Wie ein Pizzabote die schusssichere Weste erfand

Moritz Piehler
·Freier Autor
·Lesedauer: 3 Min.

Es ist eine Geschichte, wie aus einem Hollywood-Film. Ein Pizzalieferant aus Detroit wird angeschossen und erfindet daraufhin die moderne schusssichere Weste.

Die nur leicht nachgebesserte Version von Davis' Kevlar-Weste wird noch heute von Polizei und Militär auf der ganzen Welt verwendet. (Bild: REUTERS/Rick Scuteri)
Die nur leicht nachgebesserte Version von Davis' Kevlar-Weste wird noch heute von Polizei und Militär auf der ganzen Welt verwendet. (Bild: REUTERS/Rick Scuteri)

In der Geschichte von Richard Davis kommen zahlreiche Zufälle zusammen. An deren Ende aber steht eine der erstaunlicheren Erfinderstorys des 20. Jahrhunderts. Davis lebte als junger Mann in den Siebziger Jahren in Detroit im US-Bundesstaat Michigan. Die Stadt galt als Herzstück der Autoindustrie und als ziemlich hartes Pflaster. Nachdem Davis eine zeitlang als US Marine in der Armee gedient hatte, versuchte er sich nun in der Gastronomie über Wasser zu halten. Als Pizzabote war er in allen Vierteln Detroits unterwegs. Mehrfach wurde er bei Auslieferungen überfallen oder angegriffen, so dass er sich schließlich nur noch bewaffnet auf seine Fahrten traute.

Eine Schießerei führt zur Erfindung

Bei einer seiner Bestellungen lauerten ihm bewaffnete Männer in einer Seitenstraße auf, es kam zu einem Schusswechsel, bei dem Davis am Bein getroffen wurde und drei der Männer verwundete. Nach dem Zwischenfall wurde seine Pizzeria abgebrannt, während er sich von den Verletzungen erholte. Davis stand vor dem Nichts, all sein Erspartes steckte in der Pizzeria.

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Gleichzeitig wurde in der Autoproduktion nahe seines Wohnorts an einem neuen Material für Reifen experimentiert. Dieser Zufall wurde für Davis zum Glücksfall. Nachdem er bei der Schießerei nur knapp mit dem Leben davon gejommen war, beschloss er, an einem Körperschutz gegen Schusswaffen zu arbeiten. Das neue Material schien dafür perfekt geeignet. Extrem leicht und flexibel, dabei aber belastungsfähig und nahezu undurchdringbar. Fünf mal solider als Stahl sollte dieses Material namens Kevlar sein.

Spektakulärer Selbstversuch

Der Grund, warum das neuartige Nylon-Material so gut funktioniert, ist die dicht verwobene Struktur von Kevlar, durch die die Aufprallwucht der Kugel absorbiert werden kann. Nach der Erfindung produzierte der Erfinder sogar ein eigenes Werbevideo, dass in diesem Interviewfilm mit dem Smithsonian zu sehen ist. Er nennt seine Erfindung “Second Chance”. Für den Vorführeffekt schoss sich der junge Davis vor der Kamera selbst in die Brust.

Davis überlebt, in dem Video ist zu sehen, dass die Kugel aus nächster Distanz abgefeuert nur einen blauen Fleck hinterlässt. Danach führte er seine schusssichere Weste noch unzählige Male im ganzen Land vor. Über 200 Mal habe er auf sich geschossen, erzählt Davis in dem Interview. “Das erste Mal war Wissenschaft, die nächsten zweihundert waren Show Business,” gibt er zu. Doch die Show hatte durchaus ihren Zweck und erfüllte ihn. Denn Davis präsentierte seine Erfindung vor Polizisten quer durch die USA und diese waren überzeugt. Nachdem er zunächst versucht hatte, die “Second Chance”-Weste von Tür zu Tür an Polizeistationen zu verkaufen, waren die beeindruckenden Selbstversuche das richtige Mittel, um Aufmerksamkeit für sein Produkt zu erregen.

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Inzwischen ist aus der Firma eine riesige Erfolgsgeschichte geworden, Kevlar-Westen gehören längst zum Standard. 2005 verkaufte Davis seine Firma für 45 Millionen US-Dollar. Ob unter den Käufern der Weste besonders viele Pizzaboten waren, ist nicht bekannt.

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