Wenn die Wirtschaft schwächelt, leiden Menschen stärker unter Schmerzen — das zeigt eine Studie mit Daten aus 146 Ländern

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Bauchschmerzen bei einem Blick auf den Kontostand dürften die meisten schon einmal gehabt haben. Aber können finanzielle Sorgen auch dazu führen, dass Menschen generell mehr unter Schmerzen leiden? Das haben nun Lucía Macchia von der Harvard Kennedy School und University of Oxford und Andrew J. Oswald von der University of Warwick und dem Institut für die Zukunft der Arbeit gemeinsam untersucht.

Dafür haben die Verhaltensforscherin und der Ökonom Daten aus 146 Ländern im Zeitraum von 2009 bis 2018 ausgewertet. Untersucht wurden Umfragen, bei denen insgesamt mehr als 1,3 Millionen Menschen angeben sollten, ob sie am jeweils vergangenen Tag an körperlichen Schmerzen gelitten haben. Diese Ergebnisse wurden dann der Arbeitslosenquote des jeweiligen Landes gegenüber gestellt.

Die Forscher wählten die Quote, weil das Ausmaß der Arbeitslosigkeit in einem Land als gutes Maß für den Zustand einer Wirtschaft gilt: Bei einer hohen Arbeitslosigkeit geht man in der Regel von einer schwachen Wirtschaft aus. Außerdem werden durch die starke Nachfrage nach Arbeit seitens der Arbeitnehmer die Löhne nach unten gedrückt – und die finanziellen Sorgen der Menschen erhöhen sich.

Die Analyse der Daten ergab: Mehr als ein Viertel der Weltbevölkerung litt zum Zeitpunkt der Befragung unter körperlichen Schmerzen. Und: In Ländern mit einer schwachen Wirtschaft litten vergleichsweise mehr Menschen unter physischen Schmerzen als in Ländern, in denen die Wirtschaft boomte. "In einer Hochkonjunktur ist der körperliche Schmerz geringer – und größer in einem wirtschaftlichen Abschwung", schreiben die Autoren. Der Effekt sei sehr robust, ergänzen sie.

Theorie sagte eigentlich etwas anderes voraus

Dieser Hinweis ist deshalb wichtig, weil die Forscher selbst von den Ergebnissen ihrer Untersuchung verblüfft waren. Denn sie stehen im krassen Kontrast zu dem, was in der klassischen Wirtschaftswissenschaft bislang vermutet – allerdings nicht untersucht – wurde.

Die Theorie besagte lange Zeit Folgendes: In Ländern mit großem Wirtschaftswachstum gibt es mehr Beschäftige und die Menschen arbeiten länger und härter als in wirtschaftlich schwachen Ländern. Diese Mehrbelastung der Gesellschaft – so nahm man an – könnte die Zahl der Arbeitsunfälle und körperlichen Krankheiten ansteigen lassen. Als Folge davon würden auch körperliche Schmerzen in der Bevölkerung häufiger vorkommen.

"Das sind keine empirischen Muster, die derzeit Verhaltenswissenschaftlern oder Ökonomen bekannt sind und wir hatten sie auch nicht vorhergesehen", schreiben Macchia und Oswald.

Frauen in wirtschaftsschwachen Ländern leiden häufiger an Schmerzen als die Männer

Eine weitere Auffälligkeit, mit der die Wissenschaftler nicht gerechnet hatten: Der Zuwachs an körperlichen Schmerzen in einer Gesellschaft wird den Daten nach zum größten Teil von den Frauen getragen. Die Studienautoren weisen darauf hin, dass Frauen in einigen Gesellschaften weniger arbeiten oder weniger harte Arbeit verrichten. Trotzdem sind Frauen deutlich stärker von körperlichen Schmerzen betroffen als Männer. Ein Grund, warum besonders Frauen in Staaten mit einer Rezession unter körperlichen Schmerzen leiden, könnte den Wissenschaftlern zufolge auch die Zunahme häuslicher Gewalt sein.

Die Studienautoren mutmaßen außerdem, dass es eine generelle Verbindung zwischen mentalem Stress – hier ausgelöst durch finanzielle Sorgen und Unsicherheit – und körperlichen Schmerzen geben könnte. Aber auch schlechtere Arbeitsbedingungen, wenig Kontrolle über die eigene Arbeitssituation und ungesunde Ernährung in wirtschaftsschwachen Ländern könnten die physischen Schmerzen erzeugen oder verstärken.

Schon seit längerem wird untersucht, ob längere Arbeitszeiten mit körperlichen Schmerzen in Zusammenhang stehen. Allerdings konnte in zurückliegenden Studien dieses Phänomen noch nicht beobachtet werden. In anderen Bereichen konnte man dagegen sehr wohl einen Zusammenhang erkennen: nämlich zwischen der wirtschaftlichen Lage und Indikatoren psychischen Schmerzes. So konnten Forscher aus den USA etwa feststellen, dass in Regionen mit erhöhter Arbeitslosigkeit auch die Zahl der Alkohol- und Drogenabhängigen stieg.

"Diese Studie liefert den ersten länderübergreifenden Beleg dafür, dass das Ausmaß der körperlichen Schmerzen in einem Land von der Lage der Wirtschaft abhängt", resümieren Lucía Macchia und Andrew J. Oswald. Möglicherweise braucht es tatsächlich sehr viele Daten wie hier, um diese Zusammenhänge überhaupt erkennen zu können – vor allem auf einem solchen Level, das die Wirtschaftslage mehrerer Länder vergleichend nebeneinander stellt.

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