„Wir wollen die Party der traditionellen Banken beenden“


Krawall statt Kuschelkurs – das ist die Devise des britischen Finanz-Start-ups Revolut, das an diesem Mittwoch offiziell in Deutschland startet. Claudio Wilhelmer, der bei Revolut neben Deutschland auch den österreichischen und Schweizer Markt verantwortet, teilt kräftig aus: „Wir sind hier, um die Party der traditionellen deutschen Banken zu beenden“, verkündet er.

„Party“ bezieht sich insbesondere auf Bankgebühren für die Kontoführung, den internationalen Geldtransfer und den Auslandseinsatz von Karten. All diese Kosten sollen bei Revolut entfallen. „Wir machen Banking für und nicht auf Kosten der Menschen“, wirbt Wilhelmer.

Solch aggressive Töne sind in der Branche der jungen Finanztechnologie-Firmen inzwischen selten geworden. Anfangs hatten sich noch viele Fintechs als Bankengegner positioniert, wollten schneller und besser sein und den Banken im Nu ihre Kunden abspenstig machen. Allein, es kam anders: Einem unbekannten Start-up trauen viele Verbraucher erst mal nicht über den Weg, schon gar nicht, wenn es um das sensible Thema Finanzen geht. Deshalb sind viele Fintechs inzwischen leiser geworden und treten entweder als Partner der Banken auf oder agieren als Dienstleister komplett im Hintergrund.


Revolut will die Kunden vor allem mit Ersparnissen gegenüber den Leistungen traditioneller Banken locken. Das Fintech wurde 2015 von den ehemaligen Bankern Nikolay Storonsky und Vlad Yatsenko gegründet. Im Kern besteht ihre Technologie aus einer App, mit der die Kunden über Länder- und Währungsgrenzen hinaus Geld transferieren können.

Die Wechselkurse sollen dabei den Interbanken-Kursen entsprechen, zusätzliche Gebühren fallen nicht an. Technisch funktioniert das so: Die Kunden führen in der App ein Konto in ihrer bevorzugten Währung und übertragen bei Bedarf Geld auf ein Subkonto in einer anderen Währung. Von dort aus können sie dann kostenlos Geld auf ein Konto überweisen, das in der gleichen Währung geführt wird. Aktuell ist der Service für 26 Währungen verfügbar.


Zusätzlich dazu können Kunden eine guthabenbasierte Mastercard bekommen, die zur Markteinführung in Deutschland kostenfrei herausgegeben wird. Damit können sie weltweit kostenlos bezahlen und Geld abheben. Pro Monat bekommen sie an Geldautomaten allerdings maximal 200 Euro, bei einer Premiumversion des Kontos 400 Euro. Hier hat Revolut offenbar aus den Erfahrungen des Wettbewerbs N26 gelernt: Unbegrenzte Abhebungen können hohe Kosten verursachen. N26 hatte deshalb zwischenzeitlich die Anzahl der monatlichen Bargeldabhebungen begrenzt – nicht aber die Höhe.

Seit diesem Sommer erhalten Kunden für das Revolut-Konto auch eine Kontonummer (IBAN). „Damit bieten wir ein vollwertiges Girokonto“, so Wilhelmer. In den nächsten Monaten soll das Produkt erweitert werden, dann sollen Kunden über die App auch mobil bezahlen, in Aktien und Anleihen investieren, Sparkonten eröffnen und Kryptowährungen halten, handeln und transferieren können.



Die eigene Banklizenz fehlt – noch


Mit der Idee vom digitalen Konto ist Revolut nicht allein. In Deutschland ist seit Anfang 2015 bereits N26 – ehemals Number26 – aktiv und konnte bislang 500.000 Kunden gewinnen. Dabei dürften auch Kooperationen mit anderen Fintechs geholfen haben: Mithilfe von Weltsparen bietet N26 Festgeldkonten an, über Vaamo gibt es eine digitale Vermögensverwaltung, Clark hilft beim Organisieren von Versicherungen und über Transferwise sind Geldtransfers ins Ausland möglich.

Transferwise selbst ist im Mai dieses Jahres ebenfalls in das Geschäft mit Bankkonten eingestiegen und richtet sich dabei zunächst an Unternehmen und Selbständige. Auch das Fintech Kontist bietet seit Anfang des Jahres Konten für Selbständige und unterstützt sie zugleich bei der Buchhaltung.



Als „echte“ Bank darf sich von diesen Anbietern aber nur N26 bezeichnen, die Berliner hatten zuerst mit der Dienstleisterbank Wirecard kooperiert, aber im Sommer 2016 eine eigene Banklizenz von der deutschen Finanzaufsicht Bafin erhalten. Transferwise, Kontist und auch Revolut arbeiten noch auf Basis der Lizenzen ihrer Kooperationspartner.

Für Revolut deutet Wilhelmer allerdings an, dass dies „nur eine Momentaufnahme“ sei. Aktuell fungiert noch die Lloyds Bank als Partner. Eine eigene Lizenz hat das Fintech schon als E-Geld-Anbieter. Am nötigen Geld dürfte der Antrag auf eine eigene Banklizenz wohl nicht scheitern. Nach einer großen Finanzierungsrunde in diesem Sommer hat das Unternehmen nun insgesamt bereits 88 Millionen Dollar von Investoren eingesammelt.


KONTEXT

Tipps für erfolgreiche Fintech-Kooperationen

Flucht aus den vier Wänden

Ein eigenes Innovationslabor innerhalb eines Start-up-Ökosystems kann helfen, sich von organisatorischen und kulturellen Zwängen zu lösen. Komplett abgeschnitten von der Hauptorganisation sollte dies aber auch nicht sein, eine umsichtige Verbindung fördert den wirtschaftlichen Erfolg.

Schneller Anbindungsprozess

Große Organisationen sollten flexible Prozesse bereithalten, um Fintechs schnell einzugliedern.

Pragmatischer Umgang mit intellektuellem Eigentum

Lizenzbedingungen gewinnen an Bedeutung. Deshalb sollten Banken auch hier einen flexiblen Ansatz wählen.

Koordinierte Innovationsstrategie

Fintechs werden immer unterschiedlicher und Fintech-Zentren entwickeln sich global. Multinationale Banken brauchen deshalb einen koordinierten Plan und eine zentrale Wissensbasis, um die attraktivsten Innovationen zu identifizieren.

Die Partner kennen

Bevor Banken mit einem Fintech kooperieren, sollten sie die Gründer persönlich kennenlernen. Das bringt mehr Erkenntnisse als beispielsweise ein 200-seitiger Fragebogen.

Das richtige Investmentmodel

Zunächst einen Minderheitsanteil an einem Fintech zu erwerben kann sinnvoller sein als das junge Unternehmen gleich komplett zu übernehmen. So wird vermieden, dass Innovationen ausgebremst werden.

Quelle

Simmons & amp; Simmons, Hyperfinance, April 2017