Wirecard-Aktie: Etabliert wie BP oder Volkswagen, sodass die Krise im Sand verlaufen wird?

Vincent Uhr, Motley Fool beitragender Investmentanalyst

Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Die aktuelle Phase bei Wirecard (WKN: 747206) ist alles andere als erfolgreich. Der Bericht der Wirtschaftsprüfer von KPMG von vor ca. anderthalb Wochen hat Investoren verunsichert. Und reichlich Vertrauen verspielt.

Das Management ist bemüht, die Wogen zu glätten. Auch mit einigen personellen Veränderungen auf Vorstandsebene soll künftig ein besserer, transparenterer Zahlungsdienstleister geschaffen werden. Jedoch ist es derzeit nicht die Zukunft, die angezweifelt wird. Sondern die Vergangenheit, die hohe Wellen schlägt.

Über alldem steht für Investoren die Frage, wie es mit dem DAX-Zahlungsdienstleister weitergeht und ob Wirecard noch eine Zukunft hat. Ein relevanter Aspekt könnte dabei, ob das Geschäftsmodell des Zahlungsdienstleisters derart etabliert ist, dass auch diese Krise im Sand verläuft.

Es ist ein spannender Gedanke

Um fair zu sein: Das ist eigentlich nicht meine These, die ich an dieser Stelle aufgreife. Sondern eher ein Gedankenspiel, das erst kürzlich in einem Forum zur Aktie von Wirecard diskutiert worden ist. Dabei wurden unter anderem auch Parallelen zu anderen Aktien mit Vertrauensproblemen geschlagen, die sich teilweise wieder erholt haben.

Beispielsweise Volkswagen, das erst vor ca. einem halben Jahrzehnt mit Abgasmanipulationen auf sich aufmerksam gemacht hat. Das Vertrauen der Investoren und sogar der Verbraucher ist auch hier kurzzeitig weg gewesen. Das hat zu einem gigantischen Crash geführt, von dem sich die Aktie jedoch inzwischen wieder einigermaßen erholt hat.

Auch BP kann dazugezählt werden. Der britische Ölkonzern hat im Rahmen der Deep-Water-Horizon-Katastrophe ordentlich Sympathien verspielt. Zugegeben: Jetzt läuft es aufgrund niedriger Ölpreise ebenfalls alles andere als berauschend. Aber es gab zwischenzeitlich eine Phase, in der die Aktie erfolgreicher geworden ist. Wobei das womöglich auf etablierte Geschäftsmodelle zurückzuführen war, die die Krise meistern konnten.

Die spannende Frage ist und bleibt daher jetzt: Besitzt auch Wirecard ein Geschäftsmodell, das derart fest im Sattel ist, dass ein Vertrauensproblem gemeistert werden kann. Es könnte grundsätzlich einige Gründe geben, die dafür, aber auch dagegen sprechen. Sowie einige Notwendigkeiten, die das Management bereit ist zu gehen.

Der Versuch der Beantwortung dieser Frage

Eine einfache Antwort ist dabei grundsätzlich nicht zu finden. Jedoch gibt es einige Indikatoren. Insbesondere das starke Wachstum kann ein Anzeiger sein, der grundsätzlich dafür spricht. Nicht bloß, dass Wirecard einen Megatrend-Wachstumsmarkt bedient. Nein, auch durch Kooperationen beispielsweise mit Visa oder SAP zeigt der DAX-Konzern, dass man bereits in der ersten, internationalen Liga angekommen ist. Das könnte ein Pro auf einer Abwägungsliste sein, das es definitiv zu berücksichtigen gilt.

Zudem stärkt Wirecard konsequent seine Wettbewerbsposition, indem man weitere technologische Gimmicks ertüftelt. Ob es beispielsweise Angebote wie boon Planet mit bislang ungeschlagenen Konditionen sind oder auch Smart Mirrors, die noch wie Zukunftsmusik klingen: Der DAX-Konzern arbeitet hart an seiner Zukunft. Und kann dabei ein gewisses Standing vorweisen. Das lässt zunächst zuversichtlich werden.

Allerdings sollten Investoren auch bedenken, dass es gerade im Bereich der Zahlungsabwicklungen sehr stark auf Vertrauen ankommt. Geld ist und bleibt Vertrauenssache und eine negative Reputation kann sich schädlich auf künftige Erfolge auswirken. Das gilt es daher mindestens zu beobachten, wenn man eine Antwort auf diese Frage erhalten möchte.

Des Weiteren wurden offensichtlich Fehler in der Kommunikation und beim kritisierten Prüfwerk begangen. Es bleibt daher abzuwarten, welche Konsequenzen Wirecard selbst zieht und welche personellen Schritte erfolgen. Hier könnten das Management und insbesondere der Aufsichtsrat wieder etwas Vertrauen herstellen. Zumindest, wenn man bereit ist, diesen Weg zu gehen und womöglich auch einen Wandel in Erwägung zieht, um die aktuelle Causa ad acta legen zu können.

Es ist und bleibt die Kernfrage

Im Endeffekt ist und bleibt das jetzt natürlich die Kernfrage, die die Aktie von Wirecard umgibt: Wird es dem Management gelingen, das Vertrauen wiederzuerlangen? Das Wachstum zu festigen? Und idealerweise ohne zukünftige Vertrauensverluste seine Erfolgsgeschichte fortzuführen? Wobei all das im Grunde viele Fragen sind, die auf das Gleiche hinauswollen.

Es gibt grundsätzlich verschiedene Möglichkeiten, das zu beurteilen. Und verschiedene Indikatoren, die vermeintlich Gegensätzliches anzeigen.

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Vincent besitzt Aktien von Wirecard. The Motley Fool besitzt und empfiehlt Aktien von Visa.

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