„Die Wiedervereinigung könnte Wirklichkeit werden“


Julie Yoo steht in ihrem kleinen Laden. Draußen tönt dumpf der Atem der Millionenstadt – Autohupen, Gedrängel und Hektik. Hell leuchtende Reklameschilder mit koreanischen Schriftzeichen. Der Duft von asiatischem Essen und fernöstlichen Gewürzen eröffnen eine andere Welt.

In Koreatown in New York verkauft die gebürtige Südkoreanerin Lotteriescheine, Getränke und die „Korea Times“. Seit Wochen spricht die 62-Jährige mit ihrer Familie und ihren Freunden nur über ein Thema: das historische Treffen zwischen dem Präsidenten der Vereinigten Staaten und dem nordkoreanischen Diktator. „Nord- und Südkorea gehören zusammen“, sagt Yoo. „Die Wiedervereinigung könnte Wirklichkeit werden.“

Voller Hoffnung blickt nicht nur Yoo in den USA auf den Gipfel am 12. Juni in Singapur. Knapp 1,4 Millionen Menschen mit koreanischen Wurzeln leben in den USA, rund 200.000 davon in der Metropolregion New York – es ist die zweitgrößte Kommune weltweit. Ein Ortsbesuch an der Schnittstelle zwischen Amerika und Korea.


Der „Koryo Bookstore“ bietet eine große Auswahl: Kochbücher, Mode-Bildbänder oder Romane – auf Koreanisch versteht sich. Die 30-jährige Hee Sun Hwang stöbert in den Büchern. Die Friseurin hat Mitleid mit den Menschen aus Nordkorea. „Sie leben wie im Gefängnis und wissen nicht wirklich etwas von der Welt.“

Sie selbst war noch nie in Nordkorea, kennt aber viele Geschichten. Freunde von ihr waren mal dort. Es soll wunderschön und sauber gewesen sein. Sie hätten aber mit niemandem sprechen dürfen – das sei verboten gewesen.

Nicolai Sprekels, Mitglied und Sprecher des Vorstandes der Stiftung „Saram e.V. – Für Menschen in Nordkorea“, kennt die Schwierigkeiten. „Viele Menschen, die über Nordkorea berichten, waren zwar dort, wurden aber vom Regime auf Schritt und Tritt begleitet. Sie sahen nur das, was sie sehen sollten.“

Dem Gipfel sieht er nüchtern entgegen. Das amerikanische Ziel einer nuklearen Abrüstung Nordkoreas hält er für absolut unrealistisch. Erschreckend sei auch, dass das Thema Menschenrechte nicht auf der Agenda stehe. Wer Nordkorea als Staat verstehen möchte, müsse jedoch die Menschenrechtsverbrechen kennen und wahrnehmen, sagt Sprekels.


Doch von Zweifeln ist in Koreatown wenig zu hören. Die Freude überwiegt. Julie Yoos Laden ist mittlerweile voll. Das Geschäft läuft gut. Sie kassiert, lacht und unterhält sich auf Koreanisch mit Kunden. „Früher war ich zwei bis drei Mal im Jahr in Südkorea. Jetzt habe ich den Laden. Da schaffe ich es nicht so häufig.“

Viele Koreaner in den USA können auf ein erfolgreiches Berufsleben blicken, haben Einfluss und Macht. So auch Nelson Joosuk Chai, früherer Chief Financial Officer der New York Stock Exchange und Sohn koreanischer Einwanderer, oder Do Won Chang, Milliardär und Gründer der Modekette „Forever 21“.

Amerikanische Koreaner preisen Trumps Verhandlungsgeschick

Auffallend ist, dass viele von ihnen – egal wie sie zum US-Präsidenten stehen – sein Verhandlungsgeschick preisen. Trump sei ein Businessman, er werde einen guten Deal verhandeln, glaubt die Studentin und Teeverkäuferin Nalee. Nordkoreas Machthaber Kim habe nicht viele Möglichkeiten, deswegen müsse er Kompromisse finden.

Grundsätzlich denkt sie, dass die junge Generation in großen Teilen gegen eine Wiedervereinigung sei, denn diese habe einfach keinen Bezug mehr zu Nordkorea. „Nord- und Südkorea sind ökonomisch sehr unterschiedlich. Wir müssten die Kosten tragen“, sagt Nalee und fügt an: „Unsere Steuern würden sich stark erhöhen.“ Zudem hätten die wenigsten noch familiäre Bindungen, ist sie sich sicher.

Eine Wiedervereinigung sei unfassbar teuer, pflichtet Nicolai Sprekels der Koreanerin bei. Vieles müsse Südkorea als elftgrößte Wirtschaftsmacht der Welt tragen. Auch wenn die internationale Hilfsgemeinschaft das Vorhaben unterstützen würde, sei es schwierig. „Und da haben wir noch nicht über die ideologischen Unterschiede beider Länder gesprochen.“ Bei der jungen Generation sei einfach oft der Wille zur Wiedervereinigung nicht mehr so stark, außerdem werde das Wissen über Nordkorea immer geringer, meint der Stiftungssprecher.


Tora, Restaurantinhaber und seit den 1980er-Jahren New Yorker, gehört zur älteren Generation. Er ist sich sicher, dass das Gespräch ein großer Schritt in die richtige Richtung wird.

Auch Julie Yoo lebt bereits seit einigen Jahren in New York – sie kam im Jahr 2005. Ihren beiden Söhnen wollte sie eine bessere Schulbildung ermöglichen. Inzwischen sind diese verheiratet – der eine lebt in Virginia, der andere blieb in New York. „Für Koreaner ist Familie und Gemeinschaft wichtig“, sagt die Ladenbesitzerin. „Amerikaner sind da eher auf sich fixiert. Sie sind nicht egoistisch, sehen aber zuerst sich und dann die anderen.“ Das finde sie gar nicht so schlecht, gibt Yoo zu. Die ständige Höflichkeit der Koreaner sei dann doch nicht ganz die Vorstellung ihres Lebens.

Ob sie irgendwann zurück nach Südkorea ziehen würde? Manchmal denkt sie darüber nach. Mittlerweile besitzt sie aber auch die amerikanische Staatsbürgerschaft. Auch wenn die Wiedervereinigung Wirklichkeit werden würde, kann sie es nicht sagen. Sie müsse ja ihren Laden weiter betreiben. Natürlich sei sie noch immer sehr mit ihrer alten Heimat verbunden; schaut beinahe nur koreanische Nachrichten. „Wer weiß, vielleicht irgendwann. Ich werde älter und mal sehen, was die Zukunft bringt.“