Mit Wodka und Geduld – Volkssport Eisfischen


Dmitri Iwanowitsch ist nicht zu Gesprächen aufgelegt. „Ich bin fast taub“, brummt er dem aufdringlichen Fragesteller mürrisch zu und zeigt wie zum Beweis auf das verbundene Ohr, das bislang hinter der dicken Kapuze versteckt war. Seit dem Morgen sitzt der etwa 70-Jährige auf dem Eis, genauer gesagt auf einem von einer blauen Plastiktüte umwickelten Eimer, in dem er in einen Fang unterbringt. Zeigen will er ihn nicht, aber immerhin verrät er: „Hier kann man alles fangen: Karauschen, Brassen, Barsche, Zander oder Hechte“, zählt er auf.

Er fische sowohl im Sommer als auch im Winter, fügt er noch hinzu, dann konzentriert er sich wieder auf seine kleine kurze Angel, die er in ein Loch vor sich hält. Ein Eisbohrer steht unweit entfernt und vier weitere Löcher im Umkreis verraten, dass es nicht der erste Versuch ist.

Doch Dmitri Iwanowitsch hat Zeit. Zwar ist es bei strahlendem Sonnenschein frostig auf dem kleinen Gewässer bei Alexandrow, doch der Alte ist gut eingepackt: Die Füße stecken in dicken Filzstiefeln, den Körper schützt er mit einer gefütterten Militäruniform. Und falls er eine Pause braucht, hat er sogar ein Zelt auf dem Eis aufgebaut.


Eisfischen ist eine Art Volkssport in Russland. Der stellvertretende Landwirtschaftsminister Ilja Schestakow schätzt die Zahl der Angler in Russland auf 20 bis 30 Millionen Menschen, Umfragen zufolge betreibt etwa die Hälfte davon ihr Hobby auch im Winter. Vom Onegasee in Karelien bis ins Wolga-Delta von Astrachan, vom Finnischen Meerbusen bis ins Ochotskische Meer sind sie auf dem Eis zu sehen. Manche in stiller Abgeschiedenheit, wie Dmitri Iwanowitsch, andere in geselliger Runde wie eine Gruppe Eisfischer, die sich hinter der nächsten Flussbiegung zusammengefunden hat.

Zumeist sind es Männer. Die ersten flüchten auf das Eis, sobald es steht. In diesem Winter mussten sich die Eisfischer zumindest im zentraleuropäischen Gebiet Russlands gedulden. Erst nach Neujahr war das Eis tragfähig.

Viele können es dann kaum erwarten: Schon früh am Morgen, wenn es noch dunkel ist, sind sie zum Aufbruch bereit. Angelzeug, Eisbohrer, warme Sachen und eine Thermoskanne gehören zur Grundausrüstung – in vielen Fällen aber auch eine Flasche Wodka, Cognac oder Whiskey. Einige geben vor, sich damit zu erwärmen, andere sagen ganz offen: „Angeln ist doch Erholung, da muss alles zum Vergnügen sein.“

Ein nicht ganz ungefährliches Vergnügen: Nicht selten kommt es zu Unfällen. Gerade im be- oder angetrunkenen Zustand überschätzen viele Männer sich – oder auch die Eisstärke. Jahr für Jahr ertrinken Dutzende Russen im kalten Wasser. Im Gebiet Samara hat der Katastrophenschutz erst vor wenigen Tagen einen Erfrorenen aus dem Eis gezogen, der mit seinem Schneeschlitten eingebrochen war. Vor allem im Frühjahr holt dann meist der Rettungsdienst die letzten Eisangler von den treibenden Schollen.


Und doch werden sie auch in diesem Jahr wieder bis zum letzten Tag trotz Tauwetter aufs Eis gehen. Es sei zu schön und erhebend, in der Ruhe die schnee- und eisverhüllte Natur zu genießen, sagen Romantiker. Und wenn dann noch der Fang stimmt, dann ist das Glück (der Eisangler) vollkommen.