Was will Kim Jong-un?

Jan Rübel
Reporter bei Zeitenspiegel Reportagen
Kim Jong-un freut sich in einem Propagandavideo über einen Raketentest (Bild: KRT via AP Video)

Plötzlich ist wieder die Rede von einem „Atomkonflikt“ – dieses Wort reine Schönfärberei. Was steckt hinter dem provozierten Eklat Nordkoreas und seines Diktators?

Eine Analyse von Jan Rübel

Bei aller Gewöhnung an die Ausbrüche des Donald Trump, der dummerweise auch US-Präsident ist, bringt das aktuelle Gerede von „Wut“ und „Feuer“ doch Schweißperlen auf die Stirn. Trump redet von Vergeltung gegenüber Nordkorea, und zwar erstmals für dessen Androhungen. Amerika fühlt sich bedroht, und zwar von den Fähigkeiten der neuen Langstreckenraketen und der Befürchtung, diese könnten atomar bestückt werden. In Europa lässt man das Regime von Pjöngjang lieber an der langen Leine der Eskalation bellen; das Weiße Haus aber bellt zurück.

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Schon im Mai orakelte US-Verteidigungsminister James Mattis von „wahrscheinlich der schlimmsten Art von Kämpfen im Leben der meisten Menschen“. Trump nun drohte mit der Vernichtung von Menschen durch den Einsatz von Atomwaffen, und dies am Jahrestag des Atombombenabwurfs über Nagasaki. Der Mann hat eben ein Gefühl für das richtige Timing. Für diese Gefahrenlage und die daraus erblühenden Szenarien ist das Wort „Atomkonflikt“ reine Tatsachenvertuschung. Reden da also zwei Länder einen Atomkrieg herbei? Was will das Regime in Nordkorea?

Todessehnsucht sieht anders aus

Jedenfalls lässt sich Machthaber Kim Jong-un mit Drohungen nicht lumpen, er keilt wie Trump. Schon reden nordkoreanische Generäle von Plänen für einen Angriff auf die Insel Guam, auf der die USA einen Luftwaffenstützpunkt unterhalten. Es scheint, als wolle Kim Jong-un einen Krieg mit den USA. Will er das?

In die Hinterzimmer des Regimes zu schauen ist unmöglich. Kein Land ist abgeschnittener vom Rest des Planeten als Nordkorea. Das Regime isoliert sich und seine Bevölkerung, in dem es ihm lauter Feindbilder projiziert. Man kann aber ahnen, was der Diktator nicht will. Er will nicht stürzen, er will weiterhin über den Apparat der Kommunistischen Partei als „Oberster Führer“ verehrt werden. Er will nicht sterben. Die Ideologie seiner Herrschaft kennt kaum Fanatismus, sie ist innerlich ausgehöhlt, ein Relikt vergangener Zeiten. Sehnsucht nach Untergang, wie ihn manche radikalislamischen Dschihad-Krieger haben, ist dem Regime und ihrem Anführer fremd. Er will in Ruhe gelassen werden.

Martialisch inszenierte Militärparaden gehören zur nordkoreanischen Drohkulisse (Bild: AP Photo/Wong Maye-E)

Die Raketen und der Drang nach Atomwaffen dienen ihm zur Abschreckung. Das Regime weiß, wie stark es aus der Zeit gefallen ist, so viel Realitätssinn kommt noch leicht zusammen. Der Apparat fürchtet den Untergang, Kim Jong-un will nicht den Weg Muammar al-Gaddafis gehen, oder Saddam Husseins. Daher will er sein Blatt im internationalen Machtpoker stärken.

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Ferner kann das Regime durch den herauf beschworenen Konflikt mit den USA von inneren Problemen ablenken. Die Bevölkerung in Nordkorea wird nicht erst seit den vergangenen Tagen in der Angst gehalten, die USA wollten sie vernichten; da denkt man weniger daran, wie die eigenen Herrscher einen versklaven.

Zwei sind zwei zu viel

Dass Trump nun die Sprache Kim Jong-uns übernimmt, ist tragisch. Vielleicht will auch er ablenken, sich als Führer stilisieren, vielleicht hat er eine heimliche Leidenschaft für Atomwaffen. Wenn es ganz schlecht läuft, liegt die Welt einem Mann zu Füßen, der gern eine Atombombe zünden würde, aus Lust an der Freud und weil er dann noch größer in die Geschichtsbücher käme. Vielleicht aber ist das alles zu viel der Kaffeesatzleserei und des Unkenrufens, und Trump sieht in Atomwaffen nüchtern ein Druckmittel zur Durchsetzung von Interessen, sprich ein Armdrücken zu seinen Gunsten. Dann wäre nur zu wünschen, dass er sich von seiner eigenen wütenden Rhetorik nicht anstecken lässt – und Nordkorea in einer Woche wieder vergisst, sich anderen Hotspots zuwendet und dort weiterpoltert.

Das Problem dabei ist, dass Poltern das Risiko für Fehlentscheidungen erhöht. Und hier poltern gleich zwei Personen der Zeitgeschichte – eine Eigendynamik ist nicht auszuschließen. Damit sind wir wieder bei den Schweißperlen auf der Stirn. Sie werden uns bleiben, solange dieser Mann im Weißen Haus sitzt.

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