WM-Favoritencheck: Diese Spanier sind der Wahnsinn!

Tommy Gaber
Editor Yahoo Sports

Die Testspiele sind beendet, Mitte Mai beginnt mit der Kaderbekanntgabe die heiße Phase der WM-Vorbereitung. Welche großen Teams sind schon titelreif und wer sollte gar nicht erst nach Russland reisen? Yahoo Sport macht den Check. 

Spaniens Isco (Nr. 22) schoss beim 6:1 gegen Argentinien drei Tore. (Bild: Getty Images)

Deutschland

Die letzten Spiele: Spanien (1:1), Brasilien (0:1)

Zwei Tests gegen starke Teams – kein Sieg. Die deutsche Nationalmannschaft ist, rein was die Ergebnisse angeht, ungünstig ins WM-Jahr gestartet. Beim 1:1 gegen Spanien präsentierte sich die Stammelf von Bundestrainer Löw im Offensivspiel in beachtlich guter Form. Allerdings deckten die Spanier auch die Schwachstellen der DFB-Elf auf: Defensives Umschaltspiel nach dem Ballverlust, Kompaktheit. Ein simpler, wenn auch genialer Pass von Andres Iniesta hebelte die gesamte Viererkette aus und ermöglichte Spanien den Führungstreffer.

Die Erkenntnis aus dem Brasilien-Spiel: Der zweite Anzug passt (noch) überhaupt nicht. Insbesondere die hoch gelobten Mittelfeldspieler Ilkay Gündogan, Leon Goretzka und Leroy Sane verpassten die Chance, Eigenwerbung zu machen. Toni Kroos platzte nach der ersten Niederlage seit dem EM-Halbfinale 2016 der Kragen.

Fazit: Der Titelverteidiger hat zweienhalb Monate vor WM-Start einen Schuss vor den Bug bekommen. Kroos meint: Gerade rechtzeitig. Wie Recht er hat.

Spanien

Die letzten Spiele: Deutschland (1:1), Argentinien (6:1)

Die Goldene Generation um Iker Casillas, Xavi und Iniesta dominierte zwischen 2008 und 2012 den Weltfußball. Und die Spanier sind auf dem besten Weg, an die alten Erfolge anzuknüpfen. Der starken Leistung gegen Deutschland ließ die Furia Roja eine nahezu perfekte gegen Argentinien folgen. Trainer Julen Lopetegui hat eine ideale Kadermischung aus erfahrenen, bereits sehr erfolgreichen Spielern wie Sergio Ramos, Gerard Pique, Sergio Busquets, David Silva und Iniesta. Hinzu kommen hungrige, aber auch schon erfahrene Spieler wie David De Gea, Dani Carvajal, Thiago oder Diego Costa. Und dann ist da noch die junge Garde um Isco und Marco Asensio, die auf Vereinsebene auch schon große Titel gewonnen hat.

Was alle Spieler vereint: Sie können richtig gut kicken. Zudem spielen die Spanier zielstrebiger als früher; wo früher der Ball nochmal quer gepasst wurde, wird heute der Abschluss gesucht. Gegen Argentinien landeten drei der ersten fünf Schüsse im Schwarzen.

Fazit: Spanien ist der Topfavorit auf den WM-Titel. Ohne Wenn und Aber.

Brasilien

Die letzten Spiele: Russland (3:0), Deutschland (1:0)

Viel Neymar, noch mehr Pathos: Der Versuch der Brasilianer, ihre Schwächen bei der Heim-WM 2014 zu übertünchen, schlug monumental fehl. Stichwort 1:7. Doch seit der Schmach von Belo Horizonte hat sich etwas getan im Land des Rekordweltmeisters.

Unter Trainer Tite dominierte Brasilien die harte WM-Qualifikation in Südamerika. Die Mannschaft profitiert wie eh und je von ihrer individuellen Klasse, spielt aber ökonomischer als früher und steht defensiv erstaunlich stabil. In der WM-Quali blieb Brasilien in jedem zweiten Spiel ohne Gegentor und im Testspiel gegen Deutschland ließ man in der Nachspielzeit den ersten und einzigen Torschuss zu.

Zudem hat sich die Selecao nach und nach von Superstar Neymar emanzipiert und in den Spielen gegen Russland und Deutschland gezeigt, dass es auch ohne den Superstar geht, was Neymars Wichtigkeit für die Mannschaft aber nicht schmälern soll.

Fazit: Brasilien versprüht nicht den Glanz von einst, wird bei der WM aber sehr schwer zu knacken sein. Der Rekordweltmeister ist zurück im engen Favoritenkreis.

Frankreich

Die letzten Spiele: Kolumbien (2:3), Russland (3:1)

Wer Ousmane Dembele, Paul Pogba, Corentin Tolisso, Anthony Martial und Wissam Ben Yedder im Test gegen Kolumbien auf die Ersatzbank setzen kann, obwohl ein Kracher wie Kingsley Coman verletzt fehlt, sollte eigentlich per se zu den WM-Favoriten zählen. Frankreichs Kader ist gespickt mit fertigen Stars und jungen Spielern mit enorm viel Qualität.

Doch die Equipe Tricolore blieb den Beweis ihrer WM-Tauglichkeit in den beiden jüngsten Testspielen schuldig. Das Spiel gegen Kolumbien ging trotz einer frühen 2:0-Führung verloren. Trainer Didier Deschamps sprach von einem “Stromausfall” in der zweiten Halbzeit und prangerte gar “Selbstgefälligkeit” an. Die Zeitung Le Parisien schrieb von der “Rückkehr der blauen Schmerzen” für Les Bleus und L’Equipe urteilte, dass “Frankreichs Team noch sehr bröckelig ist.”

Fazit: Frankreich ist ein Rätsel. Die Mannschaft kann den Rest der Welt an einem guten Tag an die Wand spielen und an einem schlechten in sich zusammenfallen. Zwei Jahre nach dem Einzug ins EM-Finale sollte in Russland der nächste Schritt folgen. Irgendwie schwer vorstellbar.

Argentinien

Die letzten Spiele: Italien (2:0), Spanien (1:6)

Gegen aufgrund der verpassten WM-Teilnahme deprimierte Italiener hielt Argentinien in einem schwachen Spiel lange die Null und schlug in der Schlussviertelstunde zweimal zu. In welchem besorgniserregenden Zustand die Mannschaft aber tatsächlich ist, zeigte sich am Dienstagabend in Madrid. Die Albiceleste wurde von Spanien nach allen Regeln der Kunst auseinander genommen und in der Heimat zerrissen. “Die Peinlichkeit des Jahrzehnts! Ohne Messi gibt es kein Paradies und keine Träume. Die Nationalmannschaft ist auf dem Weg, nur noch ein müder Haufen zu sein”, schrieb die Zeitung La Nacion

Im Gegensatz zu Brasilien ist Argentinien nach wie vor extrem abhängig von seinem Superstar. Lionel Messi muss es wie eh und je praktisch alleine richten. In Madrid musste sich Messi das Debakel leicht angeschlagen von der Tribüne aus anschauen.

Fazit: 2014 schaffte Argentinien überraschend den Sprung ins WM-Finale. Damals wie heute gilt: Messi oder nix. In Russland wird’s auch mit einem überragenden Messi nix.

England

Die letzten Spiele: Niederlande (1:0), Italien (1:1)

Kieran Trippier? James Tarkowski? Lewis Cook? Nick Pope? Jordan Pickford? Schon mal gehört? Diese “No-Names” sind allesamt Spieler der englischen Fußball-Nationalmannschaft. Trainer Gareth Southgate hat nach den vielen Misserfolgen in der Vergangenheit nahezu alle alten Zöpfe abgeschnitten und den Three Lions ein riskantes, aber auswegloses Facelifting verpasst.

Southgates Arbeit trägt erste Früchte, die jungen Wilden treten als Mannschaft auf und liefern Ergebnisse ab. Seit dem blamablen EM-Aus 2016 im Achtelfinale gegen Island verlor England nur zweimal. Und mit Kyle Walker, Jordan Henderson, Raheem Sterling, Jamie Vardy und allen voran Harry Kane verfügt der Weltmeister von 1966 über genügend Qualität, um in Russland weit zu kommen.

Fazit: An einen zweiten WM-Titel sollte in England niemand denken, dafür ist die Mannschaft zu unerfahren. Eine WM ist physisch und psychisch anstrengend, den Weg bis ins Finale hat England noch nicht drauf. Aber im Mutterland des Fußballs wächst (endlich) wieder was heran.

Portugal

Die letzten Spiele: Ägypten (2:1), Niederlande (0:3)

Tja, der Europameister. Der kommt seit dem überraschenden Titelgewinn vor zwei Jahren nicht aus dem Quark. Gegen Ägypten bewahrte ein gewisser Cristiano Ronaldo mit einem Doppelpack in der Nachspielzeit (!) Portugal vor einer Blamage. Die gab’s dann drei Tage später gegen die Niederlande, die nach der verpassten WM-Quali beginnen, sich komplett neu aufstellen.

Die Portugiesen wirkten in beiden Testspielen müde und ideenlos und der Superstar genervt. Bei Portugal ist das Gleiche wie bei Argentinien: Ohne den Superstar ist nichts los.

Fazit: Portugal wird in Russland keine tragende Rolle spielen. Dafür ist der Kader in der Breite zu schwach und Ronaldo kann nicht immer die Kohlen aus dem Feuer holen.

Belgien

Die letzten Spiele: Japan (1:0), Saudi-Arabien (4:0)

9:0, 4:3, 4:0, 3:3, 3:3, 4:0 – Länderspiele mit belgischer Beteiligung arten beinahe regelmäßig zu Spektakeln aus. Wer in der Offensive Kevin De Bruyne, Eden Hazard, Dries Mertens, Romeu Lukaku und Michy Batshuayi aufbieten kann, muss zwangsläufig nach vorne spielen. Doch das geht meist nur auf Kosten der Defensive, Belgien fehlt die richtige Balance, obwohl Trainer Roberto Martinez das nach der Amtsübernahme zu seiner Hauptaufgabe gemacht.

Zudem wartet Belgien seit drei Jahren auf einen Sieg gegen eine große Mannschaft. Aus zweitklassigen Gegnern wird Kleinholz, gegen die dicken Fische gelingt vergleichsweise wenig.

Fazit: Man kann eine WM nicht nur mit Offensivpower gewinnen. Belgien wird in Russland wieder Spektakel bieten, mehr als das Viertelfinale wäre aber eine Überraschung.