Sie wollen mit einer Bestell-App für Kneipen zur Umsatzrakete werden

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Die Macher von So'use lassen euch Drinks in Lokalen digital bestellen.
Die Macher von So'use lassen euch Drinks in Lokalen digital bestellen.

Viele deutsche Gastwirte müssen noch immer ihr Lockdown-Loch in der Kasse füllen. Ein Leipziger Startup verspricht ihnen 18 Prozent mehr Umsatz bei weniger Personal und 32 Prozent Zeitersparnis. Was wie eine Wunderformel klingt, soll die Web-App des Leipziger Gründer-Teams von Horeca bewerkstelligen.

Die Macher Thomas Niermann und Ben Wollscheid kennen sich in der Event- und Gastrobranche aus. Die beiden Mittzwanziger organisierten als Schüler Events für bis zu 2.000 Personen. Doch die eigentliche Idee kam ihnen bei einem Clubabend, als sie der Barmann trotz lauter Zurufe auf dem Trockenen sitzen ließ.

Per App bestellen, an der Theke abholen

Da dachten sich die beiden BWL-Studenten: Das muss schneller gehen. Denn zufriedene Gäste geben mehr aus und Wirte haben mehr Umsatz. So entstand die Web-Application So'use. Niermann und Wollscheid haben dafür zusammen mit zwei Mitstreitern im August 2018 ihre Firma Horeca Digital System GmbH gegründet.

Gäste scannen per Smartphone einen QR-Code am Tisch und gelangen so auf So'use. Daraufhin öffnet sich auf dem Handy-Bildschirm eine Speise- und Getränkekarte, in der das Gewünschte angetippt und samt Tischnummer an das Tablet der Bedienung gesendet wird. Kurz darauf soll dann die bereits bezahlte Bestellung an der Theke abgeholt werden können.

Bezahlt wird mit Paypal, Apple- oder Google-Pay, Kreditkarte oder auch Bargeld. „Letzteres nur auf Wunsch der Wirte. Wir raten allerdings davon ab, weil es ermöglicht, die Zeche zu prellen“, so Wollscheid. Zudem geben die Gäste bei bargeldloser Zahlung mehr aus.

Problem Arbeitskräftemangel

Das Startup zielt auf Lokale und Kneipen mit großen Flächen und langen Laufwegen ab. Für die Nutzung des Service zahlen Gastronomen 50 Euro im Monat. Gebühren für Geräte oder Provisionen gebe es nicht. Der Vertrag sei zudem jederzeit kündbar.

Voraussetzung für Gastronomen: Wlan oder ein anderer Internetzugang. „Um aufwendige Prozessumstellungen für das gastronomische Personal zu umgehen, unterstützen wir bereits mehrere digitale Kassenintegrationen und rollen fortlaufend weitere Lösungen zu etablierten Kassensystemen aus“, so Wollscheid.

Außerdem soll das Personal durch den Service des Startups entlastet werden, versprechen die Macher. Im Zuge der Schließungen von Kneipen und Gaststätten hätten rund 20 Prozent der Mitarbeiter die gastronomischen Betriebe dauerhaft verlassen, sagt der Gründer. Ersatz lasse sich kurzfristig beim Wiederhochfahren nur schwerlich beschaffen.

In den USA ein Boom-Markt

Der Markt für kontaktlose Services boomt auch in US-amerikanischen Gastronomiebetrieben. Fast-Food-Riese Mcdonalds hat es vorgemacht und schon frühzeitig auf digitale Bestell-Säulen gesetzt. In den USA waren laut „Wallstreet Journal“ im März knapp eine Million Stellen unbesetzt und neue Arbeitskräfte trotz Anhebung der Löhne schwer zu finden. Darum setzten selbst höherpreisige Restaurants auf den elektronischen Kellner per QR-Code und App, die sogar die in den USA üblichen 20 Prozent Trinkgeld automatisch auf die Rechnung aufschlagen. Kritiker sehen dies als kommende Servicewüste.

Doch der Trend scheint unaufhaltsam. Zumal wie bei So’use durch die Kopplung mit Werbung Gewinne locken. Die macht das Leipziger Startup über platzierte Produkt-Ads auf dem Bestelldisplay, vor allem für Getränke wie Softdrinks, Spirituosen oder Cocktails. Das funktioniere wie bei der Suchmaschine Google, die wichtige Angebote oben in der Anzeige platziert.

„Dadurch können wir es uns leisten, unser Produkt zu geringen Kosten anzubieten und auf Provisionen zu verzichten“, ergänzt Wollscheid. Er und seine Co-Gründer sehen einen großen Markt für digitale Werbung. Denn die Getränkeindustrie verfüge über riesige Marketingtöpfe, so Wollscheid. Allein Energydrinkhersteller Red Bull gäbe bis zu 30 Prozent des Umsatzes für Marketing aus.

Mit 700.000 Euro gegen die Konkurrenz

Das Leipziger Gastro-Startup erhielt kürzlich in einer Finanzierungsrunde 700.000 Euro, unter anderem von Fact-Finder-Gründer und KI-Experte Carsten Kraus sowie Hanse Ventures. Damit soll die Firma, die derzeit auf rund 100 Kunden in Deutschland, Schweiz, Österreich und Italien blickt, weiter wachsen. Die nächste Finanzierungsrunde ist fürs Frühjahr 2022 geplant.

Anfang des Jahres ging auch die Bestellplattform „Dish Order“ an den Start, als Kooperation von Handelsriese Metro mit Alphabet-Tochter Google. Darüber können Gäste Restaurants finden und direkt auf deren Website Essen zum Anliefern oder vor Ort zum Mitnehmen bestellen. Ohne dass für Wirte eine Provision anfällt, wie sie Lieferdienste erheben. Die Berliner Sterlix GmbH entwickelte mit ihrem System „Smoothr Coolr“ eine bargeldlose Möglichkeit, Snacks und Getränke aus der Kühlung per Smartphone zu kaufen. Von dem Trend profitiert wohl auch das Berliner Food-Startup Choco, das 2019 als B2B-Lösung gegründet wurde. Diesen Sommer verdoppelte es seine Bewertung auf 500 Millionen Euro, dank 85 Millionen Euro Investition von Insight Partners und anderen US-Investoren.


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