Wirtschaft trommelt gegen die Frauenquote


Für viele war es ein historischer Schritt, als 2015 die Frauenquote Gesetz wurde. Zwei Jahre später zeigt sich: In den Führungsgremien, in denen die gesetzliche Vorgabe gilt, nämlich den Aufsichtsräten, ist der Frauenanteil tatsächlich gestiegen – und zwar auf 30 Prozent. „Die Quote greift“, sagt Elke Holst, Forschungsdirektorin für Gender Studies am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Doch nicht an allen entscheidenden Stellen.

Denn das „Managerinnen-Barometer“ des DIW, das am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde, zeigt auch: In Unternehmensvorständen hat sich praktisch nichts bewegt. Bei Banken und Versicherungen haben Frauen praktisch keine Chance, in die Vorstände aufzusteigen. Das ruft die Politik auf den Plan. Familienministerin Katarina Barley (SPD) reagierte ungehalten auf den neuerlichen Befund des DIW und brachte eine Frauenquote für Unternehmensvorstände ins Spiel. Die Wirtschaft weist den Vorstoß scharf zurück.

Gesetzliche Quoten für Vorstände privater Unternehmen seien „nicht hilfreich“, sagte Iris Plöger, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), dem Handelsblatt. „Eine Quote für Vorstände wäre verfassungswidrig, sie stellt einen massiven Eingriff in die unternehmerische Freiheit dar.“ Zumal, wie Plöger betonte, über 80 Prozent der Vorstände börsennotierter Unternehmen aus ein bis drei Personen bestünden. „Die Regulierung solcher Kleinstgremien ist unverhältnismäßig.“

Andererseits unterstrich Plöger das große Interesse der Industrie, deutlich mehr weibliche Fach- und Führungskräfte zu gewinnen und zu fördern. „Die Unternehmen haben erkannt, dass sich vor allem durch Vielfalt innerhalb aller Teams optimale Ergebnisse erzielen lassen“, sagte sie.


Der Bundesverband deutscher Banken (BdB) sieht in der Debatte die Geldhäuser am Zug. „Klar ist: Die Finanzwirtschaft ist gefordert, ihre Bestrebungen zu Steigerung des Frauenanteils im Vorstand weiter zu forcieren“, sagte BdB-Sprecher Thomas Schlüter dem Handelsblatt. Er sagte allerdings auch: „Nicht übersehen werden sollte, dass der Anteil von Frauen in Führungspositionen im privaten Bankgewerbe kontinuierlich gestiegen ist.“

Schlüter wies auf eine Studie des Arbeitgeberverbands des privaten Bankgewerbes hin. Danach habe der Anteil von Frauen im außertariflichen Bereich 2005 noch bei knapp 25 Prozent gelegen, bis 2016 sei dieser dann auf 32,5 gestiegen. „Dies ist eine wesentliche Voraussetzung, um den Kreis von künftigen potenziellen Kandidatinnen für den Vorstand wie auch für den Aufsichtsrat zu erweitern, die die speziellen gesetzlichen Anforderungen an Organmitglieder von Banken erfüllen“, so Schlüter. Einer gesetzlichen Quote bedürfe es daher nicht.

Für Barley ist indes ein Frauenanteil von unter zehn Prozent – Realität etwa in den Vorständen der großen deutschen Banken – nicht hinnehmbar. Daraus zieht sie die klare Konsequenz: Wo selbstgesetzte Zielgrößen nicht wirkten, seien klare Regelungen notwendig. „Ansonsten wird sich in von Männern dominierten Führungsetagen nichts ändern“, sagte die Familienministerin dem Handelsblatt. Die deutsche Wirtschaft könne es sich nicht leisten, die Potenziale hochqualifizierter Frauen nicht zu nutzen.

In ihrem Wahlprogramm hatte die SPD eine feste Quote von 50 Prozent für Führungsgremien anvisiert. Offen ist jedoch, wie Barley ihre Pläne realisieren will. Eine Regierungsbeteiligung der SPD ist trotz der laufenden Sondierungsgespräche noch nicht sicher. Gleichwohl wird jetzt schon rege über Barleys Vorstoß debattiert. Grüne und Frauenverbände signalisierten bereits Unterstützung für eine Gesetzesverschärfung. Die FDP und der CDU-Wirtschaftsrat reagierten ablehnend.

„Geht die Große Koalition diesen Weg von mehr Quoten und bürokratischen Vorschriften, engen wir die qualitative Personalauswahl nur noch weiter ein“, sagte der Generalsekretär des Wirtschaftsrats, Wolfgang Steiger, dem Handelsblatt. „Deutschlands Wirtschaft kam bisher auch hervorragend ohne Quoten aus.“


Die DIW-Forscherin Holst hat zusammen mit Katharina Wrohlich die Entwicklung des Frauenanteils in 500 deutschen Unternehmen analysiert. In den gut 100 Unternehmen, die hierzulande seit 2016 an die Quote gebunden sind, ist demnach der Frauenanteil bis Ende 2017 auf gut 30 Prozent angestiegen – fast drei Prozentpunkte mehr als noch im Vorjahr.

Die Quotenpflicht besteht derzeit für über 100 Unternehmen. Das heißt: Sie müssen neue Aufsichtsratsposten so lange mit Frauen besetzen, bis 30 Prozent des Kontrollgremiums weiblich sind. Das gilt allerdings nur für börsennotierte, mitbestimmungspflichtige Konzerne. Wird bei einer Neubesetzung die Quote nicht eingehalten und für einen freiwerdenden Posten keine Frau gefunden, sollen Stühle unbesetzt bleiben. Für die wichtigeren Vorstandsposten gibt es keine Quote, sondern nur „freiwillige Zielgrößen“.


Grüne für mehr Quotendruck, FDP dagegen

Dass freiwillige Selbstverpflichtungen nicht zu funktionieren scheinen, zeigt die DIW-Untersuchung. So verglichen die Forscherinnen die Unternehmen, deren Aufsichtsrat einer Geschlechterquote unterliegt, mit den übrigen Firmen. Klares Resultat: Bis zur Einführung der Frauenquote verlief die Entwicklung beider Gruppen ähnlich. Zwar waren in den Unternehmen, die heute einer Quote unterliegen, schon damals etwas mehr Frauen im Aufsichtsrat als bei den anderen Firmen. Seitdem der Gesetzgeber allerdings Vorgaben gemacht hat, hat sich der Abstand deutlich vergrößert: Unter den 200 größten Firmen in Deutschland mit Geschlechterquote liegt der Frauenanteil im Kontrollgremium mittlerweile bei 30 Prozent, in den anderen Firmen allerdings ist nur jeder fünfte Aufsichtsratsposten mit einer Frau besetzt. „Der Druck des Gesetzgebers hat geholfen“, sagt Holst.

Ein ähnliches Phänomen zeigt sich auch in anderen europäischen Ländern: In den Niederlanden etwa, in denen Unternehmen bei Nichteinhaltung der Frauenquote nicht sanktioniert werden, stieg der Anteil der Frauen im Aufsichtsrat weniger stark an als in Ländern, die eine verbindliche Quotenregelung eingeführt haben. „Das ist zwar kein messerscharfer Beweis“, sagt Wrohlich, wissenschaftliche Mitarbeiterin am DIW. „Aber es suggeriert, dass nur Sanktionen eine Wirkung haben.“

Dass solche Druckmittel hierzulande fehlen, erklärt demnach auch die ernüchternde Entwicklung des Frauenanteils bei der Besetzung von Vorstandsposten. Der Gesetzgeber hat hier keine verpflichtenden Regeln vorgeschrieben. Bei der Repräsentation von Frauen herrscht denn auch in den Vorständen beinahe Stillstand: Im Durchschnitt verblieb der Frauenanteil in den 200 größten Unternehmen der Republik bei etwas mehr als acht Prozent, zeigen die Forscher. Nur bei den 30 Dax-Konzernen habe er sich um zwei Punkte auf 13 Prozent erhöht.


Eine gesetzliche Quote für Vorstände lehnt die FDP ab. „So werden Frauen zu Platzhaltern degradiert und nicht entsprechend ihrer Leistungen gewürdigt“, sagte FDP-Generalsekretärin Nicola Beer dem Handelsblatt. „Wir setzen vielmehr auf Anreize für die Unternehmen, verbindliche Berichtspflichten und transparente Selbstverpflichtungen.“ Dabei gehe es nicht nur um mehr Frauen in Führungsverantwortung in der Wirtschaft, sondern auch im öffentlichen Dienst.

Frauen seien in der Leitung von Unternehmen und anderen Führungspositionen „sehr erfolgreich“, ist Beer überzeugt. Zudem arbeiteten gemischte Teams „produktiver und erfolgreicher“. „Wir erwarten daher von Unternehmen in Deutschland eine deutliche Verbesserung des Frauenanteils in Führungspositionen und werden uns dafür auch im öffentlichen Dienst einsetzen“, betonte Beer.

Die Grünen plädieren für gesetzlichen Druck. „Die aktuellen Zahlen zeigen es erneut: Freiwillige Vereinbarungen bringen nichts. Sie werden leider zulasten der Frauen umgangen“, sagte die Grünen-Bundestagsabgeordnete Katja Dörner dem Handelsblatt. Während sich der Frauenanteil dank gesetzlicher Quote in den Aufsichtsräten positiv entwickle, gebe es in den Vorständen keine Fortschritte. „Deshalb ist auch hier eine gesetzliche Vorgabe richtig und überfällig.“ Auch Mona Küppers, Vorsitzende des Deutschen Frauenrats, einem Dachverband von 60 Frauenorganisationen, sieht den Gesetzgeber am Zug. Sie benannte eine Zielgröße von 30 Prozent – „begleitet von wirksamen Sanktionen“.


Dass es keine verbindlichen Ziele für den Vorstand gebe, „ist schon ein Problem“, sagt auch DIW-Ökonomin Wrohlich. Sie fordert sogar, dass die gesetzlichen Verpflichtungen nicht nur für die obersten Führungsebenen gelten sollen, sondern auch für das mittlere Management. „Der Pool an Frauen, die für Spitzenfunktionen in Frage kommen, muss systematisch von unten nach oben gefüllt werden“, so Wrohlich. So würde es mehr weibliche Chefs in mittleren Führungspositionen geben, die dann aufsteigen könnten.

Konzerne sollten im eigenen Interesse zügig einen Pool geeigneter Kandidatinnen auf- und ausbauen, empfiehlt auch Holst. „Die Unternehmen haben jetzt noch die Chance, selbst aktiv zu werden, sonst wird es eines Tages eine gesetzliche Bestimmung geben.“

KONTEXT

Zehn Dinge, mit denen Frauen ihre Karriere riskieren

Lieber Spaß als Macht

Fragt man eine Frau: Was ist Ihnen an ihrem Job wichtig? Lautet die Antwort nicht, mein Firmenwagen, das üppige Gehalt oder der leistungsabhängige Bonus. Nein! Frauen wollen hauptsächlich Spaß an der Arbeit. Während 49 Prozent der Frauen sich ein freundliches Arbeitsumfeld wünschen und 44 Prozent Wert auf vielfältige Arbeitsaufgaben legen, sind nur 16 Prozent auf Prestige und 9 Prozent auf eine rasche Beförderung aus.

Keine Ellenbogenmentalität

Gerade in größeren Abteilungen müssen sich Mitarbeiter häufig gegen ihre Kollegen durchsetzen, um sich Gehör und Respekt beim Chef zu verschaffen. Doch gerade dieser interne Konkurrenzkampf gefällt vor allem Frauen nicht. Eine Umfrage von TNS Emnid und der Axa-Versicherung zeigt, dass über ein Drittel aller Frauen Angst vor dem Konkurrenzkampf mit Kollegen haben. Nur 15 Prozent ihrer männlichen Mitstreiter sorgen sich darum.

Übersteigerter Teamgeist

Teamfähigkeit gilt als einer der wichtigsten Soft-Skills und gerade Frauen bevorzugen diese Form des Arbeitens. Ein Experiment an der Universität Lyon hat gezeigt, dass Männer vor allem dann Teamarbeit nutzen, wenn sie in dem geprüften Bereich nicht so leistungsfähig sind. Frauen arbeiten generell lieber im Team, unabhängig davon wie stark sie selbst auf dem jeweiligen Gebiet sind. Eine durchaus positive Fähigkeit, solange die eigene Leistung nicht vom Können des Teams überschattet wird.

Falsche Studienwahl

Die karriererelevanten Studienfächer sind nach wie vor Wirtschaftswissenschaften, Jura und Ingenieurswissenschaften. Während bei den Wirtschaftswissenschaften im Wintersemester 2010 immerhin 45 Prozent der deutschen Studierenden weiblich waren und bei Jura sogar über die Hälfte, sieht es im Bereich der Ingenieurswissenschaften weiterhin düster aus. Die Maschinenbaustudiengänge verzeichneten gerade einmal einen Frauenanteil von neun Prozent. Bei Elektrotechnik waren es sogar nur sechs Prozent.

Zu wenig Selbstbewusstsein

Frauen verkaufen sich häufig unter Wert und trauen sich selbst viel zu wenig zu. Eine Studie des Beratungsunternehmens Accenture zeigt, dass Frauen sich selbst beschuldigen, wenn es um die Gründe für ihre schlechten Aufstiegschancen geht. 28 Prozent der befragten Damen sagen, ihnen fehlten die nötigen Fertigkeiten für den nächsten Schritt auf der Karriereleiter.

Chefinnen unerwünscht

Nicht nur Männer wollen keine Frauen als Chef, sogar die weiblichen Arbeitnehmer sind von Frauen in Führungspositionen wenig überzeugt. Nur drei Prozent wollen eine Chefin. Neunmal so viele finden es besser einen Mann als Chef zu haben. Das ergab eine repräsentative Umfrage der Meinungsforscher von Forsa.

Rivalität unter Frauen

Damit in Zusammenhang könnte das Phänomen der Stutenbissigkeit stehen. Eine Studie der Universität Amsterdam belegt, dass Frauen zwar gut kooperieren können, aber nur so lange sie mit männlichen Kollegen zu tun haben. Sobald sie mit Frauen zusammenarbeiten sollen, ist es um den Teamgeist schlechter bestellt. Ein internationales Forscher Team setzte kürzlich sogar noch einen obendrauf. Sie fanden heraus, dass die Damen besonders schlecht miteinander können, wenn die jeweils andere bei den männlichen Kollegen gut ankommt.

Über Geld spricht man nicht

Selbst Frauen in Führungspositionen verdienen immer noch deutlich weniger als ihre männlichen Kollegen. Eine Umfrage der Hans-Böckler-Stiftung unter 12.000 Akademikern zeigt die Unterschiede. Ein männlicher Abteilungsleiter verdient etwa 5000 Euro monatlich, sein weibliches Pendant gerademal 3800 Euro. Das hat unter anderem damit zu tun, dass Frauen bei Gehaltsverhandlungen mit weniger zufrieden sind und andere Faktoren wichtiger finden.

Familie oder Beruf? Familie!

Zugegeben, es ist nicht einfach Familie und Karriere miteinander in Einklang zu bringen. 72 Prozent der Mütter von minderjährigen Kindern halten dieses Unterfangen für schwierig. Und die Mütter sind es letztendlich auch, die in Sachen Karriere den Kürzeren ziehen. Dafür verantwortlich sind die traditionellen Vorstellungen von Familie, die sowohl Männer als auch Frauen immer noch mit sich herumtragen. Während 2010 nur etwa 5 Prozent der Väter mit minderjährigen Kindern in Teilzeit arbeiteten, waren es über 68 Prozent der Mütter.

Der fehlende Wille

Zu all diesen Karrierehemmnissen kommt ein zentraler Punkt hinzu. Viele Frauen wollen überhaupt nicht aufsteigen. Das Beratungsunternehmen Accenture fand heraus, dass nur jede fünfte Frau ihre Karriere überhaupt vorantreiben will. Ganze 70 Prozent sind mit ihrer aktuellen Position im Unternehmen zufrieden.