Nach wochenlangen Verzögerungen Nebenklageplädoyers im NSU-Prozess

Nach wochenlangen Verzögerungen wegen einer Reihe neuer Befangenheitsanträge haben am Mittwoch im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München die Plädoyers der Nebenklage begonnen. Als erste Nebenklagevertreterin kritisierte die Rechtsanwältin Edith Lunnebach in ihrem Plädoyer Polizei, Verfassungsschutz und Bundesanwaltschaft. Sie warf den Behörden schwere Fehler vor. So hätten die Ermittler in der NSU-Tatserie ein rechtsextremes Motiv nicht in Betracht gezogen, obwohl es dafür zahlreiche Anhaltspunkte gegeben habe.

Lunnebach vertritt eine Frau, die am 19. Januar 2001 beim ersten Bombenanschlag des NSU auf das Lebensmittelgeschäft ihrer Familie in der Kölner Innenstadt lebensgefährlich verletzt wurde. Das rechtsextreme Trio soll im Untergrund zwei Bombenanschläge, zehn Morde und mehr als ein Dutzend Überfälle verübt haben.

Die Nebenklagevertreterin verzichtete auf eine eigene Strafmaßforderung für die Hauptangeklagte Beate Zschäpe und die mitangeklagten vier mutmaßlichen NSU-Helfer. Die Bundesanwaltschaft hatte für Zschäpe die Höchststrafe - also lebenslange Haft, die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld und Sicherungsverwahrung - gefordert. Für die Mitangeklagten forderte die Bundesanwaltschaft zwischen drei Jahren Jugendhaft und zwölf Jahren Gefängnis.

Insgesamt sollen sich nach den bisher bekannten Plänen von den Nebenklägern 55 Anwälte äußern. Deren Schlussvorträge sollen von einigen Minuten bis hin zu mehrere Stunden dauern. Auch einzelne Angehörige von Mordopfern kündigten an, selbst das Wort zu ergreifen. Die Plädoyers werden deshalb voraussichtlich mehrere Wochen dauern.

Im Anschluss an die Nebenkläger äußern sich die Verteidiger der fünf Angeklagten, auch hier wird wegen der großen Zahl der Verteidiger eine mehrwöchige Dauer der Plädoyers erwartet. Wann in dem bereits seit viereinhalb Jahren dauernden Prozess geurteilt wird, ist noch immer nicht absehbar.