Wohlfühl-TV mit der Kanzlerin

150 wohlwollende Wähler und die Kanzlerin als Moderatorin: In der ARD-„Wahlarena“ ging es um Themen wie Kita-Gebühren oder eine Obergrenze für Flüchtlinge. Besser hätte es dabei für Angela Merkel kaum laufen können.


In welche Richtung sich die live aus Lübeck gesendete ARD-„Wahlarena“ für die Bundeskanzlerin entwickeln würde, zeigte gleich die erste Frage: Da begrüßte ein Würzburger Erstwähler Angela Merkel mit „Sie machen das ganz gut“ und benannte dann sein Problem, dass er gerne die Kanzlerin wählen würde, aber in Bayern statt ihrer Partei ja nur die CSU auf den Stimmzetteln steht.

Mit Merkels Rat, dennoch CSU zu wählen, vor allem mit der Zweitstimme, um ihre Kanzlerschaft zu sichern, schien er zufrieden. Zumal als sie garantierte, dass sie keine Obergrenze für Flüchtlinge einführen werde.

Und so ging es weiter: Die Fragesteller zeigten erst, wie sehr sie mit der Kanzlerin sympathisieren, und sich dann auf unterschiedlichen, oft sozialpolitischen Themenfeldern eloquent. Ihre Fragen waren durchgehend präziser als die im „TV-Duell“ mit Merkel und Martin Schulz acht Tage zuvor (was freilich nicht schwer war).


Die Kanzlerin präsentierte sich in vielen Bereichen zwischen dem deutschen „Flickenteppich“ kenntnisreich, etwa bei Kita-Gebühren und dem Milch-Weltmarktpreis. Außerdem gestand sie auch ein, wenn sie sich ausnahmsweise mal weniger auskannte, wie beim Thema Tierversuche.

Lediglich die Moderatoren Sonia Mikich und Andreas Cichowicz gerieten in eine undankbare Rolle. Ans starre Programmschema gewohnt, drängten sie auf Tempo. Oft übernahm eher Merkel die Moderation und fragte bei Fragestellern aus dem Publikum nochmal nach, ob sie zufrieden waren. Eine etwas ausführlichere Erklärung, wie genau die 150 potenziellen Wähler im Saal als „ziemlich repräsentativer“ Querschnitt der Bevölkerung ausgewählt worden waren, hätte geholfen, Zweifel daran zu zerstreuen, dass die Kanzlerin die Fragen nicht vorher kannte.

Denn den Eindruck, dass sie besonders kritisch befragt wurde, erweckte die Sendung zusehends weniger. Wurde Merkel doch mal ausdrücklich attackiert – am schärfsten von einem jungen Altenpfleger, der von „Menschen, die in ihren Ausscheidungen liegen“, sprach und die Schuld am dramatischen Pflegekräftemangel der Regierungschefin gab –, versuchte sie Einvernehmen herzustellen. Überwiegend gelang das auch.


Nicht nur einmal betonte Merkel, wie „toll“ sie das Engagement junger Leute fand. Nicht nur von einem Zuschauer bekam sie zu hören, dass man ein „extremer Fan“ von ihr sei. Oder „gut und gerne“ in Deutschland lebe: Da zitierte ein türkischstämmiger Rechtsanwalt den zentralen CDU-Wahlkampfslogan. Später, als es um hohe Zustimmungswerte für die autoritäre Erdogan-Regierung bei eigentlich gut integrierten Deutschtürken ging, lautete die Frage eines anderen jungen Mannes gar: „Was haben wir falsch gemacht?“ Es schien tatsächlich ein großes Wir zu sein, das sich in Lübeck versammelt hatte.

Als der einzige Fragesteller aus Ostdeutschland, ein Mann aus Apolda, zurückhaltend Ängste vor „Überfremdung“ formulierte, gab es Unmutsäußerungen im Publikum. Merkel mahnte die Freiheit an, jede Meinung zu äußern. Als sie nach der nächsten Frage, nun von einem jungen Mann mit Migrationshintergrund, der von zunehmenden Erfahrungen mit Rassismus berichtete, spürbar spontan zu einem Plädoyer für die Menschenwürde anhob („Dies ist eine Zeit, wo ein bisschen Mut gefragt ist“), applaudierte der ganze Saal. Besser hätte es für die Kanzlerin kaum laufen können.


Inhaltlich gab es wenig Neues. Ihre Haltung zur Türkei scheint Merkel nach dem TV-Duell zuvor, in dem sie von Martin Schulz (dessen Name am Montagabend kein einziges Mal fiel) fast auf dem falschem Fuß erwischt worden zu sein schien, leicht revidiert zu haben. Jedenfalls sprach sie sich mit Blick auf die fast 50 Prozent der Türken, die beim Verfassungsreferendum im Frühjahr gegen Erdogans Machtzunahme gestimmt hatten, nun dagegen aus, Gespräche mit der Türkei „vollkommen abzubrechen“. Etwas staunen lassen konnte ihr Plädoyer, zur Altersvorsorge lieber eine Riesterrente abzuschließen, als in Aktien zu investieren, weil die auch an Wert verlieren können.

Inhaltlich jedoch staunte in der 75-minütigen Gute-Laune-Sendung niemand über Angela Merkel. Gewiss zeigte diese „Wahlarena“, dass die Kanzlerin in der heißen Phase des Wahlkampfs in guter Form ist, dass sie sich auf vielen Themenfeldern gut auskennt und wirklich von einer breiten Welle der Zustimmung getragen wird.

So viel Einmütigkeit aber könnte dann doch Zweifel wecken: Falls CDU/CSU am 24. September keine deutliche Mehrheit der Stimmen bekommen sollten, scheint mit der vorab von Sonia Mikich formulierten Prämisse, dass im Saalpublikum „Deutschland in klein“ versammelt sei, etwas nicht gestimmt zu haben.