So gut war der Osten lange nicht

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So gut war der Osten lange nicht
So gut war der Osten lange nicht

Die kommende Saison in der 2. Bundesliga wird die wohl attraktivste, die Fußball-Deutschland je gesehen hat.

Der FC Schalke 04, der Hamburger SV, Werder Bremen - alle zweitklassig. Nicht viele romantische Fans hätten mit diesem Szenario gerechnet. Der Norden und Westen der Republik wird sich daher vielerorts verstärkt auf die 2. Liga konzentrieren. (Ergebnisse und Spielplan der 3. Liga)

Doch eins darf dabei nicht vergessen werden: Auch der Osten ist so gut vertreten wie schon lange nicht mehr.

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Mit Hansa Rostock und Dynamo Dresden kehren zwei traditionsreiche Vereine in die 2. Bundesliga zurück.

Dresden gelang nach dem Absturz im vergangenen Jahr der direkte Wiederaufstieg. Rostock ist nach neun Jahren in der 3. Liga zurück in der Zweitklassigkeit. Zwischenzeitlich hatte sogar der Sturz in die Viertklassigkeit gedroht.

Thom: "Das ist großartig!"

"Ich freue mich natürlich über die Rückkehr von Dynamo und Hansa in die 2. Liga, das ist großartig. Vor allem für Hansa war es ein langer Weg. Beide Vereine tun der Liga sicher gut", sagte der ehemalige Leverkusener Profi und DDR-Auswahlspieler Andreas Thom im Gespräch mit SPORT1.

"Beides sind Klubs, die ich immer verfolgt habe, keine Frage, ich habe früher selbst gegen beide gespielt. Dann kam die Wende und es gab Probleme bei beiden Vereinen und auch anderen im Osten", fügt der aktuelle Co-Trainer der U17 von Hertha BSC an. (Service: Ergebnisse der 3. Liga)

Auch Claus-Dieter Wollitz, seit 2019 zum dritten Mal Trainer bei Regionalligist Energie Cottbus (zuvor 2009 bis 2011 und 2015 bis 2019), freut sich über die Rückkehrer: "Beide Klubs werden als Traditionsvereine mit vielen treuen Anhängern dieser 2. Bundesliga sehr gut tun", sagt der 55-Jährige bei SPORT1.

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Hansa und Dynamo hätten der 2. Liga "sehr" gefehlt, betont Wollitz: "Für den Fußball-Osten ist es wichtig, dass wieder Mannschaften auf der Landkarte oberhalb der 3. Liga auftauchen."

Vielleicht sogar mehr als das, was Emotionen angeht? Rostocks Jan Löhmannsröben jedenfalls, der zu seiner Zeit beim 1. FC Kaiserslautern mit seiner Cornflakes-Wutrede bekannt wurde, hatte nach dem Aufstieg dazu getönt: "Ich kann euch sagen, dieses Gefühl ist besser als jeder Sex."

Allein: In Rostock randalierten einige "Fans" nach dem Aufstieg und bewarfen Sicherheitskräfte mit Pyrotechnik. Auch in Dresden kam es direkt nach dem Aufstieg zu teilweise schweren Krawallen. Besonders heftig fielen diese in direkter Stadion-Nähe aus.

Am vergangenen Wochenenden empfingen die Fans ihre Mannschaft dann aber friedlich.

Kontinuität als Erfolgsrezept in Rostock

Rostock musste durch ein langes und tiefes Tal der Tränen. 2008 war "die Kogge" aus der Bundesliga abgestiegen. Seitdem hatte der Klub einen unkoordinierten Fall erlebt. Hansa stieg in die 3. Liga ab, kam zurück, stieg wieder ab, verhinderte dann nur knapp den Sturz in die Regionalliga - - und ist nun wieder in der 2. Liga.

In Rostock haben es die Verantwortlichen geschafft, Kontinuität in den Klub zu bringen. Die Mecklenburger Jens Härtel (Trainer) und Martin Pieckenhagen (Sportvorstand) tun dem Klub spürbar gut.

Härtel hat 91 Zweitligaspiele absolviert, Pieckenhagen stand bei 215 Bundesligaspielen zwischen den Pfosten - unter anderem bei Hansa und dem HSV. Seit Januar 2019 sind die beiden in Rostock am Ruder und haben den Klub zurück in ruhiges Fahrwasser geführt. So ruhig, wie es in der Fußball verrückten Region eben möglich ist.

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"Wir haben uns damals schon auf die Fahnen geschrieben, hier Konstanz rein zu bringen", sagte Pieckenhagen jüngst im NDR-Fernsehen.

Am Pfingstmontag war Härtel 867 Tage lang im Amt. Länger schaffte es seit der Wiedervereinigung nur Klub-Legende Frank Pagelsdorf bei seinen Engagements von 1994 bis 1997 (1095 Tage) und von 2005 bis 2008 (1183 Tage).

Wollitz: Das ist sehr respektabel"

"In Rostock haben sie das in den vergangenen Jahren kontinuierlich aufgebaut, da war schon ein gewisser Trend zu sehen", findet denn auch Wollitz bei SPORT1. "Dass man einen Aufstieg nicht planen kann - in der heutigen Zeit noch weniger als früher -, ist das eine, aber sie haben viel dafür getan, dass es jetzt geklappt hat. Das ist sehr respektabel."

Für ihn ist im Osten "ein gewisser Aufwärtstrend" erkennbar, "der hoffentlich anhält und perspektivisch auch wieder mehr als eine Mannschaft aus dem Fußball-Osten in die Bundesliga bringt. Wir werden die Entwicklung der Klubs, insbesondere in der 3. Liga, beobachten. Es ist schön, dass keine der Mannschaften abgestiegen ist."

Wie nachhaltig der Erfolg in Dresden sein wird, muss Dynamo noch beweisen. Mit dem gebürtigen Augsburger Alexander Schmidt scheinen die Verantwortlichen aber einen passenden Coach gefunden zu haben.

"Ost-West-Denken ein müßiges Thema"

Wollitz hat nur ein Problem und erklärt dabei seine Liebe für Cottbus: "Ich mag es generell nicht, dass es oftmals immer noch dieses 'Ost-West-Denken' gibt und dass in gewissen Punkten tatsächlich nicht alle gleich behandelt werden."

Für ihn gehe es auch gar nicht um den Osten, "sondern speziell um Cottbus, um Energie. Ich hatte hier tolle Jahre, die Menschen sind toll und ich liebe diese Stadt. Im Gegensatz zu dem, was einige von Vorurteilen behaftet denken mögen, kann man in Cottbus sehr gut leben".

Die Fans von Dynamo und Hansa träumen davon, die Drittklassigkeit für immer hinter sich gelassen zu haben. "Nie mehr 3. Liga", schallte es durch Dresden. Das bleibt abzuwarten. Sicher ist allerdings, dass die 2. Bundesliga zwei Klubs zurückbekommt, die auf keinen Fall für Langeweile stehen. Vielmehr für Tradition, Emotion und Leidenschaft.

"Ich denke der Aufstieg jetzt kann dem gesamten Ost-Fußball einen Push geben", hofft Thom, ergänzt aber auch: "Erstmal heißt es kleine Brötchen backen." In der wohl besten 2. Liga aller Zeiten.