Wie es ist während eines Amoklaufs Krankenschwester zu sein: „Was ich sah war schlimmer als alles, worauf ich mich je vorbereiten hatte“

Trauma-Krankenschwester Julie Naderson, rechts, am 3. Oktober 2017 im Traumazentrum des University Medical Center in Las Vegas, nachdem ein Mann das Feuer auf ein Countrymusikkonzert eröffnet hatte. (Photo: AP)

Der Schütze, der am Mittwoch an einer Highschool in Florida das Feuer eröffnete und dabei 17 Menschen tötete und mindestens ein Dutzend weiterer verletzte, löste eine Reihe von Ereignissen aus, die – in den Vereinigten Staaten – tragischerweise fast selbstverständlich geworden sind.

Laut Mother Jones gab es seit 1982 97 Amokläufe – Vorfälle, die als „willkürliche Raserei in öffentlichen Orten, die mit vier oder mehr durch den Angreifer getöteten Opfern enden“. Für den durchschnittlichen Amerikaner sind diese Tragödien schockierend, beunruhigend und sogar traumatisierend. Aber für das medizinische Personal, das dem Trauma begegnet – und darum kämpft, die Opfer zu retten – ist es eine entsetzliche Erfahrung, die sich nicht leicht abschütteln lässt.

Eine im International Journal of Nursing veröffentlichte Studie aus dem Jahr 2012 fand heraus, dass die Verwicklung in verstörende Ereignisse zu posttraumatischen Stressreaktionen wie Angstzuständen und Depressionen führen kann. Besonders traumatisierend sind laut den Forschern plötzliche Tode oder schwere Verletzungen junger Menschen.

Während die Krankenschwestern in Florida am Mittwoch höchstwahrscheinlich genau das durchmachen mussten, waren Krankenschwestern in Las Vegas zur selben Zeit dabei, sich von dem Trauma zu erholen, das sie am 1. Oktober 2017 erlitten hatten. Ein Schütze hatte bei einem Konzert das Feuer auf die Zuschauer eröffnet und 58 Menschen getötet. Die Mitarbeiter des University Medical Center in Las Vegas hatten gezielt den Valentinstag – einen „Tag, der mit Liebe verbunden wird“ – für eine Veranstaltung ausgewählt, welche den Krankenschwestern, die während dem Amoklauf Dienst hatten, Trost spenden sollte.

LeAnn Thieman, eine erfahrene Krankenschwester und Autorin der “14 Chicken Soup for the Soul”-Bücher, sagte im Gespräch mit den Teilnehmenden, dass jene in Folge solcher Tragödien daran denken müssten, sich um sich selbst zu kümmern. Sie könne sich „nicht vorstellen, wie schrecklich“ der 1. Oktober für sie gewesen sein müsse, sagte Thieman den Krankenschwestern. „Die ganze Welt hat euch zugesehen und die Kerze gesehen, die ihr angezündet habt. Ihr habt die ganze Welt mit dem, was ihr tut, inspiriert.“

Unter Krankenschwestern ist die Behandlung von Opfern eines Amoklaufes zu einer vereinenden – wenn auch schmerzhaften – Erfahrung geworden. Berichten zufolge senden die Krankenschwestern des Krankenhauses in Aurora, Colorado, wo nach einem tödlichen Amoklauf 2012 die Opfer behandelt wurden bei jeder neuen Tragödie ein Banner mit ihren Unterschriften und Namen an das Team jenes Krankenhauses, in dem die Opfer behandelt werden. „Dies ist unsere Art zu sagen, dass wir ein Teil einer einzigartigen Gruppe sind, die versteht, was sie durchmachen“, erklärte Stephanie Manley, Leiterin des Community und Volunteer Services am Medical Center von Aurora.

Während die Gemeinschaft in Parkland, Florida, versucht, das Geschehene zu verarbeiten, geben wir Ihnen hier einen Einblick in das, was Krankenschwestern bei ihrem Einsatz während solcher Tragödien durchmachen müssen.

Dean Harris, die mobile Krankenschwester arbeitete am 1. Oktober im University Medical Center in Las Vegas, als ein Schütze das Feuer auf eine Menge Konzertbesucher eröffnete und dabei 58 Menschen tötete und über 500 verletzte:

“Wir mussten so schnell handeln und da war einfach nicht genug Platz in den Notaufnahmen … Sie begannen Notizen auf die Stirn von Leuten zu schreiben um zu sagen, wenn du dies liest, schick sie da und da hin. Leute, denen ins Bein geschossen wurden saßen einfach nur auf dem Gang auf Stühlen. Wir versuchten einfach nur, das Loch schnell zu flicken, um sie zu stabilisieren“, sagte Harris den Lokalnachrichten. „Ich selbst, einige weitere Krankenschwestern und ein Arzt waren da draußen und schmissen Mull und Pflaster auf Leute und zerschnitten Kleidung, um herauszufinden wo die Wunde überhaupt war.“

Renae Huening, Trauma-Krankenschwester in einer nahegelegenen Einrichtung namens Sunrise Hopsital in Las Vegas:

“Da war wortwörtlich eine Blutspur, die vom Parkplatz aus ins Krankenhaus führte. Die Leute kamen auf den Ladeflächen von Trucks an, in Limousinen, in Uber-Taxis“, erzählte Heunig der Washington Post in einem Video. „Sie kamen zu viert, zu sechst, zu acht. Wir schnappten die Leute so schnell wir konnten und brachten sie ins Gebäude, damit wir sie stabilisieren konnten…ich hätte nie damit gerechnet, dass es solche Dimensionen haben würde.“

Elisabeth Brown, Notaufnahme-Krankenschwester im Orlando Regional Medical Center, das ein paar Blocks vom Pulse Nachtclub entfernt liegt, in dem im Juni 2016 49 Menschen getötet und über 50 verletzt wurden:

“Unser erster Patient kam und wir machten uns an die Arbeit. Das ist es, was wir in der Notaufnahme machen“, sagte Brown, als sie sich gemeinsam mit weiterem medizinischen Personal an die Tragödie erinnert. „Wir fingen also an und dann kam der nächste Patient rein. Und dann ein weiterer. Und noch einer und es hörte einfach nicht auf und sie hatten Wunden, die ich so noch nie zuvor gesehen hatte. Ich bekam es mit der Angst zu tun und ich sah den anderen Krankenschwestern in die Augen und auch sie hatten Angst.“

Julie Workman, Krankenschwester der First Baptist Church in Sutherland Springs, Texas, wo im November 2017 25 Menschen getötet und 20 verletzt wurden:

Nachdem sie angeschossen worden war, rannte Workman zu ihrem Auto und schnappte sich Lappen, um sie als behelfsmäßige Abschnürbinde zu verwenden. „Sie bringen einem bei, an jenen vorbeizugehen, denen du nicht mehr helfen kannst und dich um die Lebenden zu kümmern“, erzählte Workman den San Antonio Express-News. Das ist es, auf was ich mich konzentriert habe. Ansonsten wäre ich durchgedreht. Was ich sah war schlimmer als alles, worauf ich mich je vorbereitet hatte.“

Connie Cunningham, Krankenschwester und Executive Director eines Notfall- und Trauma-Dienstes am Loma Linda University Medical Center, das ein paar Kilometer entfernt von San Bernardino, Kalifornien, liegt, wo bei einem Amoklauf 2015 14 Menschen getötet und 20 verletzt wurden:

„Das war der schlimmste Teil des Tages“, erzählte Cunningham Nurse.com über den Augenblick als Menschen kamen und nach ihren Geliebten suchten. „Der Bauch sagt einem, dass sie noch immer im [anderen] Gebäude sind … Es war das schlimmste Gefühl von Hilflosigkeit der Welt, wenn man sagen musste: ‚Deine Mutter ist nicht im Krankenhaus.‘ Du realisierst, dass alle, die noch dort sind, verstorben sind und es gibt nichts, was du ihnen sagen kannst.“

Nancy Bowman, die Krankenschwester war während eines Amoklaufs 2011 auf dem Safewar Markt in Tucson, Arizona, auf dem sechs Menschen getötet und mehr als ein Dutzend – darunter auch die ehemalige Abgeordnete Gabrielle Giffords – verletzt wurden:

„Die Leute lagen einfach auf dem Betonboden. Ich musste meine nicht sterilen, nicht in Handschuhe verpackten Finger in Schusswunden stecken“, erzählte sie Nurse.com. „Wenn man eine Krankenschwester ist, dann bleibt man ruhig. Krankenschwestern haben im Allgemeinen so viel mehr Kontakt mit ihren Patienten und deren Familien als Ärzte. Sie trauern bei einem Tod ein wenig länger.“

Anna Marie Hamel, leitende Krankenschwester der Notaufnahme im Swedish Medical Center nahe der Columbine Highschool in Colorado, wo 1999 13 Menschen getötet und 20 verletzt wurden:

„Wir hatten eine spezielle Telefonnummer eingerichtet und hatten eine Liste auf der Stand, wohin die Verletzten gebracht worden waren”, erzählte Hamel der Denver Post. „Das Schlimmste war, wenn ich auf die Frage, ob wir jemanden als Patienten hatten sagen musste, dass derjenige nicht auf der Liste stand. Nach dem Auflegen realisierte ich, dass ich ihnen wahrscheinlich die schlimmsten Nachrichten ihres Lebens überbracht hatte.“

Abby Haglage

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