"Wichtig, dass Frauen rund um dieses Event präsent sind"

Eine Frau, über die man im Zusammenhang mit der schwierigen Fußballball-WM 2022 uneingeschränkt freuen kann: Torhüterin und Fernseh-"Supertalent" Almuth Schult arbeitet wieder als TV-Expertin für "Das Erste". (Bild: SWR / WDR / Guido Rottmann)
Eine Frau, über die man im Zusammenhang mit der schwierigen Fußballball-WM 2022 uneingeschränkt freuen kann: Torhüterin und Fernseh-"Supertalent" Almuth Schult arbeitet wieder als TV-Expertin für "Das Erste". (Bild: SWR / WDR / Guido Rottmann)

Ab Mittwoch, 23. November, wird die ehemalige Welttorhüterin und Fußball-Expertin Almuth Schult an ARD-WM-Abenden an der Seite von Alexander Bommes über Fußball und mehr reden. Vorab ein Gespräch über das Katar-Dilemma, die plötzliche "Weiblichkeit" der Fußball-Talks und Mütter als Profi-Kicker.

Bei der im vergangenen Jahr "nachgeholten" Fußball-EM 2020 der Männer war sie einer der Stars - obwohl die ehemalige Welttorhüterin Almuth Schult logischerweise nicht mitkickte und in einer völlig neuartigen Rolle zu sehen war: als TV-Expertin bei Spielen im Ersten, wofür die heute 31-Jährige von fast sämtlichen Medien abgefeiert wurde. Dass eine Newcomerin derart sympathisch, natürlich und gleichzeitig inhaltlich hochinteressant Fußball vor der Kamera erklärt, hat viele Menschen beeindruckt. Klar, dass die ARD die Mutter zweijähriger Zwillinge auch bei der WM in Katar 2022 wieder dabei haben wollte. Ab Mittwoch, 23. November, ist die ehemalige Wolfsburgerin, die zuletzt in Los Angeles Fußball spielte, an ARD-Abenden an der Seite von Alexander Bommes auf Sendung.

teleschau: Sie haben bei der letzten EM viel Lob für Ihren Expertinnen-Job vor der Kamera bekommen. Wie hatten Sie sich vorbereitet?

Almuth Schult: Ich habe mich inhaltlich auf die Spiele der Europameisterschaft vorbereitet. Dasselbe werde ich jetzt auch wieder bei der Weltmeisterschaft in Katar tun. Ich bin aber nicht zu einem Coach gegangen, der mir Dinge wie Authentizität, Natürlichkeit oder Darstellung beibringen sollte.

teleschau: Also sind Sie ein Naturtalent vor der Kamera?

Almuth Schult: Ich bin vom Typ eher reflektiert. Wenn ich früher einen Auftritt vor der Kamera hatte, habe ich mir das hinterher angeschaut und darauf geachtet, wie ich rüberkomme. Ich habe mir dazu auch mal eine professionelle Meinung abgeholt. Dabei ging es eher darum, was mir an mir gefällt oder nicht gefällt. Also solche Klassiker wie "zu viele Füllworte" in der Sprache. Solche Dinge machen viel in der Wirkung aus. Ansonsten ist mein Ziel, dass ich vor der Kamera so rüberkomme, wie ich auch wirklich bin.

Profi-Fußballerin Almuth Schult über arabische Sportlerinnen: "Meistens treiben Frauen alleine Sport, ohne die Männer. Sie entwickeln dadurch aber auch schneller Selbstbewusstsein - weil sie in der Situation befreit sind. Keiner ist da, der auf sie aufpasst oder über sie bestimmt. Sie treffen im Sport ihre eigenen Entscheidungen." (Bild: SWR/WDR/Guido Rottmann)
Profi-Fußballerin Almuth Schult über arabische Sportlerinnen: "Meistens treiben Frauen alleine Sport, ohne die Männer. Sie entwickeln dadurch aber auch schneller Selbstbewusstsein - weil sie in der Situation befreit sind. Keiner ist da, der auf sie aufpasst oder über sie bestimmt. Sie treffen im Sport ihre eigenen Entscheidungen." (Bild: SWR/WDR/Guido Rottmann)

"Den arabischen Einfluss hatten wir bei einem WM-Turnier noch nie"

teleschau: Fanden Sie sich denn ebenso toll, wie es die hymnischen Kritiken vor einem Jahr auf Sie formulierten?

Almuth Schult: Ich glaube, wenn im Vordergrund steht, dass man sich selbst toll findet, wäre das sehr bedenklich. Ich hatte sehr viel Freude an der Arbeit und Spaß mit den Kollegen, das ist das wichtigste. Das Zusammenspiel im Team vor und hinter der Kamera hat perfekt funktioniert, dafür bin ich dankbar.

teleschau: Katar 2022 ist nun keine WM wie jede andere. Da ist zum einen der Termin im Winter, zum anderen der sehr umstrittene Ausrichter. Haben diese Umstände eine Rolle bei Ihrer Entscheidung gespielt?

Almuth Schult: Natürlich hat das eine Rolle gespielt und ich habe tatsächlich lange überlegt, ob ich es mache oder nicht. Die Bedingungen rund um den Bau der Stadien und die Menschenrechte sind befremdlich. Dennoch versuche ich grundsätzlich, Dinge positiv zu sehen und ihnen eine Chance zu geben. Deshalb finde ich es auch interessant, mal eine WM im europäischen Winter zu spielen, weil ich wissen will, was das mit uns macht. Das gab es ja so noch nie. Auch den arabischen Einfluss hatten wir bei einem WM-Turnier noch nie. Die Turniere fanden in Europa und Südamerika statt, nur jeweils einmal in Asien, Nordamerika und in Südafrika. Wobei Südafrika vielleicht noch das "europäischste" Land in Afrika ist. Bei aller berechtigten Kritik an Katar: Große Teile der Welt wurden in der langen Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaften noch nicht abgebildet.

teleschau: Kritiker bemängeln, es gäbe in Katar keine richtige Fußballkultur ...

Almuth Schult: Gerade das kann interessant sein, wie beispielsweise die Atmosphäre - auch für die anreisenden Fans - dort aussehen wird. Wie man mit ihnen umgeht, was sie selbst dabei empfinden. Natürlich war der Fußball auf der arabischen Halbinsel lange Zeit nicht "groß", aber er hat sich auch entwickelt. Auch die arabische Kultur interessiert mich. Es wird immer viel über den Umgang mit Frauen diskutiert. Auch das ist ein Grund für meine Teilnahme: Es ist wichtig, dass Frauen rund um dieses Event präsent sind.

Trotz Zwillingsgeburt im Frühjahr 2020 wieder professionell am Ball: Almuth Schult. Die heute 31-Jährige war vor ihrem Wechsel in die US-amerikanische Profiliga im Sommer 2022 tatsächlich die einzige Mutter in der deutschen Frauen-Bundesliga! (Bild: SWR/WDR/Guido Rottmann)
Trotz Zwillingsgeburt im Frühjahr 2020 wieder professionell am Ball: Almuth Schult. Die heute 31-Jährige war vor ihrem Wechsel in die US-amerikanische Profiliga im Sommer 2022 tatsächlich die einzige Mutter in der deutschen Frauen-Bundesliga! (Bild: SWR/WDR/Guido Rottmann)

"Meistens treiben Frauen alleine Sport, ohne die Männer"

teleschau: Sie selbst reisen allerdings nicht nach Katar, sondern sitzen in einem deutschen Fernsehstudio ...

Almuth Schult: Trotzdem ist es wichtig, dass beispielsweise die Kataris mitbekommen, dass Frauen in den übertragenden ausländischen Fernsehstationen präsent sind. Auch, dass sie über Männer urteilen oder Männern Anweisungen geben. Ich möchte ein bisschen dazu beitragen, dass Frauen in Katar mehr gesehen werden, dass sie mehr Rechte bekommen. Letztendlich geht das nur, wenn sie mehr Selbstbewusstsein entwickeln. Deshalb liebe ich den Sport so sehr, denn er ist ein toller Katalysator, damit Frauen ein besseres Selbstwertgefühl entwickeln.

teleschau: Was wissen Sie über Sport von Frauen in der arabischen Welt?

Almuth Schult: Ich habe versucht, mich damit zu beschäftigen, weil ich das Thema schon immer interessant fand. Meistens treiben Frauen alleine Sport, ohne die Männer. Sie entwickeln dadurch aber auch schneller Selbstbewusstsein - weil sie in der Situation befreit sind. Keiner ist da, der auf sie aufpasst oder über sie bestimmt. Sie treffen im Sport ihre eigenen Entscheidungen.

teleschau: Gibt es auch weiblichen Mannschaftssport?

Almuth Schult: Ja, den gibt es. Ich habe selbst die afghanische Fußballnationalmannschaft der Frauen spielen gesehen, das war natürlich vor der Rückkehr der Taliban. Sie waren hier in Deutschland und testeten gegen einen regionalen Verein. Die arabischen Fußballerinnen tragen lange Kleidung: unter der kurzen Fußballhose lange Tights und natürlich auch lange Ärmel, weil die Haut bedeckt sein muss bis auf Gesicht, Füße und Hände. Sie tragen auch ein spezielles Sport-Kopftuch, das in der Bewegung nicht verrutscht. Trotzdem hat man das Gefühl, die Frauen gehen beim Fußballspielen aus sich heraus. Sie tragen andere Klamotten als wir, aber sie sind so frei in diesem Moment, wie andere Frauen auch. Ich weiß von Spielerinnen des FC Bayern München, dass sie mit einheimischen Mädchen im arabischen Raum trainiert haben und dass das für alle Beteiligten eine tolle Erfahrung war.

Ein Bild aus alten Wolfsburger Tagen: Almuth Schult in Aktion. 2014 wurde die Norddeutsche gemeinsam mit der Amerikanerin Hope Solo zur Welttorhüterin des Jahres gewählt. (Bild: Joachim Sielski/Getty Images)
Ein Bild aus alten Wolfsburger Tagen: Almuth Schult in Aktion. 2014 wurde die Norddeutsche gemeinsam mit der Amerikanerin Hope Solo zur Welttorhüterin des Jahres gewählt. (Bild: Joachim Sielski/Getty Images)

"Die Menschen freuen sich, wenn etwas mehr Diversität herrscht"

teleschau: Finden Sie es schwierig, dass sie die WM aus der Ferne kommentieren und beurteilen müssen?

Almuth Schult: Ideal ist es für die Beurteilung nicht, aber wer weiß: Vielleicht fahren wir ja doch noch für ein, zwei Spiele hin. Es gab da Überlegungen, aber ich weiß nicht, wie momentan der Stand der Dinge ist. Andererseits weiß ich nicht, ob ich nach den Aussagen Salmans (des katarischen WM-Botschafters, d. Red.) mich so wohl in diesem Land fühlen würde. Es ist auf jeden Fall wichtig, dass überhaupt Frauen aus Deutschland vor Ort präsent sind. Esther Sedlaczek wird für die ARD in Katar sein, was mich sehr freut, weil sie im Stadion ist und vor der Kamera das Geschehen leiten wird.

teleschau: Auch abseits der Katar-Diskussion fällt auf, dass immer mehr Frauen im Fußball vor die Kamera treten. Nicht nur als Ansagerinnen oder für Field-Interviews, sondern als Expertinnen in Gesprächsrunden. Wie wichtig ist das?

Almuth Schult: Es ist auffällig, dass die Sender das forcieren. Angefangen hat es mit der EM im letzten Jahr. Es ist schön, dass Frauen im Fußball mehr gewollt sind. Die Menschen freuen sich, wenn etwas mehr Diversität herrscht. Amazon Prime hat jetzt immer eine Frau in der Runde, bei Sky ist es ebenfalls schon normal, dass dort Frauen wie Julia Simic oder Tabea Kemme in der Gesprächsrunde sitzen. Ich habe neulich mein Debüt bei DAZN gegeben. Das alles ist eine sehr positive, aber auch überfällige Entwicklung. Noch vor fünf Jahren wären all die genannten Sender niemals auf die Idee gekommen, statt einem Experten eine Expertin vor die Kamera zu holen.

teleschau: Die EM 2022 in England gilt als Wendepunkt des deutschen Frauenfußballs. Zum ersten Mal war Ihr Sport hierzulande ein Massen-Event. Sowohl in Sachen Einschaltquoten wie auch der Begeisterung im Land. Sind Sie zufrieden mit den Nachwirkungen der EM, zum Beispiel dem neuen TV-Vertrag der Frauen-Bundesliga?

Almuth Schult: Ich bin zwiegespalten. Für die Sichtbarkeit des Frauenfußballs und von Frauen im Fußball allgemein war das Turnier sehr wichtig. Es gibt auch sehr positive Folgen wie zum Beispiel neue Zuschauerrekorde bei gleich mehreren Vereinen der Bundesliga. Da wurden Marken gerissen, die zum Teil zehn Jahre und mehr bestanden. Einige Frauenteams haben nun endlich in den großen Arenen der Männer spielen dürfen. Wir hoffen natürlich, dass die Zuschauerentwicklung nachhaltig ist. Der neue TV-Vertrag ist ein nächster Schritt. Es gibt mehr Geld, aber wir sind immer noch ziemlich hinterher mit der Liga, wenn man es damit vergleicht, was in England oder Spanien gezahlt wird.

Setzt sich auch mal ironisch - aber immer mit guten Argumenten - für die Gleichberechtigung von Frauen im Fußball ein: Almuth Schult (rechts) in einem - mittlerweile fast schon legendären - Werbespot der DFB-Frauen, der klug mit Klischees rund um Frauen und Fußball spielte.  (Bild: Youtube / Commerzbank AG)
Setzt sich auch mal ironisch - aber immer mit guten Argumenten - für die Gleichberechtigung von Frauen im Fußball ein: Almuth Schult (rechts) in einem - mittlerweile fast schon legendären - Werbespot der DFB-Frauen, der klug mit Klischees rund um Frauen und Fußball spielte. (Bild: Youtube / Commerzbank AG)

"Die Spielerinnen beziehen ein Mindestgehalt"

teleschau: Die Fußballbundesliga der Frauen wird demnächst bei Telekom und DAZN zu sehen sein. Pro Spieltag kommt aber auch eine Partie im Free TV bei SPORT1 und hin und wieder auch bei ARD und ZDF. Eine gute Lösung?

Almuth Schult: Grundsätzlich eher ja, weil sich verschiedene Sender engagieren. Allerdings wird der Spieltag so natürlich auf mehrere Tage und viele Anstoßzeiten verteilt, um ihn besser vermarkten zu können. Das Gleiche wird ja auch beim Männerfußball kritisiert. Gerade die Deutschen lieben beim Fußball Konferenzen und Spieltag-Shows. Die werden natürlich stark entwertet, wenn kaum Spiele zur gleichen Zeit stattfinden. Für die Liga als Marke wäre eine stärkere Einheitlichkeit der Spielzeiten eventuell besser gewesen. Jetzt wird an vier Tagen gespielt und das bei Sportlerinnen, die nicht alle voll professionell dabei sind. Das ist dann für die Einzelnen auch privat schwer umzusetzen.

teleschau: Sie selbst sind nach der EM nach Los Angeles gewechselt zu Angel City FC. Ein Club, der von Frauen wie Hollywoodstar Natalie Portman gegründet und geleitet wird. Wie fühlt sich der Frauen-Profifußball in Amerika an?

Almuth Schult: Es war bis jetzt eine tolle, absolut bereichernde Erfahrung - auch wenn ich nun zurück in Deutschland bin, weil wir die Playoffs in den letzten drei Spielen vergeigt haben. Doch ich habe viele neue Dinge kennengelernt. Die Liga dort ist komplett professionell, was es in Europa erst jetzt ganz neu in England gibt. Die Spielerinnen beziehen ein Mindestgehalt. Man kann sich sicher sein, dass jede Spielerin dort professionell arbeitet. Wir hatten 16.000 Dauerkarten verkauft. Davon können Mannschaften in Europa nur träumen. Die Fans im Stadion kannten sich ebenso aus. Sie kannten alle Spielerinnen auf dem Platz und auch die Philosophie der Mannschaft.

"Keine Frau weiß, wie eine Schwangerschaft ihren Körper verändert"

teleschau: Sie haben zwei kleine Kinder. Wie ließ sich das mit dem Sport vereinbaren?

Almuth Schult: Auch das ist in den USA viel normaler als in Deutschland. Hier war ich die einzige spielende Mutter in der gesamten Liga. In den USA konnten mein Mann und meine Kinder problemlos mitreisen, wenn wir auswärts antreten mussten. Meine Kinder durften sogar im Mannschaftsbus mitfahren. Das würde in Deutschland niemand machen, weil die Kinder ja die Mannschaft ablenken könnten. Sogar in der Kabine vor und nach dem Spiel konnten sie dabei sein, daran musste sogar ich mich erst gewöhnen. Davor gab es bisher nur zwei Ausnahmen: nach einem EM-Spiel in der Euphorie des Sieges und dem letzten Heimspiel beim VfL Wolfsburg.

teleschau: In Amerika sind Spielerinnen beim Fußball-Verband und nicht beim Verein angestellt. Ist das ein gutes Modell?

Almuth Schult: Ja und nein. Einerseits herrscht so vermutlich eine höhere Lohngerechtigkeit, andererseits ist der Ort deines Arbeitsplatzes auch weniger sicher, weil man Spielerinnen leichter "traden" kann. Vereine können einen einfach verkaufen - weil man grundsätzlich eben nur bei der Liga angestellt ist.

teleschau: Warum gibt es eigentlich keine Mütter in der Fußball-Bundesliga?

Almuth Schult: In Deutschland trennt man gerne Berufliches und Privates - was bei professionellen Mannschafts-Sportlerinnen aber zum Teil schwer ist. Fußball ist ein Job, bei dem man selbst nicht die Termine bestimmt. Man muss sieben Tage pro Woche abrufbar sein. Kinder zu haben, lässt sich kaum vereinbaren mit flexiblen Trainings-, Spiel- und Reisezeiten. Dazu kommt, dass keine Frau weiß, wie eine Schwangerschaft ihren Körper verändert. Niemand kann sich sicher sein, ob man nach einem Jahr ohne Spielpraxis wieder an das alte Level herankommt. Gerade, wenn man noch nicht ganz oben angekommen ist, möchte man kein Jahr wegen einer Babypause verpassen, denn genau dieses Jahr kann darüber entscheiden, ob es überhaupt etwas wird mit der professionellen Fußball-Karriere. Es gibt auf jeden Fall noch viel zu tun, damit Muttersein und Profi-Fußball besser vereinbar werden.