Wie die iranische Mode trotz strenger Kleiderordnung floriert

Street Style in Teheran. (Bild von Hoda Katebi)

Seit der Revolution im Jahr 1979, bei der eine islamische Regierung an die Macht kam, unterliegen die Frauen im Iran einer strengen Kleiderordnung, gemäß der sie Kopftuch und Mantel („Manteau“ genannt) tragen müssen.

Im Lauf der Jahre widersetzten sich die Frauen diesen Vorschriften sowohl insgeheim als auch öffentlich – auf das Risiko hin, von der Geheimpolizei, die im ganzen Land die Straßen in Dörfern und Städten kontrolliert, entdeckt, verhaftet und möglicherweise sogar mit Gefängnis bestraft zu werden. Die strenge Kleiderordnung sorgte im Iran jedoch auch für das Aufkommen einer spannenden, unverwechselbaren Modeszene: iranische Designer arbeiten im Verborgenen oder auch ganz offen an Kleidung, die der Kleiderordnung zwar entspricht, es aber dennoch erlaubt, Kreativität zu zeigen und den iranischen Frauen eine Möglichkeit gibt, ihre Individualität auszudrücken.

Das Meer aus Mänteln und Kopftüchern, das man auf Teherans Straßen sieht, besteht aus ganz unterschiedlichen Farben, von Bonbonrosa bis knalligem Türkis. Einige der jüngeren Frauen tragen ihre knopflosen Mäntel offen über zerrissenen Jeans und kombinieren dazu Sandalen. Besonders Mutige tragen kürzere Mäntel, die nicht über das Knie reichen. Beide Stile sind eine deutliche Abkehr vom traditionellen Look. Was den „Manteau“ betrifft, so sind die Designs sehr vielfältig: einige sind bestickt, andere bestechen durch ihren asymmetrischen Saum. Ab und zu sieht man auch großzügig geschmückte Mäntel, dessen Motive von der Geschichte des Landes und seiner reichen, traditionellen Kultur inspiriert sind. Die deutsch-iranische Fotografin Samaneh Khosravi fing mit ihrer Kamera sogar einige Mäntel ein, die amerikanische Ikonen wie Marilyn Monroe zierten.

Im Iran definiert sich Street Style besonders durch die Details. (Bild von Samaneh Khosravi)

Khosravi, die seit mehr als sieben Jahren in Deutschland lebt, sagt, sie sei überrascht gewesen, als Freunde in Iran ihr von diesem Schönheits- und Modekult erzählten, der trotz der Einschränkungen durch die Regierung aufkam. 2015 habe sie beschlossen, in den Iran zu reisen, um das Phänomen mit eigenen Augen zu sehen.

Mode trotz Einschränkungen

„Die Welt hat diese Vorstellungen von den iranischen Frauen, die völlig im Kontrast zur Realität stehen“, sagt Khosravi, die ihre Fotos über die moderne Mode und die Schönheitsideale im Iran in einem Buch mit dem Titel Among Women veröffentlichte. „Im Iran findet man unterschiedliche Perspektiven von Schönheit sowie Schönheitsideale, die man im Westen nicht wirklich kennt.“

Im Iran, erzählt Mahtab, eine stilbewusste Studentin aus dem Teheran gegenüber Yahoo Lifestyle, „entwickelt sich Mode trotz Einschränkungen“.

Street Style in Teheran (Bild von Hoda Katebi)

Möglich wird dies vor allem durch Modedesigner, die im Untergrund arbeiten. Ihre Kreationen sind heiß begehrt bei den jungen Iranerinnen, die innovative Wege suchen, um die Grenzen der staatlichen Kleiderordnung auszureizen.

Es ist nicht leicht, Irans Untergrund-Designer zu finden: Sie arbeiten in ihren eigenen vier Wänden oder mit privaten Instagram-Profilen, verrät Hoda Katebi, eine iranische Aktivistin und Gründerin des Mode- und Aktivismusblogs JooJoo Azad. Katebi lebt in den Vereinigten Staaten, verbrachte jedoch lange Zeit im Iran. Erst kürzlich traf sie sich im Zuge einer Reise in den Iran mit vielen Untergrund-Designern, die in privaten Räumen exklusive Modeschauen für geladene Gäste abhalten. Oft sind Zuschauer beider Geschlechter vertreten, was im Iran verboten ist. Die Designer haben einen treuen Kundenstamm, die ihre Kreationen kaufen und tragen.

Street Style in Teheran (Bild von Hoda Katebi)

Katebi bildete viele ihrer liebsten iranischen Street Style Looks in ihrem Buch Tehran Streetstyle ab, das 2016 erschien. „Ich denke zwar, dass eine gesetzliche Kleiderordnung falsch ist“, sagt Katebi, „doch ich habe während meiner Zeit im Iran gelernt, dass Schönheit und Sittsamkeit einander nicht ausschließen und in vielen unterschiedlichen, aufregenden Formen koexistieren können.“

Kleidung testet Grenzen des Systems aus

Viele Kleidungsstücke gehen an die Grenze des Erlaubten. Nehmen wir beispielsweise den oben erwähnten Marilyn-Monroe-Mantel: Das begehrte, aber schwer aufzuspürende Stück wurde Khosravi zufolge nur privat vom Designer persönlich verkauft. „Es ist ein Beispiel einer wirklich einzigartigen Kreation, die zwar die allgemeine Vorschrift für sittsame Kleidung und den Manteau respektiert, aber dennoch an die Grenzen des Erlaubten geht“, so Khosravi.

Die Tatsache, dass das Sittsamkeitsgebot der iranischen Regierung so allgemein gehalten ist, birgt ein gewisses Risiko: sowohl für die Trägerin, die von der patrouillierenden Kleiderpolizei aufgehalten werden könnte, weil die Kreation in deren Augen einen Verstoß gegen die Kleiderordnung darstellt, als auch für den Designer, dessen Geschäft geschlossen werden könnte, insbesondere wenn er ein öffentliches Instagram-Profil mit einer großen Fangemeinde hat und dadurch die Aufmerksamkeit der Regierung auf sich zieht.

Das Fehlen klarer Grenzen ist auch ein Hindernis für Modefotografen. Kourosh Sotoodeh, ein iranischer Modefotograf, der in New York lebt, begann seine Karriere im Iran, doch er hatte schon bald das Gefühl, in seinem künstlerischen Ausdruck und in der Wahl seiner Motive zu stark eingeschränkt zu werden. Schließlich verließ Sotoodeh den Iran, wo seine Webseite heute verboten ist. „Da die Regeln nicht klar sind, war ich manchmal nicht sicher, ob meine Arbeit gegen die iranischen Gesetze verstößt… und das ist der Moment, in dem man entscheidet, ob man einen bestimmten Weg als Künstler einschlagen will oder nicht“, sagt er.

Doch obwohl geheime Agenten sie bespitzeln, finden modebewusste Iranerinnen ständig neue Wege, ihre Persönlichkeit auszudrücken und mit ihrer Kleidung an die Grenzen des Möglichen zu gehen.

Savita Iyer

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