Die WHO sprach sich lediglich für ein Moratorium der Auffrischungsimpfungen zu Gunsten von Erstimpfungen aus

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Tausende User haben seit Anfang November eine Behauptung auf Facebook geteilt, wonach die Weltgesundheitsorganisation (WHO) einen Stopp der Auffrischungsimpfungen gefordert habe. Auch habe die WHO Masken als nutzlos bezeichnet. Aus Mitteilungen der WHO gehen allerdings keine entsprechenden Aussagen hervor. Auch einen Stopp forderte die Gesundheitsorganisation nicht, sondern lediglich ein zeitlich begrenztes Moratorium, um ärmere Länder zunächst ebenfalls mit genügend Impfstoffen versorgen zu können.

Tausende Nutzerinnen und Nutzer haben einen Screenshot mit der WHO-Mitteilung auf Facebook geteilt (hier).

Die irreführende Behauptung: Im geteilten Screenshot heißt es, die WHO habe den Stopp der Auffrischungsimpfungen gefordert. Zudem sei bereits seit anderthalb Jahren bekannt, dass die Maske nicht schütze. Zuletzt verweisen die Posting-Autorinnen und Autoren auf die Stellungnahme von vier EU-Parlamentariern vom 20. Oktober. Dort fiel der Satz: "Keine Regierung darf die Menschen- und Grundrechte einschränken". Besagte Stellungnahme wird in anderen Postings fälschlicherweise als Haltung des gesamten EU-Parlaments ausgelegt. AFP hat dies hier widerlegt.

Facebook-Screenshot der irreführenden Behauptung: 15.11.2021

Wovon spricht die WHO?

Die Überschrift stammt von einem Video des russischen Staatssenders "RT Deutsch". Zu sehen ist eine Rede des WHO-Generaldirektors Tedros Adhanom Ghebreyesus.

Der Ausschnitt stammt aus einer Ansprache vom 4. November. Von einem absoluten Stopp wird in der Rede allerdings nicht gesprochen, die Postings lassen wichtigen Kontext weg. Ghebreyesus sagte:

"Die meisten Länder mit einer hohen Durchimpfungsrate ignorieren nach wie vor unsere Forderung nach einem weltweiten Moratorium für Auffrischungsimpfungen - auf Kosten des Gesundheitspersonals und der gefährdeten Bevölkerungsgruppen in Ländern mit niedrigem Einkommen, die noch immer auf die ersten Dosen warten."

In der WHO-Ansprache geht es demnach um ein Moratorium, also einen Aufschub der Auffrischungsimpfungen, keinen absoluten Stopp. Ghebreyesus erklärt also tatsächlich, Booster-Dosen sollten, außer an immungeschwächte Menschen, aktuell nicht verabreicht werden. Der Grund dafür: Diese Impfdosen würden in ärmeren Ländern benötigt. Nur 0,4 Prozent der weltweit verfügbaren Impfdosen seien dort bisher angekommen. Der WHO-Generaldirektor machte in den vergangenen Monaten bereits mehrfach ähnliche Aussagen zur Auffrischungsimpfung (siehe hier, hier).

Der "RT"-Beitrag, aus dem der geteilte Screenshot stammt, thematisiert diesen Kontext selbst durchaus. Ein Link dazu fehlt allerdings in den Postings, sie zeigen nur die Überschrift.

Masken schützen vor Viren

Im Facebook-Beitrag wird zudem erklärt, die WHO habe bereits im April 2020 die Unwirksamkeit von Masken bestätigt. AFP widerlegte in der Vergangenheit schon mehrfach Behauptungen, Masken würden nicht schützen oder seien sogar gefährlich für die Gesundheit (hier, hier, hier).

Einen Beleg für die angebliche Bestätigung konnte AFP nicht ausmachen. In einer Empfehlung der WHO zur Verwendung von Masken im Kontext von Covid-19 heißt es mit Stand vom 6. April 2020 lediglich:

"Das Tragen einer medizinischen Maske ist eine der Präventionsmaßnahmen, die die Ausbreitung bestimmter Viruserkrankungen der Atemwege, einschließlich Covid-19, einschränken können. Das Tragen einer Maske allein ist jedoch unzureichend, um ein angemessenes Schutzniveau zu gewährleisten, und andere Maßnahmen sollten ebenfalls ergriffen werden."

Auch auf einer später veröffentlichten Informationsseite der WHO vom Dezember 2020 heißt es: "Masken sollten als Teil einer umfassenden Strategie von Maßnahmen zur Eindämmung der Übertragung und zur Rettung von Leben verwendet werden. Die Verwendung einer Maske allein reicht nicht aus, um einen angemessenen Schutz gegen COVID-19 zu gewährleisten."

Bereits im Dezember 2020 legte die Gesellschaft für Aerosolforschung (GAeF) in einem Positionspapier die Funktionsweise verschiedener Masken dar. Die Vereinigung fördert die wissenschaftliche Arbeit zu winzigen luftgetragenen Partikeln (Aerosole), die unter anderem auch Viren transportieren können. Eine sachgemäße und großflächige Verwendung von geeigneten Masken könne laut GAeF die Verbreitung von Viren effektiv eindämmen, erläutern die Autorinnen und Autoren des Papiers.

Eine Studie des Max-Planck-Instituts für Chemie (MPIC) in Mainz zeigte ebenso im Mai 2021, dass in den meisten Alltagssituationen bereits eine einfache OP-Maske das Infektionsrisiko mit Corona senken kann. N95- und FFP2-Masken seien vor allem in virenreichen Innenräumen erforderlich. Dazu zählen demnach medizinische Einrichtungen und dicht besetzte Innenräume.

"Unsere Methode setzt die Wirkung von Masken und anderen Schutzmaßnahmen in Bezug zu Infektionswahrscheinlichkeiten und Reproduktionszahlen," erklärte Hang Su, Forschungsgruppenleiter am Max-Planck-Institut für Chemie in einer Mitteilung des Max-Planck-Instituts vom 20. Mai. Um die Reproduktionszahl eines Virus von drei auf unter eins zu reduzieren, müssten demnach 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung eine chirurgische Maske korrekt tragen. Bei N95- und FFP2-Masken seien es nur noch 40 Prozent. Für ansteckendere Varianten müsse dieser Prozentsatz angepasst werden.

Die Sprecherin des Instituts, Susanne Benner, erklärte AFP, Masken seien eine mechanische Barriere, um Aerosolpartikel aufzuhalten. Die Filterwirkung könne sich entfalten, wenn die Maske "sehr dicht am Gesicht" anliegt und die Person "durch das Maskenmaterial atmet."

Auch eine andere wissenschaftliche Studie von Forschern der Universität Pennsylvania und der Universität Cambridge bestätigt dieses Ergebnis. Sie weist darauf hin, dass es immer mehr Beweise dafür gebe, dass die "Verwendung von Masken die Übertragung von SARS-CoV-2 verhindert".

Besonders FFP-Masken sind laut BfArM ein effektives Mittel zum Infektionsschutz. Eine FFP2-Maske müsse in Tests mehr als 94 Prozent der Aerosole filtern. Bei FFP3-Masken seien dies sogar 99 Prozent. Ein Bericht des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) weist darauf hin, dass solche Masken wesentlich teurer seien. Die enge Passform könne zudem als unangenehm empfunden werden und Hautprobleme würden ebenfalls häufiger auftreten. Der zusätzliche Nutzen der Masken außerhalb des Gesundheitswesens wird vom ECDC als gering beschrieben.

Das EU-Parlament hat keine Grundrechtsverletzungen kritisiert, nur einzelne Abgeordnete

Das auf Facebook verbreitete Zitat fiel in ähnlicher Form auf einer Pressekonferenz, welche am 20. Oktober 2021 in Straßburg unter dem Titel "Defending fundamental rights by opposing the misuse of Digital Green Certificate" stattfand.

Dort traten vier Politikerinnen und Politiker auf: die beiden fraktionslosen Abgeordneten des Parlaments (MdEPs) Francesca Donato und Ivan Vilibor Sincic, Cristian Terhes von der Mitte-Rechts-Fraktion "Konservative und Reformer" und Christine Anderson, AfD-Mitglied und Abgeordnete in der rechtspopulistischen Fraktion "Identität und Demokratie".

Während der Konferenz äußerten die Abgeordneten tatsächlich Kritik am digitalen Impfzertifikat. Mit diesem Zertifikat können Bürgerinnen und Bürger der EU nachweisen, dass sie gegen das Coronavirus geimpft, davon genesen oder darauf getestet sind. Die Abgeordneten sprachen allerdings nicht für das gesamte EU-Parlament (mehr dazu hier).

Fazit: Der WHO-Generaldirektor sprach in einer Rede Anfang November von einem Moratorium für Auffrischimpfungen, nicht von einem absoluten Stopp. Belege für Kritik der WHO an der Maske lassen sich nicht finden. Sie forderte lediglich deren Einbettung in ein Gesundheitskonzept. Tatsächlich empfahl die Organisation Masken mehrfach als Schutzmaßnahme.

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