - der seinem ersten Sohn Gunner den zweiten Vornamen "Vincent" gab umschreibt McMahon als den zweit-einflussreichsten Mann seines Lebens nach seinem Vater.

Ein von Tränen übermannter McMahon stoppt an einer Stelle gar einen Interview-Dreh, als er gebeten wird, sein persönliches Verhältnis zum Taker zu skizzieren - so emotional hat man ihn wohl noch nie gesehen.


WWE schlug John Cena als Gegner vor

Hinter den Kulissen des Royal Rumble 2018, zu dem der Undertaker seine an der Frauen-Konkurrenz teilnehmende Ehefrau begleitete, unterbreitete McMahon dem Taker dann das Angebot eines WrestleMania-Matches gegen Cena (das schon 2016 in Planung war, aber wegen einer Verletzung Cenas platzte - der Taker trat stattdessen gegen Shane McMahon an).

Zu diesem Zeitpunkt war der Taker schon stärker in Versuchung: Er formulierte auch schon den Gedanken, möglicherweise nochmal in fitterem Zustand als gegen Reigns ein weiteres Match gegen einen hochklassigen Gegner wie AJ Styles bestreiten zu wollen - den der Taker mit seinem großen Rivalen Shawn Michaels verglich.


Den endgültigen Entschluss fasste der Undertaker kurz darauf, als er sich sein Match gegen Reigns nochmal anschaute und so unzufrieden mit seiner im Wortsinne hüftsteifen Darbietung war ("Ich hatte nichts im Ring verloren"), dass er sie nicht als Schlusspunkt akzeptieren wollte.

Training in verlassener Jetski-Werkstatt

Der Taker startete ein Trainingslager, ließ einen Ring in einer verlassenen Jetski-Werkstatt in seinem Wohnort Austin in Texas errichten und kam zum Ergebnis, dass er sich wieder wohl genug für ein Comeback fühlte.


Mit einem intensiven Fitnessprogramm machte er sich bereit für das Match mit Cena. Als Sparringspartner schickte WWE den kürzlich entlassenen Primo Colon (einen der Gegner von Tim Wiese bei dessen WWE-Gastspiel 2016), als Motivationshilfe ließ der Taker die Wände mit alten WWE-Plakaten und einem Bibelvers verkleiden (Psalm 144,1: "Gepriesen sei der Herr, mein Fels, der meine Hände unterweist zum Kampf, meine Finger zum Krieg").

Zum WrestleMania-Match im Superdome von New Orleans - das vorher nur angedeutet, nicht offiziell angekündigt wurde - wurde der Taker dann bei Nacht und Nebel eingeflogen, in Autos mit getönten Scheiben und einem Golfwagen mit schwarzen Vorhängen unerkannt zum Ort der Bestimmung gebracht.

Gemischte Gefühle nach WrestleMania 34

Der Undertaker - deutlich fitter und beweglicher als im Match gegen Reigns - besiegte Cena dann in überraschend dominante Manier, ohne dass Cena eine eigene Aktion anbrachte.


Sein eigener Wunsch war dieses kurze Match nicht, wie der Taker verdeutlichte: "Ich habe für 45 Minuten trainiert und fünf bekommen. Es ist, wie es ist." Die Gefühle nach dem aus seiner Sicht "bittersüßen" Match waren daher auch gemischt.

Hinter den Kulissen bat er dann noch bei Reigns um Entschuldigung für seine schwache Leistung im Vorjahr (wobei der klar machte, dass er das nicht nötig fand) und warnte Ehefrau Michelle gleich vor, dass er schon ein weiteres Match im Sinn hatte (Reaktion: "Oh bitte").

Die bis heute nicht beendete Comeback-Tour des "Dead Man" - über einen weiteren Kampf gegen den diesjährigen WrestleMania-Kontrahenten Styles wird spekuliert - wird in den übrigen drei Folgen des "Last Ride" weiter begleitet.