Über die Psychologie der Vermögenden

1 / 2

Über die Psychologie der Vermögenden

 Über keine gesellschaftliche Gruppe wissen die Deutschen so wenig wie über ihre Geld-Elite. Der Düsseldorfer Soziologe Thomas Druyen erforscht sie – und findet: Die Reichen sind besser als ihr Ruf.


WirtschaftsWoche: Herr Druyen, der Internationale Währungsfonds warnt, dass in den Industrieländern immer mehr Superreiche die Gesellschaft materiell spalten. Wer sind Deutschlands Superreiche?
Herr Thomas Druyen: Man muss zunächst mal festhalten, dass im gesamten Forschungsbereich in Deutschland Superreiche völlig unterrepräsentiert sind. Alle anderen Milieus werden analysiert. Es gibt kaum statistische Daten in Deutschland, die in den Bereich der Multimillionäre und Milliardäre gehen. Insofern haben wir eine Situation, die es in keiner anderen Wissenschaft gibt: Der Gegenstand, über den Reichtumsforschung betrieben und Aussagen gemacht werden, steht nicht zur Verfügung.




Auf was fußen dann die ganzen Aussagen über Vermögenskonzentration?
Das ist paradox: Die Schwelle, die Forscher überschreiten können, verrutscht zwar auf der Vermögensskala immer weiter nach oben. Aber es ist ein unfassbarer Aufwand. Und es bleibt dabei: Sobald die Reichen von statistischen Zusammenfassungen hören, sind sie reserviert. Sie haben Angst, dass aus statistischer Aufarbeitung in der Öffentlichkeit sofort moralische Empörung wird.

Über wen müssten wir reden, wenn wir „Vermögende“ adressieren?
Wenn ich von Reichen rede, rede ich anders als die klassische Reichtumsforschung von Menschen mit Vermögen jenseits der 30 Millionen. Unser Forschungsgegenstand sind zur Zeit vielleicht 150.000 Leute weltweit.




Die berühmten 0,1 Prozent?
Alle Zahlenmodelle sind subjektiv, weil alle, die sich in diesem Feld umtreiben, unter Vermögen etwas anderes verstehen. Die einen nehmen Kunst und Immobilien dazu, andere nicht, zum Beispiel. Es ist also eine extrem schwierige Gemengelage. Wir glauben: Es sind etwa 150.000 Familien weltweit. Jetzt wäre es ja fantastisch, wenn man mit den Familien sprechen und auch die sie umgebenden Netzwerke analysieren könnte. Das ist aber ein unfassbar kompliziertes Unterfangen.

Und scheint gerade in Deutschland besonders schwierig. In kaum einem Industrieland weiß man weniger über die Vermögens- und Einkommenselite.
Verschwiegenheit und Diskretion sind in Deutschland in dieser Klientel stark verinnerlichte Tugenden, wenn es um private Vermögensverhältnisse geht.

Weil in Deutschland der ganz überwiegende Teil der Vermögenselite Familienunternehmer sind, die per se Verschwiegenheit gelernt haben?
Das ist der psychologische  Hintergrund. Es gibt auch einen historischen: Nach Bismarck wurde die Sozialproblematik in Deutschland auf den Staat verlagert. Deswegen ist es eine routinierte Überzeugung, dass man mit Zahlung seiner Steuern und einer freiwilligen Philanthropie der Plicht und der Kür genüge getan hat. Das ist auch der Knackpunkt, wenn es um Reichendiskussionen geht: Die unterschiedlichen Bewertungen gehen von ganz anderen Beurteilungen aus.




Der Superreiche als Sündenbock?
Ideologisch wird diese Karte immer wieder gespielt. Sie sehen es vor Wahlen, sie lesen es in politischen Programmen und hören es, je nach Interessenstruktur. Grundsätzlich wird der Unternehmer in Deutschland nicht allzu euphorisch gefeiert und hält sich demnach zurück.

Naja. Über die Ottos oder die Reimanns oder die Henkels weiß man schon einiges. Auch, weil die eine sehr professionelle Öffentlichkeitsarbeit betreiben.
Man könnte zuweilen auch von professioneller Öffentlichkeitsverhinderung reden. Die meisten Milliardärsfamilien reißen sich nicht, um einen Platz auf den Rankinglisten.



Die Reichen verantwortlich machen


Warum ist das so?
Nehmen wir ein Beispiel: Die Familie Reimann kannte vor zehn Jahren kaum jemand. Wenn man sich heute diesen Konzern ansieht, weiß man dagegen, was Macht bedeutet. Die Nichtdurchschaubarkeit einer solchen Komplexität ist aber dennoch nicht gleichzeitig ein Grund, das per se für gefährlich zu halten. Die Strukturen immensen Vermögens haben eine solche Komplexität angenommen, dass die Beurteilung von außen fast unmöglich ist. Das macht es leicht, die Reichen für Dinge, die nicht gut laufen, verantwortlich zu machen. Und das wird politisch gespielt.




Gerade das würde dafür sprechen, dass Vermögende sich freiwillig transparent machen.
Das wird als Wettbewerbsnachteil gesehen. Die Bereitschaft zur Transparenz aus Sicht der Superreichen ist ein völlig anderes Thema als die dementsprechende gesellschaftliche Blickrichtung. Ich denke da an einen Unternehmer, 800 Millionen schwer, der zahlt Steuern, hat 150.000 Mitarbeiter, ist in Aktien weltweit unterwegs und spendet Millionen. Der findet sich vollkommen transparent und ist mit sich im Reinen. Und so ist die Wahrnehmung vieler Vermögender, die sich an die Regeln halten.

Zu Recht nach Ihrer Beobachtung?
Diese Haltung scheint mir legitim. Wir müssen uns als Gesellschaft die Frage stellen: Wollen wir solche Superreiche oder nicht? Oder anders gefragt: wer kompensiert die riesigen Steueraufkommen, die zahllosen Arbeitsplätze und die Förderung in Wissenschaft, Kultur und Gemeinwohl?




Die Wahrnehmung ist eine andere. Die bisherige Arbeitsministerin Andrea Nahles warnte im Sommer vor Oligarchie-Strukturen.
Diese Einstellung gehört zu ihrem Job. Ich glaube, dass die Beurteilung des Reichen durch alle Milieus sich in erster Linie nach Fairnessgedanken richtet. In dem Moment, in dem so eine Familie für Beschäftigung, Teilhabe und eine verlässliche Transparenz steht, gibt es auch Akzeptanz.

Gibt es in Deutschland überhaupt eine Oberschicht, bei der sich finanzielle und politische Macht paart?
Die Entwicklung ist hier längst nicht so weit wie in den USA. Bei uns gibt es eine Klientel der Hochvermögenden, die einflussreich ist, aber politisch kaum Macht besitzt. Insofern wird da in Deutschland in vielen Fällen auch ein Scheinproblem heraufbeschworen. Im Gegensatz zur Macht von Großkonzernen.

Ändert sich durch den Generationenwechsel etwas im Verhältnis Vermögende zu Gesellschaft?
Wir haben eine Klientel an jungen Erfolgreichen, die nicht in vermögende Familien hineingeboren wurden, sondern eine technische Kompetenz haben und in kurzer Zeit mit einer anderen Mentalität relativ viel Geld verdient haben. Viele von ihnen gehen mit der Transparenzbereitschaft nach kurzer Zeit ähnlich um, wie die Alten.




Also stehen Sie mit jeder neuen Generation an Reichen wieder am Anfang?
Irgendwann wird über die Blockchain alles transparent. Die jetzige Form der Intransparenz ist der wehmütige Abschied von der Privatsphäre der Zahlen, die in 20 Jahren überhaupt kein Thema mehr sein wird.

Und dann?
Dann können wir endlich eine ehrliche Debatte darüber führen, welche Wertigkeit Vermögen für die Gesellschaft besitzt – und zwar jenseits von Klischees, die auf mühsam durch Geraune zusammengetragenes Halbwissen beruhen.

Was müsste man tun?
Man würde bei vielen Vermögenden eine Bereitschaft dazu wecken, sich an der Finanzierung des Gemeinwohls zu beteiligen, wenn man sie nicht über einen Kamm scheren würde. Wer 50 Millionen Euro besitzt fühlt sich mit einem Milliardär eben nicht gemein. Standardisierungen sind lächerlich. Man muss die Steuerlast komplett individualisieren, auch nach unten. Dann ist die Diskussion beendet. Die Digitalisierung macht das möglich.

KONTEXT

Zur Person

Thomas Druyen

Thomas Druyen, 60, ist Soziologe der Sigmund Freud Universität Wien und Vermögensforscher.