Wolff: Mercedes wird immer noch von "Skepsis und Pessimismus" verfolgt

Jonathan Noble
·Lesedauer: 3 Min.

Mercedes dominiert die Formel 1 seit Beginn der Hybrid-Ära 2014 und feierte im vergangenen Jahr den siebten WM-Doppelsieg in Folge. Übermütig wurde der Hersteller trotz dieser beeindruckenden Dominanz aber nie - im Gegenteil.

Toto Wolff sieht die fast schon paranoide Mentalität im Team, die es befürchten lässt, dass seine Serie der Dominanz bald enden wird, gar als Schlüssel zum anhaltenden Erfolg.

So habe das Ausmaß des Vorsprungs, den man 2020 gegenüber der Konkurrenz hatte, das Team durchaus überrascht, "weil wir von Natur aus skeptische Menschen sind", sagt Wolff im Exklusivinterview mit 'Motorsport.com'. "Das hält uns auf Trab, was die Ziele angeht, die wir uns setzen."

Wolff: "Nie ganz sicher, dass wir es schaffen"

"Insofern sind wir alle angenehm überrascht, wenn wir aus den Blöcken kommen und sehen, dass wir in einer guten Position sind. Aber diese Skepsis und dieser Pessimismus, was unser eigenes Leistungsniveau angeht, verfolgt uns die ganze Saison über."

"Wir sind uns nie ganz sicher, dass wir es schaffen, bis es wirklich geschafft ist. Und wir fischen hier nicht nach Komplimenten. Es ist einfach die Einstellung, die wir haben."

Warum Rivalen wie Red Bull und Ferrari in den vergangenen Jahren nicht in der Lage waren, Mercedes' Titelmission ernsthaft zu gefährden, darauf hat Wolff keine Antwort, versichert aber: "Wir respektieren unsere Konkurrenten, und wir haben großen Respekt vor den Leuten in diesen Teams. Ich sehe diese Jungs im Fahrerlager und ich weiß, dass sie alles geben, so wie wir auch alles geben."

Gesunde Balance zwischen Spaß und Druck

Und weiter: "Ich kann nicht wirklich in andere Organisationen hineinschauen, und deshalb ist es sehr schwierig für mich herauszufinden, wo ihre Schwächen liegen oder wo wir Vorteile haben. Ich weiß nur, dass wir ein guter Ort zum Arbeiten sind, ein Ort, an dem man Spaß hat, aber an dem wir auch Druck auf uns selbst aufbauen."

Der Schlüssel zum Erfolg sei es, die richtige Balance zu finden - "zwischen dem Druck, der ein Rohr platzen lässt, und dem Druck, der einen Diamanten produziert", erklärt Wolff.

"Und das ist etwas, das man nicht in eine PowerPoint-Präsentation packen kann. Das ist etwas, das man jeden Tag leben muss. Man muss die Mitarbeiter stärken und ihnen einen sicheren Ort bieten. Man muss ihnen erlauben, sich zu äußern, Fehler zu machen und die richtigen Werte zu haben. Und all das kann nur mit der Zeit aufgebaut werden."

2020 auch für Mercedes besonders anstrengend

Gleichzeitig ist sich der Teamchef bewusst, dass die Entschlossenheit von Mercedes, sich nicht unterkriegen zu lassen, die Mitarbeiter manchmal an ihre Grenzen treiben kann - so wie es der Fall war, als sich die Motorenabteilung der Herausforderung von Ferraris starkem 2019er-Motor stellen musste, der schließlich durch die technischen Richtlinien des Weltverbands FIA reglementiert wurde.

"Wenn ich mir die Motorenabteilung oder die Motorsport-Organisation von Mercedes anschaue, dann sehe ich, dass im letzten Jahr am absoluten Rand der Leistungserbringung operiert wurde, inmitten einer Umgebung von Kostendeckelung und der Umstrukturierung, die wegen COVID notwendig war. Das hat seinen Tribut gefordert."

"Wir haben all unsere Möglichkeiten ausgeschöpft, um in guter Form zu sein, uns die richtigen Ziele zu setzen und einen Sinn in dem zu finden, was wir tun. Aber Jahre wie 2020 sind manchmal sehr schwierig und nicht so einfach, wie es in den vergangenen Jahren der Fall war", gibt Wolff nach der Corona-Saison zu.

Und er fügt mit Blick auf die Mercedes-Motorensparte an: "HPP wurde 2019 bis an die Grenzen getrieben, um zu versuchen, die Benchmark-Power-Unit von Ferrari einzuholen."

"Ich würde sagen, dass wir es in bestimmten Phasen übertrieben haben, als es mit der Unterstützung von MGP darum ging, Chassis-bezogene Dinge zur Power-Unit zu entwickeln. Aber wir haben uns selbst so stark gepusht, dass uns über den Winter ein großer Schritt nach vorn gelungen ist. Und in gewisser Weise ist es auch ironisch, dass wir von denen, die 2020 zurückfielen, so sehr gefordert wurden."

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.