Will Power: Wusste lange nicht, wer mein Gegner war

Will Power fuhr einen denkwürdigen Sieg in Long Pond nach Hause


Von der einstigen Oval-Schwäche ist nichts mehr übrig geblieben: Will Power hat am Sonntag IndyCar-Geschichte auf einem Superspeedway geschrieben. Nicht, weil er einen denkwürdigen Sieg einfuhr, nachdem er schon eine Runde zurückgelegen hatte. Nicht, weil er einen bislang nie gesehenen Defensiv-Move auf dem Pocono Raceway erfand. Nein, Power ist der erste IndyCar-Pilot überhaupt, der zweimal hintereinander in Long Pond gewonnen hat. Keine Foyts und Mears dieser Welt haben das je geschafft.

"Das bedeutet mir sehr viel; ich liebe es, auf Ovalen zu fahren!", jubelt Power - ein Satz, der noch vor wenigen Jahren wohl so nie aus seinem Munde gekommen wäre. Dass er nach dem vorletzten Stopp mit einem gewaltigen Vorsprung von fünf Sekunden auf das Feld wieder herauskam, hat ihn dabei selbst erstaunt: "Ich hatte schon das Gefühl, dass wir irgendwo an der Spitze rauskommen würden, weil ich mehrere Runden im 217er-Bereich (217 mph = 349 km/h) abspulen konnte. Aber so einen Vorsprung habe ich nicht erwartet."

Während Power mit 217 Meilen pro Stunde Durchschnittstempo fuhr, war die Konkurrenz mit vollen Tanks im 214er-Bereich unterwegs. Das sicherte Power die große Führung: "Ich wusste ehrlich gesagt gar nicht, wer jetzt eigentlich im Lostopf um den Sieg war, bevor sie mir durchgaben, dass Josef auf mich aufschließt." Power hatte einen Vorteil im Boxenstoppzyklus, da er, als er gerade in die Führungsrunde zurückgekommen war, in einer Gelbphase noch einmal zusätzlich auftanken konnte, ohne Positionen zu verlieren. Allerdings sei der große Vorsprung nach dem vorletzten Stopp nicht auf Short Fueling zurückzuführen, sondern alleine durch Speed entstanden, stellt er klar.

Auf chaotischen Umwegen in den Siegkampf

Die Runde Rückstand verlor er durch einen Bruch des Frontflügels. Warum das geschah, weiß er selber nicht: "Aus welchem Grund auch immer, etwas ist im Frontflügel gebrochen und er hat sich flach gestellt. Ich habe Glück gehabt, dass ich nicht in der Mauer gelandet bin." Penske war sich zunächst nicht sicher, ob es nicht ein schleichender Plattfuß war. Der Boxenstopp war chaotisch. "Ich habe mir eingeredet, ruhig zu bleiben, denn Ryan Hunter-Reay hatte vergangenes Jahr auch eine Runde Rückstand und hätte beinahe gewonnen. Ich brauchte nur eine Gelbphase", so Power weiter.

Doch ruhig zu bleiben war nicht einfach, denn Power zog wie so oft die kuriosen Szenen auf sich. Als James Hinchcliffe seinen riesigen Aha-Moment hatte und einen Einschlag mit viel Fahrkunst verhindern konnte, ging der Penske-Pilot vom Gas, um einen möglichen Unfall zu verhindern, sollte Hinchcliffe vollends die Kontrolle verlieren. Dabei knallte ihm Charlie Kimball ins Heck und beschädigte die Heckpartie von Powers Chevrolet. In der Gelbphase für den Hinchcliffe/Hildebrand-Unfall konnte das Team auch diesen Schaden beheben.

In den letzten Runden kam es dann zum Aufeinandertreffen mit Newgarden. Will Powers Defensivmanöver war eine Meisterleistung, über die in den nächsten Tagen noch viel diskutiert werden dürfte. "So nah, wie Josef in (Kurve) 2 dran war, musste ich so aggressiv verteidigen", erklärt der Australier das sofortige Rüberschwenken auf die "Low Line" am Kurvenausgang. "Hätte ich die Tür auf gelassen, hätte er mich überholt und gewonnen, denn er sticht in jede Lücke rein." Zu frisch ist noch die Erinnerung, wie ihn Newgarden in Mid-Ohio überrumpelt hat.

Mit dem Sieg hat Power den Rückstand in der Meisterschaft auf 42 Punkte verkürzen können. Da es beim Saisonfinale in Sonoma doppelte Punkte gibt, ist die Tür wieder ein Stück weit offen: "Der Titel ist absolut noch möglich. Nachdem ich vergangenes Jahr in den letzten drei Rennen quasi drei Ausfälle in Folge hatte, bin ich versessen darauf, dieses Jahr mit starken Resultaten abzuschneiden." Weiter geht es bereits am kommenden Wochenende auf dem Gateway-Kurzoval.

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